Das Massaker liegt wie ein Sargdeckel über der Stadt. © ZVG
Das Massaker liegt wie ein Sargdeckel über der Stadt. © ZVG

Film «Srebrenica 360°» «Srebrenica braucht Gerechtigkeit»

Die Journalistin Renate Metzger-Breitenfellner beschäftigt sich seit Jahren mit Bosnien und Herzegowina. Sie gibt Auskunft über ihren neuen Film «Srebrenica 360°», der die Situation der Stadt 15 Jahre nach dem Massaker zeigt.

AMNESTY: Sie arbeiten seit Jahren zu Bosnien und Herzegowina. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Renate Metzger-Breitenfellner: Als ich nach dem Bosnien-Krieg das erste Mal in Sarajevo war, nahm ich an einem Treffen von Frauenorganisationen teil. Dabei haben mich das Schicksal von zwei Frauen aus Srebrenica und ihre Wut so stark beeindruckt, dass ich ihnen versprach, zurückzukommen und ausserdem im deutschsprachigen Raum über Srebrenica zu informieren. Seither fahre ich mehrmals pro Jahr nach Srebrenica. Die unglaubliche Energie, mit der diese Menschen für ein besseres Leben kämpfen, beeindruckt mich immer wieder.

Trotzdem hinterlässt der Film den Eindruck, dass sich die Stadt in einer Art Lähmungszustand befindet.
Das ist so: Das Massaker von 1995 liegt wie ein Sargdeckel über dem Ort. Srebrenica ist zwar keine Geisterstadt mehr wie noch vor ein paar Jahren, doch es herrscht etwa 80 Prozent Arbeitslosigkeit. Zudem sind die Bosniaken, die muslimischen Bosnier, als Einzige in der Region nicht von der Visumspflicht für Reisen in die Europäische Union befreit und haben absolut keine Chance, aus Bosnien herauszukommen. Sie teilen das Leben in die Zeit vor und die Zeit nach dem Krieg ein. Ich bin überzeugt, dass Srebrenica erst aus seiner Starre herauskommt, wenn alle am Massaker Beteiligten angeklagt und verurteilt sind.

Menschenrechtsorganisationen betonen, dass es für eine bessere Zukunft Wahrheit und Gerechtigkeit brauche. Andere Stimmen meinen, es wäre konstruktiver für die Betroffenen, jetzt mit der Vergangenheit abzuschliessen und in die Zukunft zu schauen.
Dazu sind die Betroffenen in Srebrenica unmöglich in der Lage. Eine staatliche Kommission hat eine Liste mit rund 900 Namen von Verantwortlichen erstellt, welche direkt am Massaker beteiligt waren. Viele dieser Leute bekleiden heute wichtige Ämter in Srebrenica, man begegnet sich auf der Strasse und lebt auf engem Raum nebeneinander. Das ist fast schlimmer als die Tatsache, dass General Ratko Mladic immer noch auf freiem Fuss ist. Zudem gibt es immer noch unzählige ungeöffnete Massengräber. Ich bin überzeugt: Die Opfer müssen gefunden und die Verantwortlichen vor Gericht gebracht werden. Nur so wird ein einigermassen normales Zusammenleben wieder möglich.

Unterdessen ist am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag der Prozess gegen den Serbenführer Radovan Karadzic angelaufen, der öffentlich das Massaker von Srebrenica dementiert und als Mythos darstellt. Was lösen solche Äusserungen bei den Betroffenen aus?
Für den ersten Auftritt von Karadzic fuhren die Mütter von Srebrenica mit Bussen 72 Stunden nach Den Haag, weil sie sich eine öffentliche Entschuldigung erhofften. Dass er nun sogar das Massaker dementiert, ist für sie eine regelrechte Katastrophe. Immerhin haben vor einigen Jahren sowohl Serbien als auch die Republik Srpska (eine Teilrepublik des Staates Bosnien und Herzegowina) zugegeben, dass dieser Genozid stattgefunden hat. Die Äusserungen Karadzics bedeuten einen Schritt zurück.

Was wären Lösungsansätze, damit in Srebrenica eine positive Dynamik ausgelöst würde?
Es braucht zwei Dinge: Gerechtigkeit und ökonomischen Aufschwung – darum dreht sich alles. Positiv ist etwa das Beispiel der Geschäftsfrau Fatila Efendic, die im Film vorkommt: Sie hat sich nach dem Krieg entschieden, etwas Neues aufzubauen, und ihren Kiosk ohne fremde Hilfe eröffnet. Oder der Wirt Abdulah Purkovic, der Arbeitsplätze schafft und in seinem Stadteil eine wichtige Integrationsfigur ist. Positiv ist ebenfalls, dass es nun in Srebrenica einen Ableger der juristischen Fakultät von Sarajevo gibt. Dadurch kommen junge Menschen in die Stadt.

Was möchten Sie mit Ihrem Film bewirken?
Wir möchten die Situation in Srebrenica aufzeigen. Denn: Bosnierinnen und Bosnier sind unsere Nachbarn, viele von ihnen leben auch unter uns in der Schweiz. Wenn wir den Film an Schulen, in Kulturzentren oder öffentlichen Bibliotheken zeigen, so besteht das Publikum oft gemischt aus Schweizern wie aus Bosniern. Dadurch entstehen wichtige Begegnungen, die das Verständnis füreinander fördern können. So gesehen, ist der Film auch ein Beitrag für ein besseres Zusammenleben hier in der Schweiz.


Renate Metzger-Breitenfellner studierte Theologie und Anglistik. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Bosnien und Herzegowina und hat zusammen mit der Fotografin Jutta Vogel das Buch «Das Leben kann nicht warten» mit Porträts junger Frauen aus Srebrenica veröffentlicht.


«Srebrenica 360º»
Das ostbosnische Städtchen Srebrenica erlangte 1995 traurige Berühmtheit: Serbische Nationalisten ermordeten während des Bosnien-Krieges 8000 muslimische Männer und Knaben. Der Genozid von damals ist 15 Jahre später noch präsent: Den Frauen fehlen die Männer, die Brüder, die Vater, die Söhne. Die Hauptverantwortlichen für das Massaker – Serbenführer Radovan Karadzic und sein General Ratko Mladic – sind bisher nicht bestraft worden: Der eine boykottiert in Den Haag den Prozess, der andere lebt unbehelligt in Serbien.

Der Dokumentarfilm der Kamerafrau Conny Kipfer und der Journalistin Renate Metzger-Breitenfellner lässt die Menschen aus Srebrenica zu Wort kommen: die Geschäftsfrau, den Wirt, die Fabrikangestellte, die Vertreterin des Memorial Centers in Potocari, die Lehrerin, den Bauern, den NGO-Vertreter und die Vorsitzende der «Mütter von Srebrenica». Sie alle erzählen vom harten Leben, von der Arbeitslosigkeit, von der Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben – und von ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit. «Die Menschen müssen sich um 360° drehen, damit sich Srebrenica zum Positiven verändern kann»: Dieser Aussage der Produktionsleiterin einer Keksfabrik ist der Titel des Films entnommen.

Dokumentarfilm von Renate Metzger-Breitenfellner und Conny Kipfer.

Sprachen: Bosnisch/Deutsch/Englisch, mitUntertiteln, Dauer: 55 Minuten. Der Film kann auf www.cadragegmbh.ch bestellt werden.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion