Der Kim-Il-sung-Platz in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang © AI
Der Kim-Il-sung-Platz in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang © AI

Nordkorea Im Land der Dunkelheit

Die demokratische Volksrepublik Nordkorea ist das letzte kommunistische Land der Welt nach stalinistischem Vorbild. Das Regime unter Kim Jong-il narkotisiert sein Volk rund um die Uhr mit Propaganda. Doch die Wirtschaft ist marode, die Menschen verhungern und erfrieren – Hunderttausende leiden in Arbeitslagern und Gefängnissen.

Auf Google Maps ist Nordkorea ein weisser Fleck, bis auf die Hauptstadt Pjöngjang fehlen sämtliche Orts­angaben. Doch auf diesem weissen Fleck leben 23,35 Millionen Menschen, etwa die Hälfte von ihnen in kleinen und mittelgrossen Städten. Nur die Hauptstadt ist mit über drei Millionen Menschen eine Grossstadt und gleichzeitig das einzige «Fenster zur Welt» im nach aussen hermetisch abgeriegelten Staat. In Pjöngjang sind nicht nur die Macht und das Kapital angesiedelt. Auch Botschaften und eine Handvoll internationaler Organisatio­nen haben hier ihr Quartier. Dazu zählen die Organisationen der Uno sowie sechs NGOs unter der Schirmherrschaft der EU. Auch die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit (Deza) betreibt hier seit 1997 ein Büro.

Planwirtschaftlich hochgezogene Prestige­bauten prägen das Zentrum von Pjöngjang, darunter das 1989 begonnene und nie beendete 330 Meter hohe Ryugyong Hotel (Kosten ca. 750 Millionen US-Dollar), das Juche-Denkmal als Sinnbild der Staats­dok­trin oder das Denkmal des 1994 verstorbenen Staatsgrün­ders Kim Il-sung, den die Nation kollektiv in einer Massen­hys­terie beweinte –  seit 1998 ist er per Verfassungs­änderung der «ewige Präsident».
Während in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul das Leben auch nachts auf den erleuchteten Strassen pulsiert, bleibt es in Pjöngjang meist gespenstisch dunkel. Nord­koreas wirtschaftliche Misere ist auch mitten in der Haupt­stadt spürbar. Regelmässig fällt der Strom aus, seit Jahren haben die BewohnerInnen kein Warmwasser und nur selten Heizung. In den Provinzstädten und auf dem Land ist die Lage zum Teil dramatisch. Aus Mangel an Betriebsenergie und Ersatzteilen stillgelegte Fabriken, veraltete und mit zerschnittenen Autoreifen beheizte Dampf­lokomotiven, mehrspurige Betonpisten ohne Autos und eine ineffiziente Land­wirtschaft, mit Ochsengespannen statt Landmaschinen, sind prägende Bilder in einer meist kargen Landschaft, welche die japanischen Besatzer in der ersten Hälfte des letzten Jahr­hunderts empfindlich abgeholzt haben.

Über die letzten Jahre ist es einigen westlichen Kamera­teams gelungen, in Nordkorea zu filmen. Obwohl die Machthaber jeglichen Kontakt mit der Bevölkerung zu verhindern wissen, gelangen immer mehr Bilder einer von Hunger und Armut gequälten Bevölkerung ans Licht, die das Regime gerne vor der Welt verstecken möchte: Auf gefrorenen Flüssen warten hungrige Eisfischer in der klirrenden Kälte vor den Eislöchern, wühlen Frauen im Morast nach Brenn­barem, liegen festgefrorene Leichen von Flüchtlingen an den Grenzflüssen, schuften Kolonnen von Menschen unter den Augen regloser Aufseher mit Spitzhacken und Schaufeln. Abgemagerte Kinder blicken stumm ins Leere, es dampfen Töpfe, in denen Mütter aus Wurzeln und undefinierbaren Ingredienzien eine Suppe zubereiten.

Marodes Gesundheitssystem

Ein am 15. Juli veröffentlichter Bericht von Amnesty International über den Gesundheitszustand und die medizinische Versorgung der Bevölkerung zieht eine erdrückende Bilanz: Auch 20 Jahre nach der Hungerkatastrophe zu Beginn der 90er-Jahre, bei der über eine Million Menschen starben, bleibt die fehlende Nahrungssicherheit für Millionen von NordkoreanerInnen immer noch ein existenzielles Problem. Die Machthaber liessen sich fünf Jahre Zeit, um an die internationale Ge­mein­schaft für Nahrungsmittelhilfe zu appellieren, und be­schränk­ten die Handlungsfreiheit der humanitären Orga­ni­sationen. Die chronische Mangelernährung schwächt das Immunsystem der Menschen, verursacht Entwicklungs­störungen und begünstigt die Gefahr von Epidemien.
Obwohl das Gesundheitssystem offiziell für alle kostenlos ist, müssen faktisch Ärzte mit Zigaretten, Alkohol oder Nahrungs­­mitteln bezahlt werden. Amputationen ohne Nar­kose oder Operationen bei Kerzenlicht wegen Strom­mangel sind an der Tagesordnung. Laut Angaben der Welt­gesund­heitsorganisation (WHO) gibt Nordkorea pro Person und Jahr gerade mal 50 Cent für Gesundheit aus, weniger als jedes andere Land auf der Welt. Seit einer fragwürdigen Währungsreform im letzten Dezember, ein Schlag des Regimes gegen den Privathandel auf den lokalen Märk­ten, sind die Nahrungsmittelpreise innert Kürze explodiert. Laut Angaben der südkoreanischen Hilfs­organisation «Good friends» seien als direkte Folge davon zwischen Januar und Februar in der Provinz Süd-Pyongan Tausende Menschen verhungert, wird im Amnesty-Bericht zitiert.

Hermetisch abgeriegelt

Es ist kaum nachvollziehbar, wie es Kim Jong-il mit seinem Machtapparat bis auf den heutigen Tag geschafft hat, sein Volk vor unabhängiger Information hermetisch abzuschirmen. Internet und mobile Telefonie bleiben weitgehend der Führungselite vorbehalten und sind ansonsten verboten. Verstösse gegen diese Politik müssen Betroffene teuer bezahlen. Allein ein verbotenes Telefongespräch ins Ausland kann den Anrufer sieben und mehr Jahre Arbeitslager oder sogar sein Leben kosten.

Das Team des Internetportals Daily North Korea um den Dissidenten und vormaligen Parteisekretär Hwang Jang Yop in Seoul vermutet, dass rund 300000 politische Gefangene in Internierungs- und Um­erziehungs­lagern und weitere 300000 in Gefängnissen gefangen gehalten und gefoltert werden. Der Franzose und Nordkorea-Experte Pierre Rigoulot schätzt, dass in den bald 60 Jahren Diktatur über drei Millio­nen Menschen im Koreakrieg (1,3 Mio.), im Gulag (1,5 Mio.) sowie bei parteiinternen Säuberungen (100000) ausgelöscht wurden.

Zahlreiche Flüchtlinge, die in den Süden entkommen konnten, berichten übereinstimmend von öffentlichen Hin­richtungen selbst in Gegenwart von Kindern und über Foltermethoden von unvorstellbarer Bestialität. Die vorzugsweise in abgelegenen Bergregionen  angesiedelten «Gebiete unter besonderer diktatorischer Gewalt» liegen hauptsächlich im Norden, einige auch im Zentrum des Landes.

Dennoch gibt es keine sichtbare Opposition in Nordkorea. Die staatliche Ideologieinfiltration beginnt bereits im frühen Kindesalter. Die Propaganda verklärt den «ewigen Präsi­den­ten» und Staatsgründer Kim Il-sung mit erfundenen Legenden zur heiligen Vaterfigur und propagiert dessen Juche-Ideologie, die auf weitreichende  Selbst­versorgung und Unabhängigkeit des Landes angelegt ist.

Während die Menschen hungern, verwendet das Regime etwa einen Drittel (laut Daily North Korea sogar die Hälfte) des Bruttoinlandproduktes von geschätzten 24,8 Mrd. US-Dollar für die fünftgrösste Armee der Welt mit über 1,1 Millionen Soldaten. Sie betreibt ein nukleares Rüstungsprogramm, schiesst angeblich Nach­rich­ten­­satelliten in den Orbit und hat Tau­sende von Geschütz­mündungen entlang des vier Kilometer breiten Demarka­tionsstreifens auf das feindliche Südkorea gerichtet, mit dem man sich seit dem Waffenstillstand von 1953 formell immer noch im Krieg befindet. Immer mal wieder droht der «geliebte Führer», der sich gerne von Hunderttausenden seiner Landsleute im grössten Stadion der Welt feiern lässt, mit einem nuklearen Schlag gegen die «Marionetten Amerikas» im Süden.

Vorsichtige Öffnung?

Gleichwohl sind An­zeichen einer Öffnung des Landes und der Gesell­schaft  spürbar, vor allem in der Hauptstadt. Markt­wirt­schaft­liche Begriffe wie «Wirt­schaft­lichkeit», «Preiskalkulation» oder «Selbstkosten» sind geläufig, das Regime hat die Le­bens­mittelbezugsscheine abgeschafft und die Haushalte auf Geldwirtschaft umgestellt, ohne allerdings an der Plan­wirt­schaft zu rütteln. Ab 2002 siedelten sich im Südwesten neben der Stadt Kaesong (338000 Einwohner) Indus­triebetriebe aus Südkorea in einer Sonder­wirt­schafts­zone an, wohin täglich 1000 SüdkoreanerInnen über die Grenze pendeln.
Der 69-jährige Kim Jong-il, der vor zwei Jahren einen Schlaganfall überstanden hat, will Beobachtern zufolge voraussichtlich im September der Partei seinen noch jungen, erst 26-jährigen Sohn Kim Jong-eun, der in der Schweiz studiert haben soll, als Nachfolger präsentieren. Ob der Machtwechsel den Beginn einer Ära breiter Öffnung markieren wird, bleibt dabei völlig offen.


Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von August 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion