Françoise Sironi hat intensiv über Folteropfer und die Psyche von Folterern geforscht. © ZVG
Françoise Sironi hat intensiv über Folteropfer und die Psyche von Folterern geforscht. © ZVG

Internationale Justiz Im Kopf eines Massenmörders

Während der Gewaltherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha führte Kaing Guek Eav alias Duch das Gefangenenlager S 21, wo 15 000 Menschen ermordet wurden. Die Psychologin Françoise Sironi erstellte für das Kambodscha-Tribunal das Profil des Verbrechers gegen die Menschlichkeit.

AMNESTY: Was dachten Sie, als Sie Duch zum ersten Mal gegenübersassen?

Françoise Sironi: Mir war bewusst, dass dieses Gutachten den Opfern dient. Ich wollte dazu beitragen, dass es Ge­rech­tigkeit gibt für jene zwei Millionen Menschen, die von den Roten Khmer getötet worden waren. Das Gutachten war nicht dafür da, seine Taten zu rechtfertigen, sondern den Op­fern einen Einblick in den Werdegang dieses Mannes zu geben.

Wie ist es zu erklären, dass ein einfacher Familienvater solche Bluttaten beging?
Wie bei den anderen Verbrechern gegen die Menschlichkeit befinden wir uns nicht in einer normalen Dimension der Pathologie. Wir müssen über die normale, individuelle Psycho­­­­logie hinausgehen, um zu verstehen, welche Ereignisse des kollektiven Lebens diese Leute geprägt haben. Bei Duch waren mehrere solche Ereignisse ausschlaggebend. Er hat eine ganze Reihe von Akkulturationsphasen durchlaufen, die oft mit erniedrigenden Erfahrungen verbunden waren. Während seiner Jugend fühlte er sich wegen seiner chinesischen Herkunft abgewertet, danach prägte ihn die Konfrontation mit der französischen Kultur und schliesslich der Kommunismus. Als Zweites berücksichtigten wir seine Laufbahn im politischen Apparat der Khmer. Denn man kommt nicht als Pei­niger zur Welt, man wird zu einem solchen gemacht.

Duch war zuvor Mathematiklehrer. Seine Nomination als Chef von S 21 durch den Diktator Pol Pot und vor allem durch den Geheimdienstchef Son Sen, seinen Lehrer, nahm er mit Stolz an. Die Vorherrschaft der Kommunisten hat er nie in Frage gestellt. Er war überzeugt, dass die Roten Khmer einen positiven neuen Plan für die Gesellschaft vorlegen. Als Drittes folgte die Analyse der Absichtlichkeit. Die Frage, ob ihm bewusst war, was er tat.

Welchen Grad der Absichtlichkeit haben Sie im Fall von Duch festgestellt?
Ihm war bewusst, was er tat und was in seinem Lager geschah, weil er seinen Leuten die Verhör­metho­den beibrachte. Er war sehr stolz darauf, Instruktor zu sein. Er war vom Sieg der Roten Khmer überzeugt und sah die in S 21 getöteten Menschen als quasi rituelle Opfer an, die nötig waren, um dem Kommu­nis­mus zum Durch­bruch zu verhelfen. Er sagte während des Pro­zesses, dass die Folter nicht dazu da war, die Wahr­heit aus den Leuten herauszupressen, sondern Methoden des Terrors waren. Nur wenige Menschen kamen lebend aus S 21 heraus. Zweifel kamen ihm erst später, als die Spitze des Regimes Duchs eigene Anführer hinrichtete.

Der Prozess hatte also positive Auswirkungen auf ihn?
Wir haben ihn an sechzehn Sitzungen getroffen und im Lauf der Zeit tatsächlich Veränderungen festgestellt. Das Verfahren ermöglichte es Duch, die Verweigerung zu überwinden. Er hat versucht, seine Handlungen zu rechtfertigen, und stritt nicht mehr kategorisch alles ab. Er hat Schritt für Schritt seine Verantwortung erkannt. Duch hat 90 Prozent der An­klage­punkte anerkannt, das ist bei diesem Typ von Kriminellem relativ selten. Er hat um Vergebung gebeten, aber er hat die Erwartungen der Opfer und der Öffentlichkeit nicht erfüllt. Die Menschen hätten es gern gesehen, wenn Duch Schuld­bewusstsein und Reue gezeigt hätte. Doch das ist bei diesem Schlag von Verbrecher selten. Duch wusste aber um die Wichtigkeit des historischen Aspekts in diesem Prozess. Es war ihm bewusst, dass die Urteilsfindung es erlauben würde, ein Stück der dunklen Geschichte Kambodschas zu beleuchten, die bis anhin verschlossen war.

Sie sagten, diese Art von Gerichtsverfahren bedeute für die Opfer eine symbolische Rückkehr ins Leben. Wann wird es für sie so weit sein?
Auf der Ebene der Justiz bedeuten die Prozesse auf alle Fälle das Ende der Straflosigkeit. Die Menschen leiden darunter, dass die Täter bisher nicht bestraft wurden. Auf Kambodscha trifft das ganz besonders zu, denn es brauchte 30 Jahre, bis es zum Prozess kam. Anfangs wurde der Nutzen eines solchen Verfahrens nach so langer Zeit in Frage gestellt. Die Men­schen hatten Angst, über diese schwarzen Jahre zu sprechen. Auch heute noch sind ehemalige Rote Khmer im politischen Apparat vertreten. Selbst in den abgelegenen Dörfern teilen die Opfer oft mit ehemaligen Roten Khmer die Nachbarschaft. Sogar jene Leute, die während des Prozesses aussagten, hatten Zweifel. Doch im Verlauf des Verfahrens haben sich die Ansichten geändert. Der Prozess wurde im ganzen Land verfolgt und die Menschen reisten in Bussen an, um dabei zu sein. Ich glaube, die Abneigung und die Angst sind vorbei. Das Tri­bunal zeigt auf sehr konkrete Weise, dass es keine Straf­losigkeit mehr gibt, dafür eine Art von Gerechtigkeit.


Françoise Sironi (geb. 1958) ist Universitäts­dozentin der Psycho­logie in Paris. Die Französin hat intensiv über Folter­opfer und die Psyche von Folterern geforscht. Sie ist Gründerin eines Zentrums für Folter­op­fer.


Der Prozess gegen Duch
Kaing Guek Eav alias Duch leitete das Gefängnis S 21, auch bekannt als Tuol Sleng, in dem 15 000 Männer, Frauen und Kinder gefoltert und ermordet wurden. Er wurde 1999 verhaftet und musste sich als erster der ehemaligen Führungsleute der Roten Khmer vor Gericht verantworten. Ende November 2009 forderte er am letzten Prozesstag überraschend seine Freilassung. Das Urteil wird nicht vor Juni 2010 erwartet.

Das Rote-Khmer-Tribunal basiert auf einem Abkommen zwischen Kambodscha und den Vereinten Nationen. Es wurde 2006 eröffnet und wendet kambodschanisches Recht an. Es untersucht die Verbrechen der Roten Khmer, die zwischen April 1975 und Januar 1979 etwa zwei Millionen Menschen ermordeten.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion