Frauen warten auf den Übergang am Checkpoint Huwara © MachsomWatch
Frauen warten auf den Übergang am Checkpoint Huwara © MachsomWatch

Buch Der Konflikt zeigt sein wahres Gesicht

Am Checkpoint Huwara bestimmt die israelische Armee: Für junge PalästinenserInnen bedeutet der Checkpoint oft Endstation. Israelische Elitesoldaten und palästinensische Widerstandskämpfer sprechen in Karin Wengers Buch über den Konfliktalltag.

«Deshalb gibt es Checkpoints. Nicht weil sie unser Leben viel sicherer machen, sondern weil sie uns das Gefühl geben, dass die dort drüben auch drüben bleiben und nicht nach Israel kommen können.»

Der ehemalige Elitesoldat Yehuda liefert diese Erklärung für die erdrückende Präsenz der israelischen Armee in den besetzten Gebieten. Er ist einer der «Helden», die im Buch Checkpoint Huwara zu Wort kommen.

Ein anderer ist der Palästinenser Mohammed. Er beschreibt seine Verhaftung am Kontrollposten so: «Dann stellten sie sich vor mich hin, zwei oder drei Soldaten, die mir die Gewehrmündung an die Stirn drückten und mich in die Knie zwangen. Sie waren schussbereit, den Finger am Abzug. Einmal hob die Soldatin den Kopf, sah mich an. Voller Abscheu, als ob ich ein Monster wäre.»

Trügerische Vorstellungen

Die Porträts ehemaliger israelischer Elitesoldaten und palästinensischer Widerstandskämpfer sind ein beeindruckendes Zeugnis subtiler gesellschaftlicher Ansprüche, die junge Menschen zu Maschinen machen. Sowohl die palästinensische als auch die israelische Gesellschaft locken mit dem Versprechen sozialer Anerkennung neue Kräfte an die Front.

So träumt der junge Palästinenser vom Märtyrertod, während der Wunsch des Israelis schon früh darin besteht, möglichst in einer Eliteeinheit dem Vaterland zu dienen. Einmal mittendrin, zerbricht das sozial konstruierte Bild und der Konflikt zeigt sein wahres Gesicht: Granaten, zerstörte Häuser, schlaflose Nächte und terrorisierte Menschen werden zum traumatischen Kriegsalltag. Die Gewaltspirale dreht sich immer weiter, da PalästinenserInnen und Israelis kaum etwas voneinander wissen.

Geheime Begegnung

Einmal aber führt die Autorin Karin Wenger den Fallschirmjäger Shai und den Flüchtling Mohammed für einen Abend in Ramallah zusammen. Das Treffen musste geheim bleiben, da ihre Familien und Freunde dafür kein Verständnis gehabt hätten. Beide waren nervös und sprachen nicht viel. Das Eis zwischen ihnen konnte an jenem Abend nicht gebrochen werden, aber Shai empfand das Treffen als «okay».

Indem sie die ProtagonistInnen ungeschminkt zu Wort kommen lässt, wirbt Karin Wenger, die u.a. für die «Neue Zürcher Zeitung» aus dem Nahen Osten berichtet hat, um Verständnis für diejenigen, welche direkt in den Konflikt verstrickt sind. Die Leserschaft kann sich in die Gedankenwelt der Soldaten oder Widerstandskämpfer hineinversetzen und deren Taten nachempfinden.

Distanz zur Politik

Auf Distanz geht Wenger hingegen zu den politischen EntscheidungsträgerInnen. Sie werden im Buch nur in ergänzenden Reflexionen der Autorin erwähnt. Es entsteht dadurch das Gefühl, dass der Anstoss zu einer Beilegung des Konflikts nicht von übergeordneter Stelle zu erwarten ist.

Paradoxerweise scheinen es gerade die Soldaten selbst, die durch Dienstverweigerung und Aufklärung eine Veränderung herbeiführen könnten. Einige der porträtierten Soldaten sind nach ihrer Armeezeit der Gruppierung «Breaking the Silence» beigetreten, welche die eigenen Taten hinterfragt und die israelische Öffentlichkeit über die Besatzung informieren möchte.

Karin Wenger: Checkpoint Huwara. Israelische Elitesoldaten und palästinensische
Widerstandskämpfer brechen das Schweigen. NZZ Libro 2008. Ca. Fr. 39.–

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von September 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion