Im Frauenhaus Panah in Karachi © Panah
Im Frauenhaus Panah in Karachi © Panah

Pakistan Gefangen in der Tradition

Frauenquote und Ehrenmorde, erfolgreiche Unternehmerinnen und brutale Unterdrückung: Die Lage der Frauen in Pakistan ist ungemein zwiespältig – und oftmals aussichtslos.

Die Frauen in ihrem Land könnten alles erreichen, wenn sie nur wollten, sagte die erfolgreiche pakistanische   Ex­portunternehmerin Amna Saleem vor einiger Zeit in einem Interview. Tatsächlich: Es gibt Anwältinnen, Unter­neh­me­­r­innen und Lehrerinnen, Frauenuniversitäten und sogar eine Frauen­quote, die 33 Prozent der Sitze im nationalen Parla­ment für die weibliche Bevölkerung vorsieht. Ein «Minis­te­ri­um für die Entwicklung der Frauen» kümmert sich um die entsprechenden Anliegen. Auf legislativer Ebene sind immer wieder Fortschritte für die Frauen zu vermelden; so nahm das Parlament 2010 ein Gesetz gegen Belästigung am Ar­beits­­platz an.

Ist also alles rosig für die pakistanischen Frauen? «Es gibt Erfolgsgeschichten. Die grosse Mehrheit der pakistanischen Frauen lebt aber in einer ganz anderen Welt», sagt Susanne Prei­sig, Pakistan-Kennerin und vormalige Länderexpertin bei Amnesty International. Denn Ausbildung und Beruf sind in der Regel nur jenen Frauen zugänglich, die in einer liberalen und vermögenden Familie im städtischen Umfeld le­ben. Für alle übrigen sieht es ganz anders aus: «Die Frauen leben in einer sehr kleinräumigen, bedrückenden Welt», so Susanne Preisig. Das Leben ist geprägt von den engen sittlichen Vorstellungen, die durch Religion und Tradition entstanden sind.

Das bekam auch Maryam zu spüren, eine junge Frau aus dem Süden Pakistans. Unter dem langen, orangefarbenen Ärmel ihres Kleides blitzt eine Tätowierung hervor, die den Namen ihres Ehemanns zeigt. Ein Ehemann, der 35 Jahre älter ist als sie und an den sie im Alter von 14 Jahren verheiratet wurde. Danach schuftete sie im Haushalt als Sklavin für den Mann und seine erste Frau. Als sie von ihrem Stiefsohn vergewaltigt wurde, vertraute sie sich ihrem Gatten an und bat um Schutz. Doch der gab ihr die alleinige Schuld und jagte sie mit Schimpf und Schande aus dem Haus.

Unterdrückt und gequält – aber immerhin mit dem Leben davongekommen: Dies ist die traurige Bilanz von Maryams Geschichte. Oft jedoch müs­sen «fehlbare» Frauen qualvoll sterben. Sogenannte Eh­ren­morde häufen sich in Pakistan noch immer: Morde, mit denen Verwandte danach trachten, die in ihren Augen be­schmut­zte Ehre der Familie wiederherzustellen. Die Men­schen­rechtskommission für Pakistan listet unzählige Fälle wie jenen von Mafia Bibi auf, einer Siebzehnjährigen aus Sahiwal in der Provinz Punjab. Sie brannte mit dem Freund durch, worauf ihr Bruder zum Messer griff und ihr Ohren, Nase und schliesslich den Kopf abschnitt. 960 «Ehren­mor­de» weist der Amnesty-Jahresbericht für 2009 aus; in Realität sind es zweifellos noch viel mehr. Die meisten Fälle werden gar nie rapportiert, geschweige denn von der Polizei untersucht.

Fürs Leben gezeichnet

Maria Shah, eine Ärztin aus Shikaphur in der südöstlichen Sindh-Provinz, verlor ihr Leben nicht durch die Hand eines Familienmitglieds. Es war ein abgewiesener Verehrer, der am 12. Februar 2009 einen Säureanschlag auf sie verübte. 60 Prozent ihres Kör­pers waren veräzt. Einen Monat später erlag sie den Ver­let­zungen.

Jene Frauen, die Säureanschläge überleben, bleiben meist ein Leben lang gezeichnet, denn die Angreifer werfen ihnen die Säure gezielt ins Gesicht. Die Menschen­rechts­kom­mis­si­on weiss von 135 Säure- oder Brandanschlägen im Jahr 2009; die Dunkelziffer liegt auch hier hoch.

Korrupte Justiz

«Ehrenmorde» sind im pakistanischen Gesetz seit 2004 verboten, und auch ein Gesetz gegen die Säureanschläge wird von NGOs vorangetrieben. Doch das bietet nicht genug Schutz für Frauen. Pakistans Justiz gilt als korrupt. Vor Gericht hat die besseren Chancen, wer angesehen und reich ist.

Nicht in Kraft getreten ist ein Gesetz zum Schutz vor häus­licher Gewalt: Zwar nahm es eine der beiden Par­la­ments­kammern letztes Jahr an, die andere aber liess es so lange unbearbeitet, bis es aus formalen Gründen vom Tisch war. Der Nutzen wäre sowieso schwer abzuschätzen: «Die Gesetzgebung soll Frauen schützen und Angreifer hart bestrafen – aber sie kommt irgend­wie nie zur Anwendung», schrieb die pakistanische Journalistin Huma Imtiaz kürzlich. Die allermeisten Frauen würden es nicht wagen, ihren Mann wegen häuslicher Gewalt anzuzeigen, um der damit verbundenen Bestrafung und öffentlichen Schande zu entgehen.
Eine der wenigen Ausnahmen ist Maryam, die vergewaltigte junge Frau aus dem Süden des Landes. Sie fand Schutz in einem privaten Frauenhaus in Karachi, das ihr einen Rechts­beistand vermittelte. Das Gericht sprach Maryam das Sorgerecht für zwei ihrer vier Kinder zu. Später einig­te sie sich mit ihrem Mann; sie kehrte in sein Haus zurück, der Gatte unterschrieb eine Erklä­rung, dass er sie künftig mit Respekt behandeln wolle – in Maryams Welt ein Erfolg.

Stammesrecht geht vor

Nicht überall haben die staatlichen Gerichte das Sagen. Gerade in den ländlichen Gegenden regeln Stammesgerichte, sogenannte Jirgas, das Zusammenleben. Sie haben nicht nur schlechte Seiten. Bei Wasserstreitigkeiten etwa sind sie viel effizienter als die chronisch überlasteten staatlichen Gerichte. Doch die Jirgas ordnen auch Urteile an, die nach westlichen Gesichtspunkten haarsträubend sind. Der Fall von Mukthar Mai erlangte 2002 traurige Berühmtheit. Ein Stammesgericht hatte sie zu einer Gruppenvergewaltigung verurteilt, weil ihr Bruder mit einer Frau aus einem rivalisierenden Stamm gesehen worden war. Mukthar Mai beging danach nicht Selbstmord, wie von ihr erwartet, sondern brachte den Fall an die Öffentlichkeit. Ein staatliches Gericht sprach ihr eine Entschädigung zu; die Ge­schichte ging um die Welt.

Mukthar Mai gründete mit dem ihr zugesprochenen Geld eine Stiftung, die ein Frauenhaus, eine Klinik und eine Schule für Mädchen baute. Davor war sie wie viele ihrer Landsleute An­al­phabetin. Nur etwa 65 Prozent der Männer und 40 Pro­zent der Frauen können gemäss einer Schätzung der Asian De­­velopment Bank lesen und schreiben. In den Stammes­ge­bie­ten liegt die Quote noch viel tiefer: Nicht einmal 1 Prozent der Frauen kann lesen. In dieser Region und in der Nord­westprovinz haben Taliban-Gruppen in den letzten Jah­­­ren immer wieder Schulen geschlossen oder niederge­bran­nt. Die Armeeeinsätze gegen die Tali­ban und die Flut brachten den Schulbetrieb zusätzlich durchein­ander.

Wo sie noch funktioniert, verlassen viele Mädchen die Schu­le nach der 5. Klasse. «Sobald die Mädchen nicht mehr im Dorf zur Schule gehen können, erachten die Eltern den Schul­­­weg als zu gefährlich», erklärt Susanne Preisig. Bil­dung für Frauen hat in konservativen Familien keine grosse Bedeutung oder wird als verwerflich be­trachtet. Selbst von den gut ausgebildeten Frauen wird erwartet, dass sie ihren Beruf aufgeben, wenn sie hei­raten. Den Lebenszweck für die weibliche Bevöl­ke­r­ung bildet die Familie. So erging es Shaista, ei­ner jungen Frau aus Chitral im Nordwesten Pa­kis­tans. Sie schloss die Schule mit Bestnoten ab und wollte studieren. Doch ihre Familie hatte andere Pläne und verlobte Shaista mit ihrem Cousin. Vater und Ehemann verboten ihr die weiterführende Bildung. Shaista blieb deshalb zu Hause. Denn was gut ist für eine Frau, entscheiden in Pa­kis­tan die Männer. Ein selbstbestimmtes Leben bleibt für die allermeisten Frauen ausser Reichweite.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von November 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion