Buch Die Liebe zur Dunkelheit

«Die Kinogänger von Chongjin» ist ein ungewöhnlicher Liebes- roman aus Nordkorea und gibt authentische Eindrücke von einem hermetisch abgeriegelten Land.

Kinogänger 2

Nordkorea – wohl kaum jemand kann sich vorstellen, wie sich der Alltag in diesem unzugänglichen Land anfühlt, über das es nur unvollständige Informationen gibt. Die langjährige Asien-Korrespondentin der «Los Angeles Times» gibt mit ihrer literarischen Reportage «Die Kinogänger von Chongjin» Einblicke in dieses uns so entrückt scheinende Land. Barbara Demick zog 2001 nach Seoul, um von dort über beide Korea zu berichten. Da sie als US-amerikanische Journalistin nur selten eine Einreisegenehmigung für das Reich Kim Jong-ils erhielt, interviewte sie über sieben Jahre lang Flüchtlinge aus Nordkorea. Dabei befragte sie alle ihre GesprächspartnerInnen nach Chongjin. Mit 500000 Einwohnern ist dies die drittgrösste Stadt, und sie ist für Ausländer gesperrt. Die NordkoreanerInnen selbst mögen die ehemalige Industriestadt im Norden des Landes nicht besonders. Reis ist dort noch knapper als anderswo.

Im Mittelpunkt von Demicks Reportage stehen die Geschichte dieser verbotenen Stadt und die Romantik eines jungen Liebespaares, das sich in Chongjin zum ersten Mal im Kino begegnet und anschliessend über Jahre heimlich jeden Abend miteinander spazieren geht – «nur» spazieren geht. Sexualität wird massiv unterdrückt, und die Gehirnwäsche funktioniert. Erst nach ihrer Flucht wird die dann 25-jährige Mi-Ran erfahren, wie Kinder gezeugt werden. Und so teilen Mi-Ran und Jung-San eine andere Liebe, nämlich die zur Dunkelheit und die zum Kino.

Glück im Kinosaal

In Nordkorea ist Strom Mangelware, entsprechend lichtlos sind die Abende und Nächte. «Die Dunkelheit schenkt den Menschen ein Mass an Privatheit und Freiheit, das sonst in Nordkorea so schwer zu bekommen ist wie Strom», schreibt Demick. Und auch die 13-jährige Mi-Ran und der drei Jahre ältere Jung-Sang erleben die Nacht als Glück, ebenso wie sie die Propagandafil­me lieben. Kino spielt in Nordkorea eine grosse Rolle. Unter Kim Jong-il wurden die Spielfilmstudios an der Peripherie von Pjöngjang um rund eine Million Quadrat­meter vergrössert. Eine Kinokarte ist da­bei so billig, dass sie sich selbst Jugend­­liche leisten können, deren Familien in der gesellschaftlichen Hackordnung ganz unten stehen. Propagandafilme hin oder her, Kino ist die einzig zugängliche Popkultur in Nordkorea.

Demick berichtet voller Empathie von jener grossen Liebe, die ganz eigenen Gesetzmässigkeiten gehorcht, und sie beschreibt gleichzeitig die Geschichte des Landes und seiner Ökonomie, oder besser seiner Nichtproduktion, ebenso wie sie den Aufstieg von Kim Il-sung und seine Herrschaftstechniken analysiert. Die Autorin erzählt von der Hungersnot in den 90-Jahren, die ihre beiden Helden vergleichsweise gut überstehen – nicht zu­letzt, weil sie gelernt haben, dass man Essen niemals teilt, selbst wenn Kinder unter den eigenen Augen verhungern.

Auch wenn die literarische Qualität des Textes gelegentlich schwankt, und obwohl die Realität in Nordkorea todtraurig ist, weshalb niemand leichte Kost erwarten sollte: Die Reportage vermittelt ein lebendiges und spannendes Bild von diesem unfassbaren Land, das mithilfe eines ausgeklügelten Systems aus Propaganda, Hunger und Überwachung seiner Bevölkerung erfolgreich beibringt, nicht mal mehr auf die Idee zu kommen, auf einen erträglichen Lebensstandard und ein bisschen persönliches Glück zu hoffen.

Barbara Demick: Die Kinogänger von Chongjin. Eine nordkoreanische Liebesgeschichte. Droemer/Knaur, München 2010. Ca. Fr. 34.90

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion