Irene Khan im Juni 2009 in Nairobi. © AI
Irene Khan im Juni 2009 in Nairobi. © AI

Buch «Die unerhörte Wahrheit - Armut und Menschenrechte» Armut als Menschenrechtskrise

Irene Khan, die ehemalige Generalsekretärin von Amnesty International, plädiert in ihrem Buch «Die unerhörte Wahrheit» dafür, im Kampf gegen die weltweite Armut vermehrt auf die Menschenrechte zu setzen.

Die ernüchternden Zahlen sind bekannt: Fast eine Milliarde Menschen sind weltweit unterernährt, 1,3 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu     medizinischer Grundversorgung und 2,5 Mil­liarden verfügen über keine sanitären Einrichtungen.

Irene Khan beschäftigt sich in ihrem Buch mit der Frage, warum die globale Armut auch zehn Jahre nach der Verabschiedung der Millenniumsentwicklungs­ziele durch die Uno noch immer wächst. Dabei bemängelt sie, dass die meisten Pläne zur Reduktion der Armut in neoliberaler Manier beim Wirtschaftswachstum ansetzen, den Menschenrechten aber nur eine sehr untergeordnete Rolle beimessen. Genau dies hält Irene Khan aber für falsch: Menschenrechte sind nicht etwa ein Luxus, den sich nur reiche Länder leisten können, sondern vielmehr der Schlüssel zur erfolgreichen Bekämpfung der Armut weltweit. Nur wenn die Rechte aller Menschen geschützt sind und alle sich aktiv am politischen Geschehen beteiligen können, kann eine gerechte und breit abgestützte Entwicklung stattfinden.

Diese These ist nicht neu und wurde bereits vor über zehn Jahren von namhaften Ökonomen wie dem Nobelpreisträger Amartya Sen überzeugend entwickelt. Irene Khan gelingt es aber, der nackten Theorie Leben einzuhauchen und sie mit vielen Beispielen zu illustrieren. Als ehemalige Generalsekretärin von Amnesty International hat sie auf zahlreichen Missionen hautnah miterlebt, was es für die Menschen bedeutet, in Armut zu leben. So nimmt sie uns in ihrem Buch mit auf eine Reise zu den Schattenseiten der Globalisierung, auf der vor allem eines klar wird: Armut ist nicht nur eine Frage des fehlenden Einkommens, Armut bedeutet auch Ausgrenzung, Rechtlosigkeit und ein Mangel an Selbstbestimmung. Die globale Armut ist daher die grösste Menschenrechtskrise überhaupt.

Dass sich eine Organisation wie Amnesty International dieses Themas annehmen muss, scheint nur logisch. Irene Khan war es denn auch, die den Wandel innerhalb der Organisation stets voran­trieb und sich für die Achtung der Unteilbarkeit der Menschenrechte einsetzte. Um den von Armut Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, reiche es nicht aus, nur politische und bürgerliche Rechte einzufordern. Auch die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte müssten ins Zentrum rücken. Denn der Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung sowie der Schutz vor Diskriminierung sind die Grundvoraussetzungen dafür, dass von Armut Betroffene überhaupt in der Lage sind, am politischen Geschehen teilzunehmen und ihre Stimme zu erheben.

Die Frage jedoch, wie Amnesty International sich erfolgreich für die Überwindung der Armut einsetzen kann, lässt Irene Khan in ihrem Buch leider weitgehend unbeantwortet. Für die Zukunft der Organisation ist «Die unerhörte Wahrheit» dennoch ebenso wegweisend wie herausfordernd.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion