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Pakistan Schwieriges Erwachen für Pakistan

Pakistan erholt sich nur schwer von den Überschwemmungen, die das Land im letzten August heimgesucht haben. Über die Naturkatastrophe hinaus wankt jedoch ganz Pakistan. Eine Bestandesaufnahme mit Muhammad Ziauddin, Journalist und Chefredaktor der «Express Tribune».

Amnesty: Ist ein Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe in Pakistan überhaupt möglich?
Muhammad Ziauddin: Es braucht ohne Zweifel Jahrzehnte, bis sich Pakistan von diesem Desaster wieder erholt haben wird. Alles hängt von den Mitteln ab, die in den Wiederaufbau investiert werden. Laut einer Untersuchung der Weltbank und der Asian Development Bank haben die Überschwemmungen Schäden in Höhe von 9,7 Milliarden US Dollar verursacht. Die Kosten im Sozialbereich werden noch mal genauso hoch zu stehen kommen. Die Einkommensquellen der Familien wurden ernsthaft betroffen. Die Schulen und Spitäler in den überschwemmten Gebieten sind massiv in Mitleidenschaft gezogen; das Lehrpersonal und die Ärzte mussten in Gebiete flüchten, die sicherer sind. In den Provinzen im Norden und Nordwesten hat sich das Wasser zurückgezogen, aber weiter flussabwärts, in den Pro­vinzen Sindh und Belutschistan, sind wir nach wie vor auf Nothilfe und Unterstützung angewiesen.

Welchen Einfluss hat die Flutkatastrophe auf die ohnehin fragile politische Situation in Pakistan?

Sie hat keine nachhaltige Veränderung gebracht. Klar, es gab Proteste und Kritik an die Adresse der Regierung, weil diese mit grosser Verspätung und unangemessen auf die Kata­stro­phe reagiert hat. Aber keine andere politische Partei oder sonstige Gruppierung, die  aus der Katastrophe politische Vorteile hätte ziehen können, stellte die Legitimation der Regierung in- frage. Die konservativen Religionsgruppen haben davon nicht profitiert, abgesehen von ein paar wenigen Kräften, die unter starker Medienbeobachtung den Flutopfern halfen.

Ab wann haben sich extremistische Bewegungen in Pakistan ausgebreitet?
Heute sind die Koranschulen, die von verschiedenen islamischen Denkschulen geführt und vom pakistanischen Ge­heim­dienst unterstützt werden, die wichtigsten Orte, wo Extre­mis­ten «produziert» werden. Diese Schulen indoktrinieren die Schüler mit einem militanten Islam. Sogar die Unterrichts­pläne der öffentlichen Schulen glorifizieren den Islam und den heiligen Krieg derart, dass eine nationale Denkart am Entstehen ist, die glaubt, dass alle anderen Religionen dem Islam feindlich gesinnt sind und dass der Dschihad, im Namen des Islam, den Eintritt ins Paradies garantiert.

Wie positioniert sich die pakistanische Regierung, die ja auch die USA im Kampf gegen den Terrorismus unterstützen muss, gegenüber Afghanistan?
Die pakistanische Armee hat die Tendenz, Afghanistan wie eine Kolonie zu betrachten. Sie verfolgt deshalb eine Politik, die versucht, auf verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Ihr Ziel dabei ist, die Illusion zu vermitteln, sie unterstütze die Natokräfte in ihrem Kampf gegen die Taliban in Afgha­nistan, und gleichzeitig gewährt sie den Aufständischen Zuflucht in den föderal verwalteten Stammesgebieten. Sie hofft mit Hilfe dieser «Trumpfkarten» und vorausgesetzt, dass die westlichen Truppen einmal die Region verlassen haben werden, dereinst in Kabul eine Marionettenregierung errichten zu können, um so antipakistanische Absichten anderer Nachbarn, allen voran Indiens, zu bekämpfen.

Trotz der massiven Hilfe der USA für die Flutopfer halten sich die antiamerikanischen Ressentiments quer durch alle sozialen Schichten. Warum ist das so?
Die Mehrheit der gebildeten Pakistani, sogar jene, die an den besten Universitäten der  Vereinigten Staaten, Englands oder wei­terer Länder Europas studiert haben, halten die USA für eine imperialistische Macht. Sogar Leute mit einem breiten Denkhorizont mögen die Vereinigten Staaten nicht. Sie nehmen diese immer noch als Versorgungsmacht der früheren Militärregime Pakistans sowie – bis zu den Anschlägen des  11. Septembers – als Unterstützerin der religiösen Rechts­parteien im Land wahr. Dazu kommt, dass vor allem die Elite von dieser Hilfe profitiert hat, die Generäle inbegriffen, die hübsche Kommissionen eingestrichen haben. Man sollte auch nicht vergessen, dass 90 Prozent jedes Hilfsdollars als Export­ein­kom­men in die Taschen der USA fliesst, denn der grösste Teil der Bestellungen für diese Hilfe wurde und wird immer noch über die USA abgewickelt und ausschliesslich mit  US-amerikanischen Schiffen transportiert.

Wie schwierig ist es, in Pakistan als unabhängiger Journalist zu arbeiten? Ist es gefährlich, die Regierung und die Armee zu kritisieren?
Gegenwärtig nicht. Hoffen wir, dass es so bleibt. Eine stattliche Zahl von Journalisten haben seit dem 11. September in Pa­kistan ihr Leben verloren, weil sie in wegen der Auf­stän­di­schen unsicheren Regionen recherchiert haben.

Am pakistanischen Fernsehen sieht man oft religiöse Fanatiker, die Gewalt und Extremismus predigen und dabei eine Sprache voll Hass gegenüber den religiösen Minderheiten benützen. Meinen denn Kritiker, in Pakistan gebe es zu viel Pressefreiheit und zu wenig Selbstzensur durch Journalisten und Medienschaffende?
Ich weiss nicht, ob die Medien zu viel Freiheit haben. Aber es gibt klar eine starke mediale Hektik. Private elektronische Medien existieren erst seit sechs Jahren. Es gibt mindestens zwanzig nationale TV-Sender. Es stimmt, dass es Drohungen durch Geistliche gibt, welche Gewaltdarstellungen und Ex­tre­mismus in den Fernsehprogrammen fördern. Wenn man aber ihre Zuschauerquote analysiert, so sind diese religiösen Programme weitaus weniger populär als die Feuille­tons, die sich hauptsächlich mit jenen Themen befassen, die von den Extremisten kritisiert werden.
Die pakistanische Armee hat kürzlich die brutalen Ab­scheu­lich­keiten der Taliban kritisiert. Dennoch unternimmt sie nichts, um sicherzustellen, dass sich ihre eigenen Sicher­heitskräfte besser benehmen.
Es stimmt, dass die pakistanische Armee und der Geheim­dienst die Tendenz haben, ausserhalb jeglichen Rechts und in einem Klima der Straflosigkeit zu operieren. Verschwinden­lassen, aussergerichtliche Hinrichtungen sowie die Zer­stö­rung der Häuser von mutmasslichen Aufständischen als Antiterror-Strategie sind häufig. Pakistan ist über die Jahre ein Sicherheitsstaat geworden. Es gibt keinerlei taugliches Mittel, um diese Situation zu verändern, es sei denn, die Armee kehrt endgültig in ihre Kasernen zurück und lässt die Volksvertreter ihre Politik formulieren und diese ohne jegliche Störung seitens der Armee ausführen.

Wie wurden die Rechte der Frauen durch die Taliban betroffen?
Die Angst vor Anschlägen der Taliban hat zur Folge, dass die Frauen in den meisten Regionen des Landes ihre Häuser nicht mehr ohne Begleitung verlassen. Diese Angst dauert auch in den Büros und am Arbeitsplatz an. Durch die Anschläge gegen Bildungseinrichtungen für Mädchen sind die Eltern gezwungen, zweimal zu überlegen, bevor sie ihre Töchter in die Schule schicken.

Man bekommt den Eindruck, dass von Pakistan nur schlechte Nachrichten ausgehen. Gibt es auch gute?
Da ich selber Pakistaner bin, mögen Ihnen meine Hoffnung und meine Vision von Pakistan bestimmt sehr optimistisch vorkommen. Zum ersten Mal in seiner Geschichte verfügt Pakistan über ein Rechtssystem, das nicht der Exekutive unterworfen zu sein scheint. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte scheinen die pakistanischen Medien tatsächlich frei zu sein. Zum ersten Mal scheinen wir ein starkes Parlament zu haben, in dem alle politischen Parteien vertreten sind, welche diese Bezeichnung verdienen. Dieses Parlament hat gemeinsam  101 Klau­seln der Verfassung verbessert und sie von den Zusatz­­artikeln befreit, welche die früheren Militärdiktaturen zur Festigung ihrer Macht eingefügt hatten. Zum ersten Mal in der Geschichte Pakistans und im Anschluss an die Re­gie­rungs­wahlen von 2008 hat jede politische Partei, die dieser Bezeichnung würdig ist, Teil an der Macht. So gesehen: Ja, ich bin optimistisch!

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von November 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion