Pakistan Unterwegs in Pakistan

Womit man als Frau aus dem Westen mitunter rechnen muss, hat Amnesty-Mitarbeiterin Susanne Preisig auf ihren Reisen durch den Vielvölkerstaat hautnah erlebt.

In Pakistan, wo die meisten Frauen kaum Rechte haben, herrschen enorme Gegensätze. In unmittelbarer Nach­bar­schaft schicker Wohnquartiere mit modernsten Shopping-Zentren, wo sich westlich gekleidete Pakistanerinnen ganz unbehelligt bewegen können, reihen sich die Quartiere der Armen mit ihren eigenen Gesetzen an: Die Menschen unterstehen dort einer strikten, von einem radikalen Islam geprägten Lebensordnung. Musikhören und Tanzen ist verboten, die Frauen leben in die Häuser verbannt und der Schul­besuch ist für Mädchen die Ausnahme.

Eine Frau allein unterwegs in Pakistan verstösst gegen alle gesellschaftlichen Regeln. Und eine westliche Frau in einem Überlandbus oder auf dem Land ist bereits ein Ereignis. Leider sind verbale und körperliche Attacken durch Männer die Regel. Trotzdem: Die Menschen begegnen einem mit grosser Hilfsbereitschaft und Neugier. Keine Busfahrt ohne ein angeregtes Gespräch oder einen bereichernden Kontakt mit Frauen oder ganzen Familien. Oft lud man mich spontan ein, selbst zu Verlobungs- und Hoch­zeitsfeiern, und ich durfte an den Träumen, Sorgen und Ängsten der Pakistanerinnen teilhaben. Die Offenheit und die Herzlichkeit der Menschen wogen die manchmal widrigen Reiseumstände dabei mehr als auf.

Einmal war ich bei einer jungen Frau aus der unteren Mittelschicht zu Gast – der Vater Ingenieur, die Mutter Leh­rerin. Die Frau hatte Privatschulen besucht und sich zeitlebens nie ausserhalb ihrer sozialen Schicht bewegt. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie noch nie auch nur einen Fuss in einen öffentlichen Bus gesetzt hatte und dazu erzogen worden war, Orte und Menschen zu meiden, die nicht ihrer Schicht entsprachen. Die Familie war nicht reich, doch allein das uns aufgetragene Essen entsprach mindestens dem Monatslohn eines Arbeiters oder Handwerkers.

Vor zwei Jahren begleitete ich eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau zu einer Gerichtsverhandlung. Nach siebenstündiger Anfahrt und langen Wartestunden teilte ein Gerichtsdiener endlich mit, die Verhandlung könne nicht stattfinden wegen Abwesenheit des zuständigen Richters. Weitere vergebliche Fahrten zu angesetzten und gleichentags annullierten Gerichtsterminen folgten. An diesem ersten Tag wurde ich jedoch unfreiwillige Zeugin einer anderen Gerichtsverhandlung:
Ein einflussreicher Landlord hatte seine Frau verstossen und zwang sie, ihm das gemeinsame Kind im Alter von höchstens vier Monaten zu überlassen. Die Frau dagegen forderte, umgeben von ihren Familienangehörigen, vor Gericht das ihr zustehende vorläufige Sorgerecht ein. Der Richter sprach nach fünfminütiger alleiniger Anhörung des Kindsvaters diesem den Säugling zu. Ohne Zweifel war auch Geld geflossen, denn gemäss pakistanischem Familienrecht bleiben Kinder bei einer Scheidung wenigstens bis zum Vorschulalter bei ihrer Mutter. Sogleich nach dem Richterspruch stürmten Sicherheitskräfte auf die Frau zu, rissen ihr das Kind, das sie gerade stillte, von der Brust und übergaben es dem Vater, der triumphierend und von seinen Anwälten flankiert, den Saal verliess. Besuchsrechte existieren in Pakistan kaum, weshalb die Frau ihr Kind wohl nie mehr sehen wird.

In den letzten zwei Jahren habe ich auf meinen Reisen festgestellt, dass sich die Sicherheitslage vor allem in den Städten deutlich verschlechtert hat. Mittlerweile richten sich Anschläge nicht mehr nur gegen Polizisten und Militärs, sondern auch Schulen, Spitäler und Moscheen sind nicht mehr sicher vor den selbst ernannten «Verteidigern des Islam».

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von November 2010
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion