Buch Das neue Gesicht Boliviens

Nach einem langen und steinigen Weg befindet sich das Land in einem rasanten Wandlungsprozess: Erstmals konnte ein Indigener Präsident werden, die Vorherrschaft der weissen Eliten ist gebrochen. Robert Lessmann zieht in seinem neuen Buch Bilanz über die ersten vier Jahre von Evo Morales’ Präsidentschaft.

das neues BolivienNach einem langen und steinigen Weg befindet sich das Land in einem rasanten Wandlungsprozess: Erstmals konnte ein Indigener Präsident werden, die Vorherrschaft der weissen Eliten ist gebrochen. Robert Lessmann zieht in seinem neuen Buch Bilanz über die ersten vier Jahre von Evo Morales’ Präsidentschaft.

Am 18. Dezember 2005 kam es in Bolivien zu einem Machtwechsel mit weit­reichenden Folgen. Nichts weniger als die Neugründung Boliviens versprach Evo Morales, als er unter Tränen in La Paz als erster indigener Präsident Boliviens vereidigt wurde. Zusammen mit seiner Partei «Movimiento al Socialismo» (MAS) leitete er eine Revolution mit dem Stimmzettel ein, die allen Volksgruppen erstmals eine reelle Chance zur Mitbestimmung geben sollte. Was folgte, war eine bei­spiellose Serie von Wahlen und Abstimmungen. Trotz zum Teil massiver Verhinderungspolitik der Opposition konn­te Morales alle mit absoluter Mehrheit gewinnen.

Was steckt hinter dem Phänomen Morales? Wie tief greifend sind seine Reformen tatsächlich und welchen Stellenwert hat dieser Prozess des Wandels in der bewegten Geschichte Boliviens? Der ausgewiesene Bolivienkenner Robert Lessman gibt in seinem Buch «Das neue Bolivien – Evo Morales und seine demokratische Revolution» präzise Antworten auf diese Fra­gen, die von Gespür für die reiche Tradition Boliviens zeugen. Trotz Sympathie für den politischen Wandel bleibt Lessmann differenziert und weist auch auf die Schwächen in der neuen «Regierung der sozialen Bewegungen» hin.

Dialog der Kulturen

Morales sah sich zu Beginn seiner Amtszeit mit enormen Schwierigkeiten konfrontiert. Der Zusammenprall der weissen Elite und den zu neuem Selbstbewusstsein erwachten indigenen Volksgruppen hatte das Land an die Grenze der Unregierbarkeit gebracht. Im Zentrum standen der Konflikt um die Ausbeutung der Bodenschätze, die ungleiche Verteilung des Land­besitzes und eine auf Eskalation ausgelegte Drogenpolitik. In dieser Situation wurde Morales als Heilsbringer gefeiert und gleichzeitig als populistischer Sozialist verteufelt. Nun, vier Jahre später, hat er mit einer durchaus pragmatischen und auf einen «Dialog der Kulturen» ausgelegten Politik überrascht.

Eine neue Politik

Bestes Beispiel dafür ist der Paradigmenwechsel in der Drogen­politik. Unter der Losung «coca si, cocaina no» hat der neue Präsident und ehe­malige Anführer der Kokabauern einen Mittelweg gefunden, der die Verbun­denheit der Kokapflanze mit der bo­lvianischen Tradition achtet, ohne die   Problematik der Kokainproduktion zu ver­­­­nachlässigen.

Morales hat Bolivien neues Selbstbewusstsein eingeflösst. Durch die Nationalisierung zentraler Energieressourcen profitiert das Land erstmals von seinem Reich­tum an Bodenschätzen. Die ersten Ergebnisse seiner «Neugründung Boliviens» sind vielversprechend. Das Land befindet sich in Aufbruchsstimmung und der von Morales eingeleitete Prozess des Wandels ist nicht mehr zu stoppen.

Robert Lessmann: Das neue Bolivien. Evo Morales und seine demokratische Revolution. Rotpunktverlag, Zürich 2010. Ca. Fr. 34.90

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion