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Film Wie wärs mit Liebe?

Der Schweizer Regisseur Stefan Haupt hat einen bewegenden Spielfilm rund um einen erfolgreichen Arzt gedreht, der zwischen seiner heilen Zürcher Welt und dem gnadenlosen Schicksal burmesischer Flüchtlinge im Norden Thailands hin- und hergerissen wird. Haupt hat lange vor Ort recherchiert und auch Laiendarsteller aus Myanmar für die Hauptrollen verpflichtet.

Amnesty: Was hat Sie am Schauplatz Nordthailand und am Elend der Bevöl kerung im benachbarten Myanmar interessiert?
Stefan Haupt:
Es ist mein erster Film, der aus einer Idee und nicht aus einer wahren Geschichte entstanden ist. Ich hatte zu Beginn keinen fixen Schauplatz vor Augen. Ich habe mit vielen Leuten  gesprochen, und als jemand vom Konflikt in Myanmar erzählte, hat mich das sofort interessiert. Ich fand es wichtig, davon zu erzählen. Thailand ist ausserdem ein guter Drehort, es herrschte von Anfang an Ernsthaftigkeit, weil das Flüchtlingsdrama real ist und passiert.

Sie haben dreieinhalb Jahre zum Thema recherchiert. Was haben Sie dabei entdeckt?
Wir wählten die Stadt Chiang Mai im Norden Thailands zu unserer Basis. Dort lernten wir Sam Kalayee, einen Kenner der Grenzregion, kennen. Er dreht als Medienschaffender bereits seit Jahren Reportagen unter anderem für die ARD und das Schweizer Fernsehen – auch über die Widerstandsarmeen. Er führte uns in verschiedene Flüchtlingscamps, wo wir mit den Campleadern sprechen konnten.

Was hat es mit diesen Flüchtlingscamps auf sich?
Das UNHCR führt neun offizielle Camps mit über 100 000 registrierten Flüchtlingen. Aber es gibt auch illegale, also nicht registrierte Camps, wo beispielsweise 200 bis 300 Leute leben, die aber bloss geduldet sind. Immer wieder wird ihnen gesagt, sie müssten den Ort räumen. Dann schalten sich Organisationen wie zum Beispiel Médecins sans Frontières ein, und die Schliessung wird um ein halbes Jahr hinausgezögert. Wir konnten auch ein «echtes» Flüchtlingscamp in der Nähe von Mae Hong Song besuchen, wo etwa 20 000 Flüchtlinge leben. Und wir waren in der Mae-Tao-Klinik von Dr. Cyntia Maung, einer Freundin der burmesischen Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi.

Sie haben für den Film ein Lager nach dem Vorbild eines Flüchtlingscamps aufgebaut.
Ich mache auch Dokumentarfilme und habe deshalb ein Interesse an dokumentarischer Genauigkeit. Das nährt mich beim Filmen. Wir haben versucht, das Lebensgefühl und die emotionalen Dinge stimmig rüberzubringen. Das Lager haben wir in vielem dem UNHCR-Lager im Norden von Mae Hong Song nachgebildet. Es gibt nur das absolute Minimum an medizinischen Einrichtungen, keine Betonbauten, nur wenige Spitalgebäude dürfen Mauern haben. Der ganze Rest muss provisorisch bleiben.

Haben die Flüchtlinge Rechte?
Thailand hat die Flüchtlingskonventionen nicht ratifiziert. Diese Lager bestehen bereits seit 15, eines sogar seit 26 Jahren. Es gibt eine ganze Generation von heute unter 15-jährigen Jugendlichen, die in ihrem Leben niemals ausserhalb des Lagers waren. Man sieht zwar keinen Hunger oder grosses Leiden, aber man spürt eine grässliche Hoffnungslosigkeit und Leere.

Wie ist das Grenzgebiet beschaffen?
Es gibt eine lange grüne Grenze  mit Dschungel auf beiden Seiten. Da braucht es stellenweise drei bis vier Tagesreisen zu Fuss auf verschlungenen Pfaden, bis man in Siedlungsgebiete kommt. Diese Grenze ist gar nicht zu bewachen. Aber da gehen auch nicht ganze Volksströme rüber, weil die Anreise so kompliziert und schwierig ist. Bei Mae Sot, wo die Mae-Tao-Klinik ist, gibt es die Friendship-Bridge. Die kann man mit einem Tagespass überqueren. Aber wenn der Fluss wenig Wasser hat, dann wird er auch im grossen Stil überquert. Es ist unterschiedlich, wie hart kontrolliert wird.

Wer kämpft in Myanmar gegen wen?
Die Situation ist sehr vielschichtig. Man ertappt sich dabei, wie gerne  man das Schwarz-Weiss-Denken applizieren möchte. Da sind die burmesischen Regierungssoldaten natürlich die Bösen. Doch es gibt nicht nur die guten Untergrundmilizen der Karen oder der Shan. Denn auch die führen untereinander teilweise nicht nachvollziehbare Kriege, oder sie paktieren plötzlich mit den Regierungstruppen oder umgekehrt. Und dann ist in diesem goldenen Dreieck das Ganze mit Drogenhandel, mit Waffen- und Frauenhandel verknüpft.

Welche Bedeutung haben in Thailand die Backpack-Doctors?
In der Mae-Tao-Klinik werden solche ausgebildet. Zum einen sind es die Burmesen selber, Leute, vor denen ich grossen Respekt habe. Sie gehen für zwei, drei Monate mit Rucksäcken voller Impfstoffe, Medikamente, Verbandszeug und dem Nötigsten für Überlebenseingriffe illegal über die Grenze. Sie sind auch wegen der Minen ständig in Gefahr. Man spricht von 1 bis 2 Million intern vertriebener Menschen, die in Burma in den Wäldern leben, sich von weiss was ernähren und häufig unter freiem Himmel schlafen.

Was war das stärkste Erlebnis während des Drehs?
Ein ganz starkes Erlebnis war die grosse Nähe zum burmesischen Hauptdarsteller U Thein Win. Er war glücklich, dass jemand aus der Fremde kommt, um seine Geschichte zu erzählen, für die sich sonst niemand interessiert. Wir hatten ein kleines Budget und konnten uns keine Stars leisten, auch keine thailändischen. Das war die Chance für Jorm Leun Hkam aus einem thailändischen Bergdorf, die jetzt im Film die Rolle der Say Paw spielt und zum ersten Mal in ihrem Leben vor einer Kamera stand. Es war ausserdem ein Glücksfall, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft unseres Drehortes ein thailändisches Karen-Dorf befand. Die Leute wurden dann unsere Statisten.

Wie setzte sich die Crew zusammen?
Wir waren 15 Leute in der Schweizer Crew und etwa 50 in der thailändischen. Die meisten von ihnen sprachen etwas Englisch und in dem thailändischen Karen-Dorf verstanden die meisten nur Karen, nicht aber Thai. Es war ein unglaubliches sprachliches Kuddelmuddel, aber es hat verblüffend gut funktioniert.

Wie gingen Sie in der Arbeit mit den Schauspielern konkret vor?
Ich hatte Schweizer, thailändische und burmesische Schauspieler in einer langen Runde einander ihre Geschichten erzählen lassen. Zum Beispiel hat die Mutter von Paruni – im Film ein Bub mit amputiertem Bein – erzählt, dass seine Behinderung ein Geburtsfehler ist, der auch wegen Mangelernährung der Mutter entstanden war. Das reale Interesse aller an allen war der Schlüssel. Solche Geschichten bewirken im weitesten Sinne, dass sie das Herz öffnen. Ich habe gemerkt, welches Geschenk es für die Leute dort war, wenn ich ihnen echt zugehört habe. Sie haben gemerkt, da kommt jemand, der nicht auf einen schnellen Primeur aus ist, sondern aus ganz urtümlichem, menschlichem Interesse. Sich darauf einzulassen, ist das Tollste überhaupt. Das war die grösste Kraft in der Arbeit mit den Schauspielern. Wenn das zu den Zuschauern überspringt, dann ist das für mich das Schönste.

Karen und Shan Die Karen bewohnen ein Gebiet entlang der burmesisch-thailändischen Grenze, im gebirgigen Südosten von Myanmar. Sie sind nach den Birmanen (ca. 69%) und den Shan (ca. 8,5%) die drittgrösste Bevölkerungsgruppe (ca. 7%). In Thailand leben zusätzlich 400000 Karen, wo sie etwa die Hälfte der thailändischen Bergvölker ausmachen. Die Shan sind nahe mit den Thai  verwandt. Sie leben hauptsächlich im Shan-Staat mit der Hauptstadt Taunggyi im Osten Myanmars. Amnesty International hält sich bei Ländernamen an die Bezeichnungen der Uno. Der Name Myanmar wurde vom Militärregime im Jahr 1989 anstelle von Burma festgelegt und von der Uno übernommen.

 

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von August 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion