Minarettinitiative «Öffentliche Moscheen fördern Integration»

Ende November 2009 stimmt die Schweiz über die Minarettinitiative ab. Zu befürchten ist, dass in der Abstimmungsdebatte die Angst vor dem Islam geschürt wird. Dagegen helfen sachliche Informationen, sagt der Islamwissenschaftsprofessor Reinhard Schulze. Er plädiert für öffentliche Moscheen, die nicht für eine bestimmte Interpretation der islamischen Tradition monopolisiert werden können.

Minarett auf Kreta © Wolfgang Sauber Minarett auf Kreta © Wolfgang Sauber

AMNESTY: Die InitiantInnen der Vorlage sagen, das Minarett sei kein religiöses Symbol. Ist das reine Polemik?
Reinhard Schulze:
Das ist eine sehr polemische Aussage in dem Sinne, dass man versucht, von vornherein zu sagen, dass es sich um ein Symbol für etwas anderes handelt. Konventionell gesehen, ist das Minarett so religiös, wie der Kirchturm religiös ist. Es ist ein Kennzeichen dafür, dass an dem Ort, wo das Minarett steht, eine Moschee ist – so ist es im religiösen Kontext auch zu verstehen.

Aber es gibt Moscheen ohne Minarett – nicht nur in den Hinterhöfen.
Sicher, eine Freitagsmoschee ohne Minarett ist theoretisch möglich. In manchen Ländern, etwa in China, gibt es keine Minarette, dafür hat die Moschee eine ähnliche Baustruktur wie eine Pagode. Und manche islamischen Fundamentalisten sagen, in der Frühzeit der islamischen Geschichte habe es keine Moscheen mit einem Minarett gegeben, also dürften jetzt auch keine gebaut werden. Insofern ist das Argument, eine Moschee brauche kein Minarett, das Argument islamischer Fundamentalisten.

Können Sie beziffern, wie hoch der Anteil der in der Schweiz lebenden Muslime und Musliminnen ist, die regelmässig Moscheen besuchen?
Der Anteil der Muslime, die ihre Religi on regelmässig – auch bei sich zu Hause – praktizieren, dürfte bei zwanzig Prozent liegen. Achtzig Prozent der Menschen, die aus einem muslimischen Land stammen, haben keinen praktischen Bezug zu ihrer Religion, sondern eher ein ethisches, ein rein spirituelles oder gar kein Verhältnis dazu. Vielleicht nur zehn Prozent der muslimischen Bevölkerung in europäischen Ländern sind mit Moscheen verbunden, als Mitglieder eines Moschee- vereins oder einer tragenden Organisation einer Moschee. Also eine relativ kleine Gruppe, die sich in etwa mit dem Anteil der praktizierenden ChristInnen in einer säkularisierten Gesellschaft deckt.

Fördert eine Moschee die Integration oder verhindert sie diese?
Sie fördert die Integration auf jeden Fall: In dem Moment, wo eine Moschee im öffentlichen Raum steht, hat jeder Mensch Zutrittsrecht. Mit öffentlichen Moscheen haben wir auch eine öffentliche Kontrolle, einen öffentlichen Diskurs über das, was in der Moschee stattfindet. So kann eine Moschee nicht mehr für eine bestimmte Interpretation der islamischen Tradition oder gar für eine bestimmte politische Anschauung monopolisiert werden.

Diese Monopolisierung geschieht heute?
So lange wir keine öffentlichen Moscheen haben, geschieht dies vielfach in Hinterhofgebetshäusern, wo dann auch Muslime anderer Traditionen kopfschüttelnd davor stehen und sagen: Was ist denn das hier?

In den Hinterhofmoscheen wächst der politische Extremismus?
Gewiss gibt es einen religiösen Radikalismus an bestimmten Gebetsstätten wie etwa an einer Ulmer Moschee in Deutschland, wo die Dschihad-Union aktiv war. Davor sollte man nicht die Augen verschliessen. Es gibt auch rechtsnationalistische Tendenzen türkischer Gruppen, die in einigen Gebetsvereinen der Schweiz aktiv sind. Nur kann man das nicht symbolisch am Minarett bekämpfen, das hat wenig damit zu tun. Es hängt mit der Vereinsorganisation zusammen, welche die Muslime in Europa, vor allem in deutschsprachigen Ländern, entwickeln müssen: Es sind Privatvereine, und als solche sind sie nicht in der öffentlichen Diskussion und damit auch nicht öffentlich kontrolliert.

Wenn die Moscheen öffentlicher würden, wären solche Aktivitäten weniger möglich?
Ja, davon bin ich überzeugt. Mit der Öffnung der Moschee ist die Möglichkeit für lokale Vereine, dort ihr Süppchen zu kochen, sehr viel geringer. Wenn die Muslime und Musliminnen sehen, dass ihre Moschee wie eine Kirche ist, im öffentlichen Raum steht und keinem gehört, wird sie sehr viel wichtiger und diese Vereine werden unwichtiger, weil jemand, der den Islam praktizieren möchte, dann nicht Mitglied eines Vereins sein muss. Und diese auch für viele Muslime als problematisch, fast als zwangsläufig empfundene Zugehörigkeit zu einem der Vereine würde zumindest relativiert werden.

Würde mit der öffentlichen Moschee tatsächlich auch eine Vermischung oder eine Annäherung der Religionen stattfinden?
In der Schweiz spielt die Religion bei der realen Interaktion der verschiedenen «Völker» praktisch keine Rolle. Von aussen gesehen ist es ja schwer zu erkennen, welcher Religion jemand angehört. Werte- oder Normunterschiede sind in der Alltagspraxis nur sehr begrenzt wirksam. Religionszugehörigkeit wird allerdings oft durch die Namen gekennzeichnet. Aber selbst da herrscht keine Eindeutigkeit. Der arabische Name Yusuf, also Josef, kann einen Juden, einen Christen oder einen Muslim benennen. Daher glaube ich nicht, dass die Religion selbst in der Frage der Integration eine alles entscheidende Rolle spielt, es sind viel mehr soziale Faktoren, die wichtig sind.

Die InitiantInnen werfen aber alle Muslime in einen Topf.
Genau, und da verabschieden sie sich aus dem westlichen Konsens, der besagt, dass Religion bei der sozialen Beurteilung eines Menschen keine Rolle spielen darf. Das Gleichheitsprinzip gilt ungeachtet der religiösen Zugehörigkeit: Das gesamte säkulare Prinzip bricht mit dieser Verurteilung zusammen.

Es existiert eine diffuse Angst vor dem Islam. Wie kann man diese auf konstruktive Art vermindern?
Es benötigt sicherlich primär die Bereitschaft, moralische Urteile auf der Grundlage vernünftiger Informationen und Argumentation zu entwickeln.

Zum Beispiel?
Die Aussage, ein Minarett vertrete den Weltherrschaftsanspruch des Islam, ist nicht einfach nur eine Einstellung, sondern ein Urteil. Und zwar über die gesamte muslimische Gesellschaft in der Schweiz. Dieses Urteil ist auf keiner vernünftigen Erwägung begründet, die Anschauung ist einfach gesetzt. Solange dies so ist, wird es keine wirkliche Diskussion geben. Diskutiert werden kann, wenn sich Menschen gegenseitig auf der vernünftigen Ebene begegnen und ihre moralischen Urteile auf allgemein anerkannte, richtige Informationen gründen.

Weshalb hat man Angst vor dem Islam und nicht etwa vor dem Hinduismus?
Wenn ich diese Frage beantworten könnte, wäre ich sehr froh. Man kann sagen, dieselben Urteile, die es heute gibt, bestehen seit 150 Jahren, es wird immer in derselben Art über die islamische Tradition geredet. Dass der Islam so in den Mittelpunkt der ganzen Diskussion geraten ist, hängt bestimmt auch mit der spezifischen Wahrnehmungsweise der islamischen Religion zusammen, diese aber auf einen Punkt, einen Nenner zu bringen, ist sehr schwierig. Das ist genau wie mit dem Antisemitismus: Welche Erfahrungen haben dazu geführt, dass es Antisemitismus gibt? Es ist einfach eine Stimmung, die nachträglich mit Argumenten ausgestattet wird. Heute haben wir – polemisch ausgedrückt – den Islam als «Stimmungskanone». Er produziert Angst, Entfremdungsgefühle, die aber nicht auf rationalen Urteilen aufgebaut sind, sondern auf beinahe archaischen Ängsten, die es in Gesellschaften oder in Krisenzeiten immer gibt.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von September 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion