Flüchtlinge aus dem Swat-Tal bei der Essensverteilung. © UNHCR/ A. Fazzina
Flüchtlinge aus dem Swat-Tal bei der Essensverteilung. © UNHCR/ A. Fazzina

Pakistan Eine Million Menschen auf der Flucht

Mehr als zehn Monate dauern mittlerweile die Militäroffensiven der pakistanischen Armee gegen die Taliban im Nordwesten des Landes an. Millionen von Menschen wurden vertrieben und um ihr Hab und Gut gebracht. Die Stärke der Taliban scheint trotzdem noch immer ungebrochen.

Seit Anfang 2004 geht Pakistan im Grenz­gebiet zu Afghanistan militärisch gegen die Taliban und deren Verbündete vor. Jede Offensive führt zu Vertreibungen der unbeteiligten Zivil­bevölkerung. Trotzdem gelingt es den Taliban immer wieder, in andere Distrikte auszuweichen und sich neu zu formieren.

Der bislang grösste bewaffnete Konflikt begann im April des vergangenen Jahres, als die Armee eine Grossoffensive gegen die radikalen Islamisten im nördlichen Swat-Tal startete und damit so viele Menschen wie noch nie zuvor zur Flucht zwang. Gemäss Schätzungen der Vereinten Nationen lebten im Juli 2009 rund 3,5 Millionen Menschen aus der Region Swat als intern Vertriebene.

Nach dem Ende der Kämpfe sind zwar viele von ihnen wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt, gegen 750000 Menschen leben aber immer noch als Flüchtlinge im eigenen Land. Unter ihnen auch die 17-jährige Ameena, die im Juni 2009 mit ihrer Familie floh, nachdem ihr Vater vor ihren Augen von Taliban erschossen worden war. Die Familie fand Zuflucht in einem Lager in der Nähe der Stadt Haripur, das vom Pakistanischen Roten Halbmond (Pakistan Red Crescent Society, PRCS) betrieben wird.

Die schrecklichen Ereignisse verfolgen Ameena jede Nacht im Schlaf. Sie leidet unter Angstzuständen und ist depressiv. Für Naila Zeb, Programmverantwortliche für psychosoziale Unterstützung beim PRCS, ist der Zustand von Ameena symptomatisch für viele Vertriebene, die traumatische Erfahrungen durchleben mussten. «Viele Flüchtlinge kommen mit der Entwurzelung, dem Verlust des vertrauten Umfelds und der Sorge um vermisste Angehörige nicht zurecht. Besonders viele posttraumatische Störungen stellen wir bei Frauen und Kindern fest.»

Die Rückkehr ins Swat-Tal ist für die Vertriebenen eine herbe Enttäuschung: Die Infrastruktur ist vielerorts zerstört, und die Ernte blieb wegen der Kampfhandlungen liegen. Viele kehrten zu spät für die neue Aussaat in ihre Dörfer zurück. Das heisst, auch im folgenden Jahr wird es keine Ernte geben. Dies bedroht das Überleben der Familien. Zu­dem wurden unzählige Schulen während der Kämpfe zerstört. Viele gut ausgebildete Berufsleute, darunter Lehrerinnen und Lehrer, mussten auf Jobs in den Städten Islamabad oder Peshawar ausweichen, um ihre Familien über Wasser zu halten. Ein Grossteil der Kinder hat bereits ein Schuljahr verloren. Der Wiederaufbau der Schulen gelingt nur schleppend. Die zwangsweise Unterrichtspause könnte deshalb noch längere Zeit andauern.

Schauplatz Waziristan

Im Gegensatz zur Überraschungsoffensive im Swat-Tal hatte die Regierung in Islamabad den Angriff auf Süd-Waziristan im letzten Oktober offiziell angekündigt. So blieben den Menschen immerhin ein paar Tage Zeit, die Flucht vorzubereiten. Zwischen Oktober und November 2009 flohen über 400000 Menschen aus Süd-Waziristan in die angrenzenden Distrikte Dera Ismail Khan und Tank. Viele  wurden jedoch zu Beginn der Offensive mit Strassen- und Ausgangssperren an der Flucht gehindert. Betroffen waren Angehörige des Mehsud-Stammes, der drei Viertel der Bevölkerung Süd-Waziristans ausmacht. Grund für diese kollektive Bestrafung ist die Herkunft zweier Talibanführer. Hakimullah Mehud und Qari Hussain gehören beide dem Mehsud-Stamm an.

Schätzungen zufolge befinden sich weniger als zehn Prozent der Vertriebenen in Flüchtlingslagern. Die meisten Flüchtlinge leben nicht in Lagern, sondern – oft ge­gen ein Entgelt – bei Gastfamilien, die ihnen Innenhöfe oder andere behelfsmässige Unterkünfte zur Verfügung stellen.

Behörden versagten

Obwohl die Militäreinsätze lange geplant war, hat die pakistanische Regierung bei der Hilfe für die Vertriebenen versagt. Koordinationsprobleme zwischen staatlichen Stellen und Kontrollansprüche der Armee verhindern eine ausreichende Versorgung. Litten die Flüchtlinge aus dem Swat-Tal unter unerträglicher Sommerhitze, kämpfen die Vertriebenen aus Waziristan mit Temperaturen um den Gefrierpunkt. Besonders schwierig sind die hygienischen Bedingungen und die Versorgung mit Trinkwasser. Gemäss dem Zentrum für Information über intern Vertriebene (Internal Displacement Monitoring Centre, IDMC) in Genf leidet einer von sieben Vertriebenen an Unterernährung.

Internationale Organisationen und nationale Medien haben nur beschränkt Zugang zur Konfliktzone und zu den Flüchtlingslagern. Unabhängige Informationen über die Situation der Zivilbevölkerung sind kaum verfügbar. Dagegen verbreitet die Regierung regelmässig Berichte über den Erfolg der Militäroperationen und die Anzahl der getöteten Taliban.

Anstelle von herkömmlichen Hilfs­­gütern erhalten registrierte Waziristan-Vertriebene von der Regierung eine sogenannte Cash Card, mit der sie pro Fa­milie monatlich 5000 Rupien (rund 75 Fran­ken) beziehen können. Dieses System berücksichtigt zwar, dass die meisten Vertriebenen nicht in Camps, sondern bei Gastfamilien leben. Es schliesst jedoch all jene aus, die keine Identitätskarte besitzen oder diese auf der Flucht verloren haben. Vor allem Frauen in den Stammesgebieten besitzen traditionsgemäss keine Papiere.

Unter den Vertriebenen aus der Region Waziristan befinden sich auch afghanische Staatsangehörige, die vor kriegerischen Auseinandersetzungen im eige­nen Land nach Pakistan geflohen sind. Sie sind oftmals schon mehrere Jahre wegen verschiedener Kriegskonflikte auf der Flucht und können von  der pakistanischen Regierung keinerlei Hilfe erwarten: Nur Pakistani haben Anspruch auf Unterstützung.

Frauen auf der Flucht

Frauen, Kinder und alte Menschen machen den grössten Teil der Vertriebenen aus, da viele Männer zurückblieben, um die Besetzung und Plünderung der heimat­lichen Höfe zu verhindern. Für die Frauen aus dem Swat-Tal und Waziristan ist die Flucht besonders problematisch, denn sie leben traditionsgemäss zurückgezogen. Sie bewegen sich kaum ausserhalb der eigenen vier Wände und sprechen nur mit Männern aus der eigenen Familie. Das Leben ohne schützende Wände, mit fremden Menschen (und Männern) in Zeltstädten oder bei Gastfamilien, bedeutet einen heftigen Bruch mit ihrer sozialen Rolle. Um zu den Brunnen und Wassertanks zu gelangen oder um die sanitären Einrichtungen ausserhalb der Camps aufzusuchen, müssen die Frauen die schützenden Zelte verlassen, für viele ein kaum zu überwindendes Hindernis.

Gemäss PRCS-Programmleiterin Naila Zeb stellt die medizinische Versorgung der weiblichen Flüchtlinge eine der grössten Herausforderungen dar. «Die Konsultation eines männlichen Arztes ist den Frauen aus den Stammesgebieten auch in medizinischen Notfällen streng verboten», so Naila Zeb. «Viele suchen aus Angst und Scham die medizinischen Stationen in den Lagern gar nicht auf. Deshalb gehen wir zeitweise mit Ärztinnen und Krankenschwestern zu den Frauen, um ihnen medizinische Hilfe anzubieten. Diese Methode ist zwar sehr aufwändig, hat sich aber gut bewährt.»

Attentatsserie

Als Reaktion auf die Militäroffensive in Süd-Waziristan begann eine neue Welle von Selbstmordattentaten im ganzen Land. Allein zwischen Oktober und Dezember 2009 starben über 400 Menschen bei Selbstmordattentaten, Tausende wurden schwer verletzt.
Trotz der Bomben lassen sich die Taliban nicht vertreiben. Ein Ende der Militär­offensive oder ein Strategiewechsel der Regierung sind nicht in Sicht. Viele Dörfer sind komplett zerstört. Die Men­schen in den Stammesgebieten haben alles verloren und fühlen sich von der Regierung verraten. Der Nährboden für Extremismus breitet sich gefährlich schnell aus. Je grösser Armut und Verzweiflung, desto leichter gelingt den Taliban die Rekrutierung neuer Mitglieder. Mit den Militäroffensiven hat Pakistan bis jetzt keine tragfähigen Voraussetzungen für eine fried­­­liche Zukunft geschaffen.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Februar 2010. Verändert im April 2016.
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion