Charles Lewinsky © ZVG
Charles Lewinsky © ZVG

Buch «Doppelpass»: Das Rot der Geranien und der Flagge

Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky lässt in einem Fortsetzungsroman einen ausländischen Fussballstar, einen illegal eingereisten Migranten und einen populistischen Politiker aufeinanderprallen. Ein Gespräch über Migration, Gutmenschen und die Maschine der Demokratie.

AMNESTY: Eine dümmliche «Miss Swiss»-Kandidatin, ein verschlagener Politiker und ein gutherziger Fussballer: Sie arbeiten mit schablonenartigen Figuren. Warum?
Charles Lewinsky: «Doppelpass» erschien zuerst als Fortsetzungsroman in der «Weltwoche». Wegen der wöchentlichen Erscheinungsweise musste ich mit Vereinfachungen arbeiten. Sie können nie davon ausgehen, dass die Leute die letzte Folge gelesen haben oder sich noch daran erinnern. Es ist wie in einem Comic-Strip; dort muss man die Figuren auch übersteigert darstellen.

Der Asylsuchende Mike kann die Schweizer Bräuche nicht entschlüsseln.
Es handelt sich um eine alte literarische Figur, eine Art Wesen von einem anderen Planeten, das in unsere Welt kommt und weder die Spielregeln noch die Sprachformen kennt. Es ist eine Form, um typisch Schweizerisches zu zeigen. Aus dem Blickwinkel eines Aussenstehenden, der nichts versteht und sich dann fragt, ob die rote Farbe auf der Schweizer Fahne mit dem Rotton der Geranien zusammenhänge. Oder ob die Securitas die Elite-Truppe der Polizei sei. So merkt der Leser, dass in den Asylzentren wirklich die Securitas regiert. Es ist doch vollkommen crazy, dass der Staat so eine Aufgabe aus den Händen gibt.

Sie beschreiben die Nothilfe für abgewiesene Asylsuchende ausführlich. Finden Sie dieses System menschenwürdig?
Mike findet sich in einer besonders ungünstigen Gemeinde in einem ungünstigen Kanton wieder. Aber ich habe keines der Elemente erfunden, die gibt es alle. Etwa die Migros-Gutscheine, auf die es kein Rückgeld gibt, oder Asylunterkünfte, die man tagsüber nicht betreten darf. Solche absurde Lösungen, die sich irgendein Bürokratenkopf ausgedacht hat, existieren tatsächlich.

Mike erscheint simplifiziert als der arme Asylsuchende, der es nur gut meint.
Um der Vereinfachung entgegenzuwirken, habe ich Mikes Unterstützer nicht nur vorteilhaft gezeichnet. Es gibt in der Schweiz zwei Schwarzweiss-Zeichnungen. Jene der SVP, die sagt: «Alle Migranten sind böse und kriminell», und jene des Gutmenschen-Lagers: «Alle Migranten sind lieb.» Beides ist falsch. Solange wir bei diesem Muster bleiben, wird es ein unlösbares Problem bleiben. Denn die Rechten sind immer die besseren Schwarzweiss-Zeichner. So kann man nicht gewinnen.

Was ist die Alternative?
Wir gehen immer noch davon aus, dass wir – die Schweiz – die Asyldebatte auf Dauer steuern können. Doch das können wir nicht. Migration ist ein Phänomen, das wir als Tatsache akzeptieren müssen, solange das soziale Gefälle und der Leidensdruck in vielen Ländern so gross sind, dass die Leute ihr Leben riskieren, um von dort wegzukommen. Wir müssen akzeptieren, dass es dieses Problem gibt.

Was wären denn Ihrer Meinung nach Ansätze zur Lösung?
Man kann die Probleme Einzelner nur einzeln lösen. Nicht mit dramatischen Aufrufen und nicht mit dem Gefühl, wie lieb und gut wir doch sind. Wenn Sie in Schwamendingen Probleme mit einem Mann vom Balkan haben, dann nützt es gar nichts, wenn ich am Zürichberg wohne und sage: «Das sind doch alles gute Menschen.» Stattdessen ist jeder Einzelne in seinem Bereich gefordert. Manchenorts kommt die grösste Hilfe für Migranten von SVP-Mitgliedern, die ihnen eine Stelle geben. Bei diesen Dingen fängt es an. Ich dachte, ich bin ein Schreiber. Ich muss den Kopf hinausstrecken und etwas schreiben, auch wenn ich weiss, dass nachher meine Mailbox explodiert und ich mir Beschimpfungen anhören muss. Aber das ist mein Beruf, also kann ich dort etwas tun.

So wie mit jenem Essay, den Sie nach der Minarettinitiative publiziert haben. Er brachte über 500 Kommentare ein.
Viele Leser haben den Essay falsch verstanden. Ich schildere in «Doppelpass» einen Politiker, der populäre Stimmungen benutzt: Eidenbenz. Doch die Leser des Essays dachten, dass ich mit Eidenbenz den Wähler meine, und fühlten sich angegriffen. Dabei ist Eidenbenz vielmehr jene Figur, welche die Wähler benutzt. Unsere Demokratie ist nicht fehlerfrei, auch wenn sie im Vergleich mit anderen Ländern relativ gut funktioniert. Die Demokratie ist wie eine Maschine mit vielen Rädern. Eines kontrolliert das andere. Uns fehlt eine Instanz, die alle anderen Instanzen kontrollieren kann. Die zum Beispiel Initiativen auf ihre Verfassungsmässigkeit überprüft. Es ist in meinen Augen ein Unfug, dass das Parlament diese Aufgabe wahrnehmen muss. So vermischen sich Exekutive und Judikative. Da könnte man ein Schräubchen anziehen und die Maschine noch besser machen.


Charles Lewinsky (geb. 1946) hat nach seinem Studium der Germanistik als Dramaturg, Regisseur und Redaktor gearbeitet. Seit 1980 ist er als selbstständiger Autor tätig. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Hörspiele, Theaterstücke, Liedtexte und TV-Shows, darunter die Sitcom «Fascht e Familie». Seine Romane «Johannistag» und «Melnitz» wurden mit Preisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Charles Lewinsky lebt in Zürich und Frankreich.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion