Ueli Raaflaub © René Worni
Ueli Raaflaub © René Worni

AI Aktiv Den Medien nicht alles glauben

«Uns geht es gut hier im kleinen Paradies – es ist fast wie Ferien», sagt Ueli Raaflaub. Es sei ihm jedoch wohl bewusst, dass es bei Weitem nicht allen Leuten gut gehe. Deshalb engagiert sich der  43-jährige Landwirt bei Amnesty International.

Er bewohnt zusammen mit seiner Frau Marlies (42) und seinen vier Kindern im Alter zwischen viereinhalb und zwölf Jahren hoch über dem Ferienkurort Gstaad im Berner Oberland ein bezauberndes Holzhaus aus dem Jahre 1750. Im umzäunten Garten wachsen Blumen und Gemüse, Obstbäume stehen um das Anwesen, es gibt einen kleinen bunten Kinderspielplatz und im Stall muhen zehn Kühe und zehn Rinder. Hier ist Ueli Raaflaub aufgewachsen.

Den Betrieb mit 27 Hektaren Land hat er von den Eltern, die im oberen Stock des Hauses wohnen, übernommen. Seinen Hof bezeichnet er schmunzelnd als «christlich-biologisch». Christlich, weil er an Gott glau­be und daraus auch sein Engagement für die Menschenrechte ableite. Und Ueli Raaf­laub verwendet keine künstlichen Düngemittel. «Wenn man biologisch arbeitet, dann wächst nicht so viel», sagt er. «Aber das ist gut so und die Artenvielfalt ist dafür grösser.»

Durch seinen Cousin stiess er zur Regionalgruppe Saanenland von Amnesty International, die jener vor über 20 Jahren mitgegründet hatte. Was bedeuten Ueli Raaf­laub die Menschenrechte? Er denke dabei vor allem an die Beschränkung der Meinungsfreiheit, zum Beispiel in China oder in Nordkorea, weniger an die Schweiz. «Hier ist es bei Weitem nicht so schlimm.» Im Haus gibt es keinen Fernseher. Das Radio bringt die News aus der Welt. Und manchmal konsultiert Ueli Raaflaub das Internet. «Den öffentlichen Medien darf man nicht immer alles glauben.» Was Amnesty schreibe, habe meistens mehr Wahrheitsgehalt als das Spektakel in den Medien.

Einmal im Monat treffen sich die Mitglieder der Regionalgrup­pe – zwischen sechs und zehn Leute – und diskutieren ihre Akti­vitäten und Aktionen wie die Stand­aktion zum jährlichen Gstaader Weih­nachts­verkauf oder den gemeinsamen Auftritt mit dem Drittweltladen in Zweisimmen am Flüchtlingstag. Früher sei er auch in die Schulen gegangen, um im Rahmen des Religionsunterrichts über Amnesty zu informieren, sagt Ueli Raaflaub. Heute sei er mit seiner Familie und dem Landwirtschaftsbetrieb nicht mehr so flexibel. Ueli Raaflaub produziert vor allem Milch und während 40 Tagen im Jahr, wenn die Kühe und Rinder hinter dem Haus bergaufwärts weiden, machen die Raaflaubs Bergkäse. Da helfen alle mit, auch die Kinder, wenn keine Schule auf dem Programm steht.

Und die Freizeit? Ueli Raaflaub lacht. Obwohl er mit den unterdrückten Menschen in fernen Ländern mitfühlt, kommt er selber selten aus dem Tal heraus. Manchmal fährt die Familie übers Wochenende zu Ueli Raaflaubs Schwiegereltern nach Winterthur. «Das ist dann fast schon eine Weltreise», lacht er. Doch in der Vorwoche sei er mit seiner Frau auf der Mittelmeerinsel    Mallorca gewesen. «Weil ich mir in den Daumen geschnitten hatte und nicht mehr ‹wärchen› konnte.»

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von November 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion