Fadila Memišević ist ernüchtert über die Arbeit des Tribunals. © ZVG
Fadila Memišević ist ernüchtert über die Arbeit des Tribunals. © ZVG

Internationale Justiz Enttäuschte Hoffnungen

Fadila Memisevic hat den Schrecken des Bosnien-Krieges mit Tausenden Aussagen dokumentiert. Die Menschenrechtlerin ist enttäuscht darüber, wie wenig Schutz die Zeuginnen und Zeugen in Den Haag erhalten.

Den Haag, Mitte der 1990er-Jahre. Das Internationale Tribunal für das ehemalige Jugoslawien tagt. Eine junge Frau, nennen wir sie Aida, soll als Zeugin aussagen gegen Dusko Dule Tadic, jenen Mann, der sie während des Krieges brutal vergewaltigt hat. Aida kommt in den Gerichtssaal und muss ihrem Peiniger Auge in Auge gegenüberstehen. Es ist zu viel. Die junge Frau fällt in Ohnmacht und weigert sich danach, vor dem Gericht eine Zeugenaussage zu machen.

Fadila Memisevic kennt viele ähnliche Beispiele. Für die Direktorin der Gesellschaft für bedrohte Völker in Bosnien und Herzegowina mit Sitz in Sarajevo ist das Tribunal nicht einfach eine abstrakte Gerichtsbarkeit im fernen Den Haag, sondern ein Partner auf ihrer Suche nach Gerechtigkeit. «Seit Beginn arbeite ich als Expertin eng mit dem Gericht zusam­men», erklärt sie. «Aber ich bin sehr enttäuscht, vor allem über den mangelhaften Schutz der Zeuginnen und Zeugen.»

Wer als Zeugin in Den Haag aussagt, erhält vom Moment der Aussage an für 24 Stunden Schutz. «Doch es ist kein Schutz, sondern Gefängnis!», betont Fadila Memisevic. Die Zeuginnen und Zeugen werden in einem Hotelzimmer in totaler Isolation untergebracht. Sie dürfen keinen Kontakt mit der Aussenwelt aufnehmen. In dieser unheimlichen Situa­tion sind Menschen gefangen, bei denen die Zeu­gen­aus­sagen oft alte Wunden aufreissen. Fadila Memisevic berichtet von einer Frau, die im Frauenlager in Foca, einer Stadt im Südosten des heutigen Bosnien und Herzegowina, vergewaltigt wurde. «Nicht nur ein Mal, sondern ständig. Jeden Tag, über Monate hinweg. Es war die Hölle.»

Dann wurde die Gepeinigte mit einem Serben zwangsverheiratet und bekam von ihm ein Kind. Schliesslich gelang ihr die Flucht. Jahre später sagte sie in Den Haag aus. Danach erhielt sie eine neue Identität; eine Schutzmöglichkeit, die das Tribunal arrangieren kann. Nun lebt sie unter neuem Namen in England. «Ich habe Kontakt mit ihr. Es geht ihr schlecht», sagt Fadila Memisevic. «Sie ist kein freier Mensch, sondern muss sich stets bei den Behörden melden, wenn sie irgendwo hinfährt.» Doch die Aussage vor dem Tribunal war nicht wirkungs­los: Im sogenannten Foca-Prozess hat das Gericht erstmals die Vergewaltigung gefangener Frauen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt und den Militär­komman­danten der Sondereinheit der Armee der bosnischen Serben, Dragoljub Kunarac, zu einer Haftstrafe von 28 Jahren verurteilt.

Gelegentlich mangle es dem Tribunal an Sensibilität, findet Fadila Memisevic. «Ich habe mehrmals erlebt, dass Zeugin­nen auf dem Rückflug direkt neben dem Anwalt ihres Peinigers sitzen mussten. Die Flugtickets hatten sie vom Gericht erhalten.» Neben der schmerzlichen Konfrontation mit der Vergangenheit sind viele Frauen auch in der Gegenwart bedrängt: «Nach der Rückkehr in ihren Wohnort müssen sie um ihr alltägliches Überleben kämpfen. Sie leben am Rand der Gesellschaft ohne jeglichen Schutz und vollkommen stigmatisiert», sagt die Men­schen­rechtlerin. Zahlreiche Frauen wurden von ihren Peinigern schwanger. Den Kindern haben sie nie die Wahrheit über die Väter gesagt. Jetzt kommen diese Kinder in die Pubertät oder werden erwachsen und beginnen, Fragen zu stellen.

Tausende Beweise

Als der Krieg 1992 begann, arbeitete Fadila Memisevic als pädagogische Direktorin des Gymnasiums in Zenica. Sie realisierte rasch, dass sie handeln musste: «Im Mai des gleichen Jahres habe ich zusammen mit fünf weiteren Intellektuellen das Dokumentations­zentrum zur Erfassung von Kriegsverbrechen gegründet.» Ihr Ziel war, Verbrechen wie Massenvertreibung, Morde, Ver­­­ge­waltigungen und Deportationen in Konzentrations­lager öffentlich zu machen. In einer immensen Arbeit sammelten sie über 320 000 Dokumente über die begangenen Verbrechen. Unterstützt haben sie 450 Freiwillige, meist Stu­dierende, die in Flüchtlingszentren Aussagen von Ver­triebenen aufgenommen haben.

Fadila Memisevic hat selber die Aussagen von rund 10 000 Menschen erfasst. «Ich war die einzige Frau in unserem Team, also sprach ich mit den Frauen. Ich musste zuerst ihr Vertrauen gewinnen. An­fänglich sprachen sie oft davon, dass eine Nachbarin vergewaltigt worden sei und nicht sie selbst.» Die ehemalige Lehrerin hat diese Aussagen in Handschrift aufgenommen. «Die Originale sind bei mir, ihre Kopien beim Tribunal.» Eine unglaubliche Arbeit, die enorm belastend ist. «Ich bin in gewisser Weise auch traumatisiert», sagt die 66-Jährige, die während des Krieges viele Angehörige verloren hat und nach einem Besuch in Deutschland und der Schweiz wegen des Angriffs Kroatiens auf Bosnien und der Grenz­schlies­sung für einige Zeit nicht mehr nach Bosnien zurückkehren konnte. Manchmal tauchen die Erinnerungen auf und rauben ihr den Schlaf. Aber sie mag sich nicht in den Vorder­grund stellen. «Ich teile dieses Schicksal mit meinem Volk», sagt die Bosnierin.

Für die Aufarbeitung der Kriegsjahre haben Fadila Memi­se­vic und ihr Team Enormes geleistet, wofür sie 1996 den Preis der Schweizer Stiftung für Freiheit und Menschen­rechte erhielten. Aufgrund der Befragungen und Dokumente wurden Listen mit Namen der Opfer und Täter erstellt. «Auf der Liste der Täter waren 1350 Namen, unter ihnen auch Radovan Karadzic, Ratko Mladic und alle anderen, gegen die das Tribunal ermittelt», erläutert sie. Dass der ehemalige Serben­führer Karadzic in Den Haag alles abstreitet, ist für sie unerträglich. «Es ist furchtbar, wie er den Gerichtshof in einen Zirkus verwandelt und sich als Held aufspielt.» Zwar weiss sie, dass in einem fairen Verfahren auch die Rechte des Angeklagten gelten müssen. «Aber es gibt Grenzen. Karadzic darf nicht weiter solche Unwahrheiten verbreiten. Ich werde bei der Anklage intervenieren.»

Politische Absprachen

Fadila Memisevic ist enttäuscht über die vielen Übereinkünfte zwischen der Anklage und den Tätern, die häufig zu niedrigen Strafen führen. Empörend findet sie auch die politischen Deals, die das Tri­bunal und die Regierung in Belgrad schlossen. Zu Beginn des Jahrzehnts sei die damalige Chef­anklägerin des Tri­bu­nals, die Schweizerin Carla Del Ponte, mehrmals nach Bel­grad gereist und habe mit dem serbischen Ex-Re­gierungs­chef Vojislav Kostunica Absprachen getroffen. «Carla Del Pon­te versicherte ihm, dass sie im Uno-Sicherheitsrat ein gutes Wort einlegt, wenn Serbien die schlimmsten Kriegs­verbrecher ausliefert. Serbien hat von diesem Deal profitiert, schickt aber nur die kleinen Fische nach Den Haag.» Der ehemalige General Ratko Mladic und der kroatische Serbenführer Goran Hadzic sind dagegen immer noch frei.

«Nur wenn die Straffreiheit ein Ende hat, kann es Ge­rech­tig­­keit und Versöhnung geben», betont Fadila Memisevic. Hat für sie das Tribunal denn bis jetzt überhaupt positive Aus­­­wirkungen? Ja, sagt die Expertin: «Trotz all dieser Schwä­chen möchte ich betonen, dass für mich und uns alle in Bos­ni­­­­en und Herzegowina das Tribunal in Den Haag die einzige Autorität ist, auf dessen Urteile ich mich berufen kann.»

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion