Schweiz und Islam «Wir müssen die Ängste ernst nehmen»

Die Politologin Elham Manea stellt fest, dass im Migrationsland Schweiz die Angst vor gesellschaftlicher Veränderung ein Islam-kritisches Klima schafft. Sie erklärt, wie sich unser Land nach der Minarett­initiative verändert hat, und fordert eine offene und transparente Diskussion.

Elham Manea ist im Jemen aufgewachsen, Schweizerin muslimischen Glaubens und lebt in Bern. © ZVG Elham Manea © ZVG

AMNESTY: Wie hat die Annahme der Mina­rett­initiative das Klima in der Schweiz verändert?
Elham Manea: Die Annahme der Minarettinitiative war ein Schock auch für die Partei, welche diese Initiative lanciert hat. Meiner Meinung nach  haben die politischen Kräfte die Ängste der Mehr­heits­gesellschaft nicht ernst genommen. Als Folge davon haben wir jetzt einen Verfas­sungsartikel, der die religiöse Min­der­heit der Muslime diskriminiert.

Warum konnte das funktionieren?
Die Menschen, nicht nur in der Schweiz, sondern überall in Europa, haben Ängste, die mit dem demografischen Wandel zu tun haben. 20 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz sind Immigranten. Die Gesellschaft verändert sich in atemberaubender Geschwindig­keit. Diese Veränderung betrifft ihre Struktur und ihr Gepräge.  Eine weitere Dimen­sion der Angst, welche hierzulande die Mehrheit teilt, ist jene vor dem islamischen Extremismus – eine berechtigte Angst.

Die Angst hat ferner mit sozialen Normen zu tun, wie Beschneidung oder Zwangsehe. Die Menschen befürchten, ihre Gesellschaft könnte sich in einer Weise ändern, die sie weder billigen noch schätzen. Mischt man all diese Ängste zusammen, kann man viel erreichen. Par­teien wie die SVP haben eine gute Nase für solche Themen. Aber nach der Ab­stimmung war spürbar, dass sich die Menschen geschämt haben.

Wie schätzen Sie persönlich das Ab­stimmungs­ergebnis ein?
Ich finde, wir sollten das Ergebnis positiv im Sinne einer Warnung sehen. Die Schweizer Politiker wollen offensichtlich bestimmte soziale Realitäten und Pro­bleme nicht wahrnehmen. Die direkte Demokratie macht uns aber auf Dinge aufmerksam, die uns vorher nicht bewusst waren. Wir Muslime bekommen dadurch die Chance, über diese Probleme endlich sprechen zu können, um Lösun­gen zu finden.

Wie soll man diese Chance konkret nutzen?
Indem man differenziert Fakten sammelt und Transparenz schafft. Wenn ein Problem zu Menschenrechtsverletzun­gen führt, dann müssen wir es lösen, egal aus welcher religiösen Ecke es kommt. Prävention muss auf Gesetzesebene, aber auch langfristig geschehen. Indem man Gruppierungen, die Beschneidungen und Zwangsehen praktizieren, zur Einsicht bringt, auf diese Praktiken zu verzichten, weil sie menschenrechtsverletzend sind. Dazu braucht es die Schweizer und die muslimischen Organisationen.

Dazu braucht es aber einen Stimmungs­umschwung in der Bevölkerung.
Sie ist misstrauisch und noch nicht bereit, einen Schritt zu tun. Misslingt es, dieses Misstrauen und die Ängste, die mit dem Islam verbunden sind, zu überwinden, dann wird eine Verständigung schwierig. Deshalb ist es besser, darüber zu diskutieren und Transparenz zu schaffen.

Der Freiburger Sozialanthropologe Chris­tian Giordano forderte bereits 2008, Reli­gions­gemeinschaften wie die Muslime sollten ihre eigene Gerichtsbarkeit haben, also die Scharia.
Ich habe eine starke Gegenposition präsentiert, weil ich über den Rechts­plura­lismus in arabischen Staaten und die Folgen für die Frauen- und Menschen­rechte geforscht habe. Die Einführung der Scharia würde in jedem Fall zur Ver­letzung von Menschenrechten führen. Es hat viele Kämpfe für die Gleichbe­rech­tigung von Mann und Frau gebraucht. Und jetzt sollen wir das freiwillig wieder aufgeben? Bei allem Respekt – nein! Man darf die daraus folgenden Menschen­rechts­ver­letzungen nicht dulden.

Widersprechen Religionen den Men­schen­rechten?
Religionen sind Glaubenssysteme, die sich durch die Gemeinschaften definiert. Man gehört dazu, weil man an die Vor­schriften einer Religion glaubt. Definie­ren wir Religion als eine Beziehung zwischen einem Individuum und Gott, dann haben wir kein Problem. Sobald wir von einem Religionssystem ausgehen, das unser Leben reguliert, haben wir ein Pro­blem. Betrachte ich zum Beispiel die islamische Deklaration der Menschen­rechte, dann merkt man, dass immer ein Mann gemeint ist, wenn von einem Menschen die Rede ist.

Soll der Staat per Gesetz gegen Burka, Kopftuch und Schwimmunterrichtsver­bote vorgehen?
Das sind heikle Themen und oftmals Grenzfälle. Man sollte versuchen, Men­schen­rechte und Gleichstellung als die Leitprinzipien zu befolgen. Beim Kopf­tuch kann man sagen, die Frau hat ein Recht sich zu kleiden, wie sie will. Doch Frauen verhüllen mit dem Kopftuch auch ihre sexuellen Reize. Ein Kind ist jedoch keine Frau und soll Kind bleiben dürfen. Die Schule sollte deshalb von Kopf­tüchern frei sein, auch deshalb, weil damit ein hoher sozialer Druck einhergeht. Das gilt genauso für den Schwimm­unterricht. Wenn ein Mädchen mit 16 oder 17 einen Ganzkörper­schwimmanzug tragen will, dann ist das kein Problem, Hauptsache sie macht mit.

Gibt es Regeln, die man in den westlichen Ländern anwenden kann?
In der westlichen Gesellschaft leben Männer und Frauen nicht getrennt. Wir brauchen aber eine klare Linie, die den Schutz des Kindes im Fokus hat.

Wenn eine junge Frau sich verhüllt, weckt das den Verdacht, sie tue es nicht freiwillig, sondern unter dem Druck der Familie.
Das ist ein berechtigter Einwand. Manchmal ist es sogar umgekehrt und der Druck kommt von Peergroups. Die Tochter trägt Kopftuch, obwohl die Eltern das nicht wollen. Und wo bleibt die Freiwilligkeit, wenn einem dauernd gesagt wird, man komme in die Hölle, wenn man das Kopftuch nicht trägt? Da wäre ich vorsichtig, vor allem bei jungen Mädchen, die noch Kinder sind. Bei einer 18-jährigen jungen Frau ist es ihre Entscheidung, wenn sie ein Kopftuch tragen möchte. Aber nicht vorher. Bekleidet eine Frau zum Beispiel als Lehrerin oder Richterin eine öffentliche Position, dann bin ich ebenfalls konsequent. Die Tren­nung von Religion und Staat muss gewahrt bleiben. Das gilt für alle religiösen Symbole, nicht nur für das Kopftuch.

Sie haben das Forum für einen fortschrittlichen Islam mitgegründet, erreichen damit aber keine Breitenwirkung. Warum nicht?
Das Forum hat ein Potential, das noch lange nicht ausgeschöpft ist. Es braucht noch viel mehr Arbeit auf verschiedenen Ebenen, mit Frauen und auch mit Jugend­lichen. Ich war nach der Ab­stim­mung von der VOX-Studie der Universität Bern enttäuscht, weil man die Frage, wie die 11 Prozent der Muslime in der Schweiz abgestimmt haben, nicht gestellt hat. Denn die Muslime sind nicht eine einheitliche Gemeinde, sondern bestehen aus vielen Individuen.

Gibt es denn Erfolge, die zeigen, dass sich das Misstrauen gegenüber den Muslimin­nen und Muslimen verringert?
Bis jetzt nicht. Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels in Bezug auf die Menschenrechte. Es gibt viele Kräfte, auch von islamischen Staaten, die versuchen, diese Rechte zu relativieren. Es ist deshalb wichtig, dass eine Organisation wie Amnesty International ihre Rolle als Verteidigerin dieser universellen Rolle der Menschenrechte ernst nimmt und klar dafür Position ergreift. Denn Men­schen­rechte sind nicht verhandelbar.


Elham Manea studierte in Kuwait und den USA. Sie habilitierte an der Universität Zürich zum Thema «Frauen und politische Rechte in der arabischen Welt» und lehrt daselbst Politikwissenschaft. Ihre Forschungsreisen haben die  43-Jährige in zahlreiche arabische Länder geführt, wo sie im direkten Kontakt mit der Bevölkerung den Islam und die Rechte der Frauen erforscht. Manea ist im Jemen aufgewachsen, Schweizerin muslimischen Glaubens und lebt in Bern. Sie ist Autorin von «Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte» (Herder, 2008)

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion