Buch Schwerwiegende Erinnerung

Darf man von einem Völkermord an den ArmenierInnen sprechen? Sibylle Thelens Buch «Die Armenierfrage in der Türkei» will die Kontroverse nicht weiter anfachen. Ihr geht es darum, den Aufarbeitungsprozess der Armenierfrage in der Türkei auszuleuchten.

Armenierfrage

Wie als Vorspann zu einem Film schildert die Autorin zu Beginn des Buches nüchtern die Massentötungen und Vertreibungen in Anatolien im Jahr 1915. In Umrissen wird die komplexe politische Landkarte Europas während des Ersten Weltkrieges sichtbar. Die Gründung des türkischen Staates 1923 stellte eine entscheidende Wende dar: Mit ihr wurden Gebiete zu einer Nation zusammengefasst, die eigentlich unter den Kriegsmächten hätten aufgeteilt werden sollen. Thelen analysiert, wie die Gründungsväter und die führenden Politiker des türkischen Staates mit der Armenierfrage umgingen. Verschiedene Prozesse verlaufen in den nachfolgenden Jahrzehnten parallel: das defensive Verdrängen, das voranschreitende Vergessen oder gar das offensive Verleugnen.

Die lange Epoche des gezielten und erfolgreichen Verschweigens kommt erst gut 80 Jahre nach 1915 zu einem Ende. Thelen zeigt auf, wie der Schweigekonsens, der die Armenierfrage umgibt, zunehmend brüchig wird. HistorikerInnen und Intellektuelle im In- und Ausland   beginnen, die Ereignisse aufzuarbeiten.   Bücher und Filme über das Schicksal der  ArmenierInnen erreichen ein breites Pub­li­kum. Bislang verschlossene Archive werden geöffnet. Thelen: «Die offizielle Geschichtsschreibung hat massive Konkurrenz erhalten.»

Die Vergangenheit drängt sich in die Gegenwart. Eine entscheidende Rolle kommt dabei den Grossmüttern und ihren Enkeln zu. Mehr und mehr Geschichten, die an die Öffentlichkeit getragen werden, zeigen, dass viele armenischstämmige Mädchen 1915 in türkische Familien aufgenommen wurden, um dort als Musliminnen und oft mit geändertem Namen weiterzuleben. So wird auf einmal sichtbar, dass die türkische Gesellschaft mehr Überlebende der Ereignisse von 1915 in ihren Reihen zählt, als dies allgemein – sowohl von türkischer wie von armenischer Seite – angenommen worden war. Viele Überlebende und ihre Nachkommen haben das staatlich gesteuerte Schweigen verinnerlicht und ihre eigene Geschichte über lange Zeit unter Verschluss gehalten.

Im letzten Drittel des Buches beschäftigt sich die Autorin mit dem «Warum» des Verdrängens und mit der langen Zeit, welche die Geschichtsaufarbeitung in Anspruch nimmt. «Geschichte kann den Menschen nicht nur verkündet werden. Sie muss von ihnen auch verstanden und verinnerlicht werden können, damit Schuld, Leid und Verantwortung einen angemessenen Platz im kollektiven Verständnis finden.» Äusserst feinfühlig beschreibt die Autorin, welche enormen Hürden eine Gesellschaft überwinden muss, um ein Stück eigene Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die Aufarbeitung stellt an Opfer und Täter beziehungsweise ihre Nachkommen ganz unterschiedliche Anfor­derungen. Thelen skizziert, wie sich die heutige türkische Gesellschaft aus Erinnerung und Vergessen, aus Aufarbeiten und Verdrängen das Fundament zusammenstellen wird, auf dem ihre Zukunft aufbaut. Diese Einsichten vermag Sibylle Thelen geschickt zu vermitteln.

Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010. Ca. Fr. 14.–

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von November 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion