Nordkorea «Das Land wird sich weiter öffnen»

Park In-ho von der Internetplattform Daily North Korea in Seoul erklärt im Interview, was von den Kriegs­drohungen des Diktators zu halten ist, wie die Bevölkerung mit der Unterernährung lebt und unter welchen Bedingungen die abgeschottete Gesellschaft offener werden kann.

Park In-ho © Daily NK

Amnesty: Im Juni drohte Nordkoreas Führer Kim Jong-il wegen militärischer Operationen von Südkorea und den USA wieder einmal mit einem Atomschlag. Wie ernst muss man solche Drohungen nehmen?
Park In-ho:
Mit den Drohungen gegen die alljährlichen Militärübungen von Südkorea und den USA impliziert Nord­korea, dass es Nuklearwaffen besitzt. Das soll den Umfang dieser Übungen reduzieren und die Kooperation mit China stärken, indem Nordkorea sein Sicherheitsrisiko in den Vordergrund stellt. Nordkorea verfügt aufgrund eines Plutoniumprogramms über schätzungsweise fünf oder sechs nukleare Gefechtsköpfe. Das Land hat am 13. Juni 2009 die Durchführung eines Urananreicherungs­programms angekündigt. Es ist aber nicht klar, wie stark das Uran bereits angereichert ist. In meinen Augen ist es unwahrscheinlich, dass Nordkorea aufgrund dieses Programms tatsächlich über einsatzfähige Nuklearwaffen verfügt. Die Kriegsdrohungen sollen vor allem Stärke demonstrieren.

Kann das Regime in unserer vernetzten Welt seine Bürger und Bürgerinnen auch weiterhin von unabhängigen Infor­mationen fern halten?
Innerhalb der letzten zehn Jahre sind die Nordkoreaner mobiler geworden. Die Beamten sind bestechlicher geworden und schauen weg. Ausserdem wurden die maroden Telefon­verbindungen repariert und für bestimmte Kreise Mobil­telefone zugänglich. Der Informationsfluss ist damit innerhalb Nordkoreas gewachsen.

Ende letzten Jahres ging die Uno davon aus, dass von den über 23 Millionen Menschen in Nordkorea rund 9 Millionen hungern. Wie akut ist die Situation?
Aus westlicher Perspektive betrachtet, leiden tatsächlich 9 Millionen Menschen unter Hunger und Mangel­ernährung. Doch die nordkoreanische Statistik funktioniert anders. Nordkoreaner sind daran gewöhnt, unter widrigen Umständen zu leben, und gehen davon aus, dass nur 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung mangelernährt sind. Aus westlicher Sicht wären es etwa 35 Prozent. Da sich die Armuts­schere in letzter Zeit weiter geöffnet hat, rechnet man damit, dass gegen ein Drittel der Bevölkerung wie Chinas Mittelklasse lebt. Ein weiteres Drittel befindet sich in der gleichen Situation wie die Armen in China.

Was war der Grund für die desaströse Währungsreform, welche das Regime im vergangenen Dezember durchgesetzt und mit der es die Bevölkerung noch tiefer in Armut und Ver­zweiflung getrieben hat?
Die nordkoreanische Herrscherklasse kennt nur die sozialistische Planwirtschaft. Währung hat dabei bloss einen Wechselwert und dient nicht dazu, Vermögen anzuhäufen. Der wahre Grund liegt aber bei der Einführung freier Märkte vor sechs Jahren, wodurch viele Nordkoreaner wie in der freien Marktwirtschaft zu denken begannen. Durch die Senkung der Währung kann das Regime diesen aufkeimenden kapitalistischen Geist stoppen. Konkret sollte die Reform auch persönliche Sparguthaben vernichten.

Folter, Todesstrafen und öffentliche Hinrichtungen scheinen an der Tagesordnung. Auf Satellitenbildern erkennt man riesige Folterlager des nordkoreanischen Gulags.
In Nordkorea gibt es mindestens sieben oder acht Internierungslager mit schätzungsweise 150000 bis 300000 politischen Gefangenen. Rechnet man die Insassen der weiteren Gefängnisse dazu, verdoppelt sich diese Zahl vermutlich auf 600000 Menschen. Das Regime unterhält diesen Gulag, um Angst in der Bevölkerung zu verbreiten und damit die totale Kontrolle über die Gesellschaft auszuüben.

Laut Beobachtern internationaler Organisationen in Pjöng­jang sind in Nordkorea Anzeichen einer Öffnung innerhalb der Gesellschaft spürbar.
Ich glaube, dass die Nordkoreaner von heute anders sind als jene der 90er-Jahre. Die nordkoreanische Gesellschaft hat sich stark geöffnet trotz der Unterdrückung durch die Behörden. Der Informationsfluss ist viel schneller und die  Kultur und Güter aus Südkorea und China dringen in das Land. Früher wussten die Leute wegen der völligen Isolation nicht, dass es in ihrem Land schiefläuft. Heute haben jedoch über 80 Prozent der Leute südkoreanische Filme gesehen und Hunderttausende mindestens ausländische Radiostationen gehört. Sie haben durch den Vergleich ihres Landes mit anderen ein Bewusstsein entwickelt. Doch wegen der brutalen Unterdrückung können sie nichts unternehmen. Wenn das Regime an Einfluss verliert und die internationale Gemein­schaft die Bevölkerung unterstützt, dann wird auch die nordkoreanische Führungselite irgendwann für Freiheit und Demokratie stimmen. Indem die Korruption bei den unteren und mittleren Kadern zunehmend breiter wird, wird sich Nordkorea noch weiter öffnen.

Wie steht es um die Gesundheit des Diktators?
Obwohl die nordkoreanischen Medien nie darüber berichteten, wissen die Leute vom Schlaganfall, den Kim Jong-il im Sommer 2008 hatte. Manche denken, dass der Führer nun geschwächt sei und sein Schwager Jang Sung Taek die Fäden ziehe. Es gibt sogar Gerüchte, wonach Kim Jong-il senil geworden sei.

Wie intakt ist die Macht von Kim Jong-il? Voraussichtlich im September wird er seinen erst 26-jährigen Sohn Kim Jong-eun als Nachfolger präsentieren.
Kim Jong-ils Macht ist trotz seiner Gesund­heits­probleme unangetastet, es ist keinerlei Unruhe innerhalb der Führungs­elite und des Militärs zu spüren. Kritiker meinen, der Sohn sei zu jung und habe zu lange im Ausland gelebt. Doch die Ansicht, seine Inthronisierung sei vom Schicksal gegeben, ist weit verbreitet und wird deshalb keinen Schock auslösen. Elitemitglieder bezweifeln immerhin, dass das Militär auch nach dem Tod des Vaters dem Sohn die Treue halten wird.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion