AI Aktiv Die teilnehmende Beobachterin

Laurette von Mandach, die neue Präsidentin des Vorstandes von Amnesty International Schweiz, wuchs in Brasilien auf. Dort hatte sie früh schon Anschauungsunterricht in Sachen Menschenrechte.

Laurette von Mandach © zvg Laurette von Mandach © zvg

«Ein prägendes Erlebnis war, dass ich in einer sehr ungleichen Gesellschaft aufgewachsen bin und dabei sehr privilegiert war. Mein Vater war Ingenieur. Ich ging in eine Privatschule, am Wochenende in einen privaten Club. Erst als ich im Teenager-Alter in die Schweiz kam, realisierte ich, wie raffiniert in Brasilien soziale Unterschiede aufrechterhalten werden.»

Zu der Erfahrung von sozialer Ungleichheit kam ebenfalls schon in der Schulzeit die Erfahrung, wie sich die brasilianische Bevölkerung gegen das langsam zerfallende Militärregime auflehnte. Besonders die obere Mittelschicht kämpfte gegen die diktatorischen Generäle. Im Bus zur Privatschule skandierte der Nachwuchs der Privilegierten: «O povo unido jamais será ven­cido!» – «Das vereinigte Volk kann nicht besiegt werden!»

Inzwischen ist Laurette von Mandach promovierte Soziologin und eine scharfe Analytikerin der gesellschaftlichen Verhältnisse. In ihren Beobachtungen profitiert die 45-Jährige davon, die Schweiz als Vergleich heranziehen zu können, wenn sie die brasilianische Gesellschaft beschreibt, und umgekehrt. So hat es sie immer wieder frappiert, wie stark in Brasilien die Vorstellung eines vereinigten Volkes verankert ist, obwohl doch die gesellschaftlichen Gräben so viel tiefer sind als in der Schweiz. «Wenn alle das Gefühl haben, zu einem grossen Teig zu gehören, wie will man dann politische Interessen formulieren? In einer Gesellschaft hingegen, wo die nächste Gemeinde schon als fremd angesehen wird, kann man sich viel markanter abgrenzen. Das ist manchmal hart, aber transparent.»

In dieser Gesellschaft heimisch zu werden, wo alle sich gegeneinander abgrenzen, fiel Laurette von Mandach zunächst schwer. Später beschäftigte sie sich denn auch beruflich mit Ausgrenzung und koordinierte ein gros­ses nationales For­­schungsprogramm zum Thema Integration und Ausschluss. Immer aber blieb sie innig verbunden mit Brasilien. «Dieses Zugehörig­keitsgefühl ist dort überall spürbar und es ist leicht, davon erfasst zu werden, auch wenn man spürt, dass damit soziale Unterschiede verdeckt werden», sagt sie. Weil sie das Land so gut kennt, liess sich Laurette von Mandach von Amnesty International überreden, Brasilien-Länderexpertin zu werden. Daneben gründete sie ihre eigene NGO, Infoterra, die sich während zehn Jahren für die brasilianische Landlosenbewegung und für die lange versprochene Agrarreform eingesetzt hat.

In Brasilien hat Laurette von Mandach für Amnesty International auch Strafprozesse gegen Polizisten, denen schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden, beobachtet. Ihr wichtigstes En­gagement blieb jedoch immer der Kampf gegen die Armut weiter Teile der Bevölkerung. Die Mutter von zwei Schulkindern ist deshalb froh, dass Amnesty International in den vergangenen Jahren verstärkt den Zusammenhang zwischen Armut und Menschenrechtsverletzungen thematisiert. «Man muss diesen Zusammenhang immer wieder aufzeigen. Zum Beispiel steht in Brasilien Gewalt gegen Kleinbauern und Indigene meistens im Zusammenhang mit dem Zugang zu Boden. Erst versucht man Kleinbauern zur Aufgabe ihres Hofes zu überreden, dann werden die Hunde vergiftet, dann wird Gewalt angewandt.»

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion