Pakistan Explosive Musik

Ermordete Musiker, explodierende CD-Läden: Fundamentalistische Kreise im Nordwesten Pakistans wollen die Musik zum Verstummen bringen. Marie Korpe, Pakistan-Spezialistin bei der NGO Freemuse, berichtet über ihren jahrelangen Kampf gegen die Zensur.

© freemuse.org

Amnesty: Wurden auch dieses Jahr Musikläden angegriffen?
Marie Korpe:
Es gab gemäss unseren Informationen mindestens zwei Angriffe. Anfang April explodierte ein CD-Laden in Tank, Süd-Waziristan. Und am 28. Januar wurden zehn Menschen durch eine Explosion verletzt, die zehn Läden auf dem Markt der Kleinstadt Jand in der Provinz Punjab beschädigte. Seit 2006 haben extremistische religiöse Gruppie­run­gen im Nordwesten Pakistans mehr als 800 Musikgeschäfte ins Visier genommen.

Gehen diese Gruppierungen auch direkt gegen die Musiker vor?
Ja, ganz klar. Religiöse Fundamentalisten haben ein Treffen von Musikern in Nowshera in Khyber Pakhtunkhwa (Nord­westprovinz) attackiert. Sie nahmen die anwesenden Sänger, die Spenden für die Flutopfer sammeln wollten, während mehrerer Stunden in Geiselhaft. 2009 wurde gar eine paschtunische Sängerin getötet; laut ihrem Ehemann von ihren Brüdern, die nicht akzeptieren wollten, dass sie Sängerin war. Im Jahr zuvor wurde der bekannte Harmoniumspieler Anwar Gul ermordet. Er erlag nach dem Angriff zweier bewaffneter Männer seinen Verletzungen.

Wie ist die Lage in den grossen Städten wie Islamabad, Lahore oder Karachi?
In den letzten beiden Jahren fanden solche Attacken vor allem in den Stammesgebieten statt. Aber nachdem die Taliban 2008 das Swat-Tal unter ihre Kontrolle gebracht hatten, gab es dort ähnliche Angriffe auf Musiker und Ge­schäfte. Die Musik wurde zudem vollständig aus den Radioprogrammen verbannt. In den anderen Gebieten Pakistans gibt es hingegen kaum Schwie­rigkeiten, CDs zu kaufen.

Was sagt die Regierung zu dieser gewaltsamen Zensur?
Die Behörden sind ziemlich still. Man darf nicht vergessen, dass nicht die pakistanische Regierung die Stammesgebiete kontrolliert, sondern die lokale Stammespolizei. Die Regie­rung hat Vertre­tun­gen und Gouverneure in jedem lokalen Dis­trikt. Diese kontrollieren aber vor allem die Strassen; der Rest bleibt der Stammespolizei überlassen.

Verbietet der Islam tatsächlich die Musik?
Nein, weder der Koran noch der Islam verbieten Musik. Aber manche religiöse Extremisten interpretieren das anders.

Produzieren die Taliban denn auch selber Musik?
Auf den Märkten im Nordwesten Pakistans gibt es haufenweise Dschihad-Hymnen und CDs, welche die «Gerechtigkeit der Taliban» anpreisen. Jede Taliban-Gruppierung hat eine eigene Produktionsstätte, in der junge Leute solche Hymnen singen, um neue Getreue anzuziehen. Die Tausenden von verkauften CDs sind für die Taliban auch eine gute Einnahme­quelle.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von November 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion