MigrantInnen in Mexiko © AI
MigrantInnen in Mexiko © AI

USA Drama an der Grenze

Hunderttausende Menschen aus Lateinamerika wollen jedes Jahr über die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Obwohl für die US-Wirtschaft als billige Arbeitskräfte unersetzlich, sollen sie modernste Technologie und eine über 1000 Kilometer lange Mauer aufhalten.

Suchscheinwerfer, Infrarotkameras, bewaffnete Banden und Patrouillen der Grenzpolizei – wer in den reichen Norden will, muss auf alles gefasst sein. Dennoch versuchen unzählige Menschen ohne gültige Papiere die Grenze von Mexiko in die USA zu überwinden. Rund 500000 von ihnen erreichen trotzdem jedes Jahr US-amerikanischen Boden. Sie kommen aus El Salvador, Guatemala, Honduras und Me­xiko, manche sogar aus dem fernen Süden Latein­amerikas. Viele haben mehrere Tage und Nächte auf Eisenbahnen oder in klapprigen Bussen zugebracht, bevor sie den Sprung auf die andere Seite wagen, dorthin, wo das angeblich bessere Le­ben lockt. Sie mussten sich von korrupten Polizisten schikanieren lassen, wurden von Jugendbanden überfallen, sprangen unter Lebensgefahr auf fahrende Güterzüge und überwanden unzählige Gefahren, die eine illegale Einreise bereits an der Südgrenze Mexikos mit sich bringt. Andere leben schon länger in Tijuana, Ciudad Juárez und den anderen Grosstädten, die durch die Migration an der 3144 Kilo­meter langen Grenze zwischen dem Golf von Mexiko und dem Pazifischen Ozean entstanden sind.

Häufig klappt die Einreise nicht beim ersten Mal. Immer wieder müssen sich die Migrierenden durch die trockene und karge Landschaft kämpfen, Zäune überwinden oder zwischen Kisten auf der Ladefläche eines Transporters ausharren. Und immer wieder werden sie von der «Migra», den US-Grenzbeamten, aufgerieben, oder sie fallen den rassistischen Bürger­wehren in die Hände, die sich in den Südstaaten gegen die Einwanderer organisiert haben. Manche werden noch nach Jahren des Aufenthalts in den USA abgeschoben und versuchen ihr Glück erneut an der Grenze. Rodolfo Gutiérrez zum Beispiel, ein Migrant aus dem südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca, lebte bereits seit zehn Jahren in Kali­fornien, als ihn die «Migra» festnahm. «Ich hatte keine Aufenthaltsgenehmigung», erklärt er. Seine Familie wartet in Los Angeles auf ihn. «Doch mir fehlt das Geld, um zu meiner Frau und zu meiner Tochter zurückzukehren», sagt Gutiérrez verzweifelt.

Wirtschaftlicher Faktor

Die Reise auf die andere Seite ist teuer. Mindestens 700 Dollar verlangen die «Koyoten», die Schlepper, um ihre Kunden über die Grenze zu schleusen. «Gesamtpakete», mit denen die Menschen von ihrem Heimatort aus bis nach Phoenix, Albuquerque oder Fresno gebracht werden, kosten weitaus mehr. In Mexiko exis­tiert ein umfangreiches System, um zahlungswillige Men­schen aus den entlegensten Regionen des Landes in den reichen Norden zu schleusen. Die meisten MigrantInnen in den USA, etwa 30 Millionen Menschen, stammen aus Mexiko. Praktisch alle Dörfer in den armen Bundesstaaten sind Schlepperorganisationen angeschlossen, jede Gemein­de hat ihren eigenen Ansprechpartner. Die Flucht in den Norden ist zum Alltag geworden, unzählige Menschen sind abhängig von den «Remesas», den Überweisungen der ausgewanderten Familienangehörigen.

Schon lange zählen diese Gelder neben den Einnahmen aus Erdöl und Tourismus zu den wichtigsten Devisen­bringern Mexikos. Die wirtschaftliche Situation auf dem Land hat sich indes zunehmend verschlechtert. Spätestens seit Inkrafttreten des Freihandelsvertrags zwischen den USA, Kanada und Mexiko im Jahr 1994 bleibt den heimischen Kleinbauern kaum mehr eine Überlebensperspektive. Gegen die billigen Agrarimporte der Konkurrenz aus dem Norden haben sie keine Chance. Die Folgen: Mexiko, einst die «Kornkammer des Mais», kauft mittlerweile ein Drittel dieses Grundnahrungsmittels im Ausland ein. Auch die Einfuhr von Rindfleisch, Eiern oder Hühnern nahm um ein Vielfaches zu. Über eine Million Kleinbauern gaben deshalb ihr Ackerland auf und wanderten aus, manche nach Mexiko-Stadt, andere in die USA.

Erntehelfer und Haushälterinnen

In Zeiten der Wirtschaftskrise sind jedoch die Überweisungen der Ausgewanderten zurückgegangen, im Jahr 2008 um 3,6 Pro­zent, wie Analysen zeigen. In den Jahren 2004 bis 2006 waren sie noch um 20 Prozent pro Jahr gewachsen. Trotz­dem, so betont Alejandro Díaz Bautista vom sozialwissenschaftlichen Institut «Colegio de la Frontera Norte», blieben die «Remesas» für die Aufrechterhaltung der mexikanischen Wirtschaft enorm wichtig.

Umgekehrt verweist er auf die grosse Bedeutung der Einwanderung für die USA: «Die Migration spielt eine strategische Rolle in der Beschaffung von billigen und flexiblen Arbeitskräften.» Schätzungen gehen davon aus, dass allein die mexikanischen Einwand­er­er­­innen und Einwanderer einen Jahresumsatz von mehr als einer Billion US-Dollar zur US-Ökonomie beitragen. Viele verdingen sich als Erntehelfer, Haushälterinnen oder Gärt­ner und erwirtschaften so einen wesentlichen Anteil dieses Betrages.
Dennoch versuchten mehrere US-Regierungen, die Grenze für Menschen aus Lateinamerika unüberwindbar zu machen. Bis 1994 trennte bestenfalls ein Stück Stacheldraht die beiden Länder, Menschen passierten die Grenze fast selbstverständlich, Wanderarbeitende kamen und gingen. Dann errichtete Washington Barrieren und verstärkte die Patrouillen. Die Einwanderungspolitik wurde restriktiv. Und spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde die Grenze zur Frage nationaler Sicherheit.

Tödliche Migration

«Um das amerikanische Volk zu schützen», so erklärte der damalige Präsident George W. Bush, beschloss der US-Senat im Jahr 2006, etwa 1100 Kilo­meter der Grenze mit Mauern und Stahlzäunen zu versehen. Kameras, Bewegungsmelder und noch mehr Patrouil­len sorgen seither dafür, dass weniger Menschen in die USA einreisen. Bis 2014 soll die gesamte Grenze von Tijuana im Westen bis Matamoros im Osten Mexikos, mit hochtechnologischem Gerät aufgerüstet, MigrantInnen abwehren. Aber auch für jene, denen die Einreise trotzdem gelingt, sind keine besseren Zeiten in Sicht. Zwar versprach Präsident Barack Obama, die rund zwölf Millionen Papierlosen in den Staaten zu legalisieren. Doch mit einem ähnlichen Versuch ist bereits sein Vorgänger Bush am US-Senat gescheitert.

Die inzwischen praktisch fertiggestellten Barrieren sorgten für internationale Kritik. Obamas mexikanischer Amts­kollege Felipe Calderón verglich den Schutzwall mit der Berliner Mauer, Amnesty International kritisierte das Projekt als «Kriminalisierung der Migration». Tatsächlich ist die Ein­reise für die MigrantInnen noch gefährlicher geworden. Ob­wohl jetzt weniger Menschen über die Grenze gingen, sei die Todesrate gestiegen, erklärt Pfarrer Robin Hoover, dessen Organisation Human Brothers in der Wüste von Arizona Wasser an die Auswanderungswilligen verteilt. «Das ist ein direktes Ergebnis der verstärkten Patrouillen, Zäune und Ausrüstungen», so Hoover. Schon jetzt sterben jährlich zwischen 400 und 500 Menschen beim Versuch, das Land des «American Dream» zu erreichen. Hoover kommt zu einer erschreckenden Einschätzung: «Die Menschen riskieren mehr und bewegen sich viel länger in viel gefährlicheren Gebieten. Deshalb ist jetzt schon absehbar, dass es in Zu­kunft noch mehr Tote geben wird.»

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Februar 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion