Brennpunkt Neue Flüchtlingswelle in Pakistan

Mitte Oktober 2009 hat die pakistanische Armee in Süd-Waziristan, einem der Stam­mes­gebiete an der Grenze zu Afghanistan, ihre jüngste Of­fen­sive gegen die Taliban ge­startet. Die Armee hat die Region bereits seit Monaten bombardiert. Nach Angaben des UNHCR sind bis Ende Oktober mehr als 200000 Men­schen aus Süd-Waziristan ge­flohen.

Flüchtlinge im Lager von Jalala, Pakistan © UNHCR/H. Caux

Dies ist bereits der zweite be­waf­fnete Konflikt in Pakistan in diesem Jahr. Im April startete die Armee eine Offensive ge­gen die Taliban im Swat-Tal, weiter im Norden des Landes. Über zwei Millionen Menschen sind vor diesen Kämpfen geflohen. Nach der Niederlage der Taliban und dem Ende der Kämpfe sind zwar viele in ihre Dörfer zurückgekehrt, aber noch immer leben mehr als eine halbe Million Menschen als intern Vertriebene in der Region.

«Die Situation in Süd-Waziris­tan ist noch schlimmer als im Swat-Tal», erklärt Sam Zarifi, der Asien-Pazifik-Direktor von Amnesty International. Die Si­tu­ation im grössten der sieben Stammesgebiete unter Bundes­ver­waltung sei derart unsicher, dass nur ganz wenige Hilfs­or­ga­ni­sationen dort arbeiten könnten. «Zudem steht der Win­ter vor der Tür. Es droht eine neue Katastrophe.» Zarifi fordert von der pakistanischen Regierung, rasch mit der nötigen Infrastruktur ausgestattete Flüchtlingsunterkünfte bereitzustellen.

Systematisch schikaniert

Amnesty Inter­na­tio­nal kritisiert, dass durch Aus­gangssperren in Tank und die Blockierung der Strasse nach Dera Ismail Khan viele Men­schen aus Süd-Waziristan nicht in sicherere Gebiete flüchten konnten. Als besonders gravierend be­zeichnet Amnesty Inter­na­tional, dass offenbar An­ge­höri­ge des Mehsud-Stammes von der pakistanischen Armee während der Flucht systematisch schikaniert und diskriminiert werden. Gemäss Zeugen­aussagen haben Soldaten es Mitgliedern des Stammes verboten, auf den Hauptstrassen zu flüchten. «Wir mussten zu Fuss über die Berge gehen, weil sie uns von der Strasse vertrieben haben», schilderte ein Familienvater, was ihm und seiner Familie widerfahren war. Er war mit einer 60-köpfigen Gruppe von 5 Familien, darunter 15 Kinder und 17 Frauen, auf der Flucht nach Tank.

300'000 der in Süd-Waziristan lebenden rund 450'000 Men­schen sind Angehörige des Mehsud-Stammes, die restlichen sind grösstenteils Ange­hö­rige des Wazir-Stammes. Zwei der Anführer der Taliban in dieser Region, Hakimullah Mehsud und Qari Hussain, gehören zum Mehsud-Stamm. Hussain gilt als Organisator der zahlreichen Selbstmordatten­ta­te, die in den letzten Wochen in ganz Pakistan Hunderte von Todesopfern und Verletzten gefordert haben. Seit Kurzem haben die islamistischen Selbst­mordattentäter auch Schulen und Universitäten im Visier.

Es gehe nicht an, Mitglieder des Mehsud-Stammes deshalb kollektiv zu bestrafen, kritisiert Sam Zarifi. Sowohl das Völker­recht als auch die Menschen­rechte verbieten Kollektivstra­fen. Amnesty International fordert deshalb von der pakistanischen Armee, Schikanierung und Bedrohung von Angehöri­gen des Mehsud-Stammes so­fort zu beenden. «Die Grup­pe hat seit Jahren unter der Un­ter­drückung durch die Tali­ban gelitten», sagt Zarifi. «Die Re­gie­rung muss einen Weg finden, ihre Sicherheit zu gewährleisten – nicht ihre Si­tua­tion weiter verschlimmern.»

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von November 2009
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion