Luz Marina Bernal Parra mit einer Fotografie ihres verschwundenen Sohnes, Kolumbien, 26. Mai 2010. © Privat
Luz Marina Bernal Parra mit einer Fotografie ihres verschwundenen Sohnes, Kolumbien, 26. Mai 2010. © Privat

Kolumbien Die Wahrheit ausgraben

In Kolumbien suchen Spezialisten der Staatsanwaltschaft in anonymen Gräbern nach den Verschwundenen des bewaffneten Konflikts zwischen Militär, Guerilla und Paramilitärs. Alexander Bühler (Text) und Luca Zanetti (Fotos) haben eines der Exhumierungsteams sechs Tage lang begleitet.

 

Als der forensische Anthropologe Eduardo Ospina um zwölf Uhr Mittag das letzte der drei Gräber öffnet, schwindet bei  Ana Dela Ramírez die Hoffnung, die Leiche ihres Sohns wiederzufinden. Zusammen mit ihrem Mann und ihrer Enkelin steht sie auf dem Friedhof von San Luis. Den vierten Tag in Folge untersucht Ospina jetzt schon Gräber.

Zusammen mit dem Topografen Joller López, dem Gerichtsfotografen Nelson Arboleda und dem Ermittler Jorge Díaz gehört er zum Team des Staatsanwalts Gustavo Duque. Sie gehen Hinweisen von Angehörigen von Ermordeten nach, graben Knochen aus, versuchen die anonymen Toten zu identifizieren. Die Kleinstadt San Luis ist von jenen Hügeln umgeben, die die Region Antioquia in Kolumbien so malerisch machen. Die Gräber, um die es an diesem Tag geht, liegen in der hinteren Ecke des Friedhofs.

Als Ospina alle Überreste aus dem Grab geborgen hat, umschlingt die Gewissheit Ana Dela Ramírez wie ein dunkles Tuch. Vor acht Jahren erfuhr sie, dass ihr Sohn, ein Tagelöhner, getötet worden war, vor vier Jahren nannte man ihr den Ort, an dem er angeblich begraben sei, und vor wenigen Monaten kam erstmals eine Ermittlung in Gange. Jetzt erfährt sie, dass die Suche vorerst fehlgeschlagen ist, dass ihre zehnjährige Enkelin möglicherweise nicht einmal die Überreste ihres Vaters sehen wird.

2002 lebte Ana Dela Ramírez im gleichen Ort wie heute, sie und ihr Mann bestellten das gleiche Stück Land wie heute. Mit dem Unterschied, dass damals die ELN-Guerilla die Region dominierte. Mit dem Regierungsantritt von Präsident Álvaro Uribe (2002 bis 2010) fing der Staat an, massiv gegen die Guerilla vorzugehen, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Die Armee eroberte den Landstrich, mit ihnen tauchten die paramilitärischen Gruppen auf, die jeden töteten, der ihnen verdächtig erschien. Jhonny Montoya wurde 28 Jahre alt. An dem Tag, als er starb, besuchten seine beiden Schwager ihn und ihre Schwester Luz auf ihrem kleinen, abgelegenen Bauernhof. Eine Bande Paramilitärs überfiel die Bauern und erschoss die Männer. Einfach so. Gründe wurden für solche Ermordungen nie genannt. Die «Paras» nahmen einfach an, die Bauern hätten sich mit der Guerilla arrangiert – was in ihren Augen einem Todesurteil gleichkam.

In Kolumbien gibt es keine klaren Fronten, und die Regeln des humanitären Völkerrechts zählen wenig. Seit mittlerweile 60 Jahren tobt hier ein Konflikt, in dem Millionen Menschen vertrieben, Hunderttausende ermordet und Zehntausende entführt wurden. «Desapareciones forzadas» nennt man das: erzwungenes Verschwinden, das meistens mit dem gewaltsamen Tod der Entführten und dem Verscharren der Leichen endet. Zwischen 5000 und 50000 Menschen haben dieses Schicksal in Kolumbien erlitten – die Schätzungen variieren je nach Interessenlage. Fest steht, dass alle bewaffneten Gruppen solche Verbrechen begangen haben: die Armee, die Geheimdienste, die Guerilla-Gruppen, die Paramilitärs und die Drogenhändler.

Keine Gerechtigkeit

2005 erliess das kolumbianische Parlament ein Gesetz mit dem hochtrabenden Titel «Ley de Justicia y Paz», Gesetz für Gerechtigkeit und Frieden. Zwar gilt das Gesetz für alle am Bürgerkrieg Beteiligten, die ihre Waffen niederlegen. Ziel des Gesetzes war es aber vor allem, den Paramilitärs den Einstieg ins zivile Leben zu ermöglichen. Ganz gleich, wie viele Menschen sie ermordet haben, sie bekommen maximal acht Jahre Haft, wenn sie mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten. Wenn ein Toter dann geborgen und als Verwandter identifiziert ist, wird eine Entschädigung an dessen Familie bezahlt.

Nach der Verabschiedung des Gesetzes stellte die Generalstaatsanwaltschaft 2006 landesweit 20 Teams wie das von Gustavo Duque zusammen. Diese werden nicht vom kolumbianischen Staat finanziert, sondern von den USA und den Niederlanden. Bei der Angehörigenorganisation ASFADDES glaubt man nicht daran, dass die Regierung die Verbrechen wirklich umfassend aufklären will. Tatsächlich wirkt die Entschädigung, die der Staat den Familien der Opfer zahlt, lächerlich gering: 18 Millionen kolumbianische Pesos, knappe 1050 Franken, bekommen sie für jeden Toten. Im Gegenzug müssen sie sich bereit erklären, auf weitere Entschädigungsforderungen zu verzichten und nicht gerichtlich gegen die Mörder vorzugehen.

Der fünfte Tag seiner Reise führt das Team von Staatsanwalt Duque ganz in die Nähe der Hazienda Napolés, des ehemaligen Luxus-Landsitzes des 1993 erschossenen Drogenkönigs Pablo Escobar, in den Bezirk La Cristalina. Die Rauschgiftschmuggler, die «Narcos», sind hier nach wie vor aktiv und haben sich mit paramilitärischen Gruppen verbündet. Octavio Germán und Melba Lleras begleiten die Gruppe. Melba Lleras ist die Mutter des Ermordeten, den Duque heute exhumieren möchte. Octavio Germán, ein alter Mann aus La Cristalina, hat ihr den Ort genannt, an dem sich das Grab befinden könnte.

Die Suche im Dschungel

In den Achtzigern beherrschte die Guerilla FARC dieses Gebiet, bis sie den Plänen Pablo Escobars in die Quere kam. Sein Medellín-Kartell heuerte paramilitärische Gruppen an, um die FARC zu vertreiben. Die Paramilitärs vertrieben nicht nur die FARC, sondern ermordeten und verschleppten viele Zivilisten. Bedroht waren alle, die im Verdacht standen, die Guerilla unterstützt zu haben. Auch Melba Lleras’ Sohn geriet wohl auf diese Weise ins Visier der Paramilitärs.

Spatenstich für Spatenstich wühlt sich der Forensiker Ospina durch die Erde, er trägt einen Schutzanzug, damit er die Spuren am Tatort nicht verfälscht. Dann stösst er endlich auf die Leiche, die in eine schwarze Plastikplane eingewickelt ist.

Eine weitere Decke kommt zum Vorschein, darunter die Gebeine eines Menschen. Dann stutzt Ospina: »Der Schädel fehlt! Nicht mal Fragmente oder Zähne sind da.» Melba Lleras, die abseits steht, war darauf gefasst, denn ihr war über Bekannte zugetragen worden, dass die Paramilitärs Jahre später das Grab öffneten, um mit dem Schädel Fussball zu spielen. Eine übliche Methode, um die Bevölkerung zu terrorisieren.

Im Labor der Staatsanwaltschaft wird sich in einem DNA-Vergleichstest mit den Knochenresten herausstellen, ob der Mann im Grab wirklich ihr Sohn war. «Ich hoffe, dass dieser Mensch mein Sohn war», sagt sie. Über die finanzielle Entschädigung durch den Staat denkt sie noch gar nicht nach. Es wird noch Jahre dauern, bis die ausbezahlt wird. Viel wichtiger ist es ihr, dass ihr Sohn bald eine würdige letzte Ruhestätte bekommt. Dann wird sie auch etwas Ruhe finden. Das Paket mit den Knochen liegt neben den ebenso verpackten Überresten anderer Toter, die das Team bei den Exhumierungen der vorigen Tage geborgen hat. Tausende Vermisste müssen noch ausgegraben werden. Allein um die Entführten der vergangenen 20 Jahre auszugraben, wären Duques Leute und die anderen 17 Teams der Staatsanwaltschaft 40 Jahre beschäftigt. Das haben sie selbst ausgerechnet.

Aufklärung nach 22 Jahren

Meistens sind Duque und sein Team fünf bis zehn Tage unterwegs, je nachdem, wie lange sie die traurigen Umstände aushalten. Als sie am 18. April im Städtchen San Rafael eintreffen, wissen sie, dass dieser Fall besonders hart werden wird. Es geht um ein Massaker, das 1988 stattfand. Während auf dem nahen Hauptplatz Kaffee getrunken wird und Kinder in einer aufblasbaren Spielburg herumturnen, erklären Duque und Díaz den Angehörigen die Vorgehensweise. Das Ganze wird etwa zehn Monate dauern. Denn im Labor der Staatsanwaltschaft in Medellín liegen noch etwa 800 weitere Leichenreste, die auf eine Analyse warten. Am Ende dieses Prozesses sollen die sterblichen Überreste den Angehörigen in einer feierlichen Zeremonie übergeben werden.

Doch die Angehörigen können warten, sie haben jahrelang darauf gehofft, dass der Fall aufgerollt wird, und sie wissen nun, dass etwas geschehen wird. Aus allen Landesteilen Kolumbiens sind sie hierher- gekommen, um herauszufinden, was damals genau geschah. Nach ihrer Gründung 1985 warb die Partei «Unión Patriótica»  unter den Goldschürfern am nahen Fluss um Anhänger, versuchte eine Gewerkschaft aufzubauen. Diese Partei, entstanden im Rahmen der Friedensbemühungen des damaligen Präsidenten, galt als politischer Arm der Guerilla-Bewegung FARC. Ende der Achtziger und bis in die Neunzigerjahre hinein wurden fast alle ihre Mitglieder ermordet: von der Armee, den Paramilitärs und den Drogenhändlern. Niemand versuchte damals, die Leichen zu identifizieren.

Erst jetzt, am 19. April 2010, 22 Jahre nach dem Massaker, soll das nachgeholt werden. Die Überreste von 15 Menschen werden an diesem Vormittag geborgen, immerhin 10 können identifiziert werden. Danach entschliessen sich Duque und sein Team, die Reise abzubrechen und nach Medellín zurückzukehren. Das Team ist von den vielen Leidensgeschichten ausgelaugt, kann nicht mehr. Die Männer wissen, dass noch viele Gräber auf sie warten, dass noch immer viele Familien wie die von Ana Dela Ramírez verzweifelt nach den sterblichen Überresten ihrer verschwundenen Angehörigen suchen.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion