Skurriler Humor: Hochzeitsszene im peruanischen Film «La teta asustada» © Trigon
Skurriler Humor: Hochzeitsszene im peruanischen Film «La teta asustada» © Trigon

Film Singen gegen die Angst

Von den tiefen Spuren, welche der peruanische Bürgerkrieg in den Menschen hinterlassen hat, und dem Weg einer jungen Frau zu sich selbst handelt der preisgekrönte Film «La teta asustada» von Claudia Llosa.

Zuerst ist nur der raue Wind zu hören, der durch die karge Landschaft des Altiplanos fegt. Dann erklingt ein mit zittriger Stimme gesungenes Lied in Ketschua, bevor die Stimme für immer erstirbt: Mit dem Tod der Mutter beginnt die Geschichte der jungen Peruanerin Fausta, deren schwangere Mutter während des Bürgerkriegs vergewaltigt worden war.

Diese traumatische Erfahrung hat Fausta als Ungeborene miterlebt und später mit der Muttermilch aufgesogen – «verängstigte Brust» wird die Verstörung solcher Kinder im peruanischen Volksmund genannt. Um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen, hat Fausta es einer Nachbarin aus dem Heimatdorf gleichgetan: Sie trägt eine Kartoffel in der Vagina, die dort ihre Keime treibt.

«Andere Zeiten»

Es habe keinen Sinn, von der Vergangenheit zu reden, «jetzt sind andere Zeiten», meint Faustas Onkel, bei dessen Familie in einem Armenviertel am Rand von Lima die junge Frau lebt. Doch der Bürgerkrieg zwischen der maoistischen Guerillaorganisation Sendero Luminoso und dem Militär ist noch nicht so lange her und hat tiefe Spuren hinterlassen: Die 2001 eingesetzte Kommission für Wahrheit und Versöhnung hat für den Zeitraum zwischen 1980 und 2000 rund 70000 ermordete Menschen, unzählige Vergewaltigungen, Entführungen und andere Menschenrechtsverletzungen verzeichnet.

Erst im April wurde der peruanische Expräsident Alberto Fujimori wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen während seiner Zeit als Staatschef zu      25 Jahren Haft verurteilt – gegen das Urteil legte er Berufung ein. Und in den letzten Monaten machte Sendero Luminoso mit vereinzelten Angriffen auf das Militär erneut von sich reden.

Nach dem Tod ihrer Mutter auf sich gestellt, beginnt Faustas schwieriger Weg aus ihrem inneren Gefängnis heraus. Wenn die Angst sie überkommt, so erfindet sie Lieder auf Ketschua, die ihren Seelenzustand beschreiben. Sie handeln etwa von der Taube, die aus Angst ihre Seele verloren hat und diese nun suchen muss.

Metaphorische Bilder

Die Handlung des Filmes ist schnell erzählt: Damit Fausta der Tradition entsprechend ihre Mutter in den Anden begraben kann, nimmt sie eine Stelle als Dienstmädchen bei einer reichen Komponistin an. Durch die Begegnung mit der Musik und die Freundschaft mit dem Gärtner öffnet sie sich langsam. Dies widerspiegelt nicht ihr schönes aber verschlossenes Gesicht, sondern zeigen vielmehr ihre Gesten. So möchte sie bei der Begrüssung des Gärtners mit einer Blume ihre Sympathie zeigen, lässt die Blume aber im letzten Moment doch fallen.

Faustas Lebensmut gewinnt schliesslich die Oberhand, als die Komponistin ihr Lied verwendet und damit die High Society von Lima begeistert, ohne die vereinbarte Gegenleistung zu erbringen. Erst jetzt entschliesst sich Fausta zur Freiheit, indem sie die Kartoffel operativ entfernen lässt und ihre Mutter mit Blick aufs offene Meer begräbt.

Film holte den Goldenen Bären

Claudia Llosa, die Nichte des peruanischen Autors Mario Vargas Llosa, hat mit ihrem zweiten Spielfilm am Berliner Filmfestival 2009 den Goldenen Bären und den Preis der internationalen Filmkritik gewonnen. Es war das erste Mal in der mehr als sechzigjährigen Geschichte der drei grossen Festivals Cannes, Berlin und Venedig, dass ein lateinamerikanischer Film spanischer Sprache die höchste Auszeichnung erhielt.

Die deutsche Presse allerdings reagierte nicht rundum begeistert: Der karge Film, der von wenigen Dialogen und starken Bildern lebt, greife zu stark auf psychologische Motive zurück, kritisierte etwa die «Berliner Zeitung».

Skurriler Humor

Tatsächlich ist «La teta asustada» mit symbolischen Bildern aufgeladen – dies wirkt jedoch weder kitschig noch künstlich. Die bedeutungsvolle Symbolik wird nämlich immer wieder von skurrilen Situationen durchbrochen. Dazu gehört etwa die Szene beim Bestatter, wo Särge für jeden Geschmack und Charakter zu haben sind: Modelle für Sportler, Frömmler oder Sexbesessene. Unvergesslich auch die absurden Hochzeitsfeste, zu denen Faustas Tante jeweils die Torten liefert und wo die ganze Familie das Dienstpersonal stellen muss. Wie da in der kargen Andenlandschaft mit viel rosa-weissem Pomp der perfekte Moment inszeniert wird, das hat etwas Tragikomisches.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von September 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion