Nothilfe Die Qual des Wartens

Zwei Männer und zwei Frauen haben uns offen ihre Situation im Nothilfesystem geschildert, und wir wurden vor Ort Zeuge ihrer beengenden Lebensumstände. Allen gemeinsam ist die quälende Perspektivlosigkeit. Manchmal reicht die Kraft nicht einmal mehr, über den nächsten Tag hinauszudenken, und das Brüten über die eigene Lage macht die Menschen krank. (Alle Namen geändert.)
«Wir möchten etwas tun!»

«Ihr seid Illegale, darauf habt ihr kein Recht» – so lautete die Antwort, als Aline einen Deutschkurs besuchen wollte. Die Muttersprache von Aline ist Französisch. Damit spricht die Kongolesin zwar schon eine Schweizer Landessprache, doch sie wollte sich besser eingliedern an ihrem aktuellen Wohnort im Durchgangszentrum Aarwangen im Kanton Bern. Dort lebt sie mit ihrem Mann und der bald dreijährigen Tochter Sonia in einem vollgepackten Zimmer. Bald wird die Familie zu viert sein, denn im Mai soll ein Baby zur Welt kommen. «Jeder Tag hier ist gleich wie der andere: Wir stehen auf, essen, sitzen im Zimmer, schauen TV. Die Kleine sieht immer nur die gleichen Dinge, wie soll sie sich da entwickeln und lernen?» Aline kocht mit den Lebensmitteln, die sie im zentrumseigenen Laden auswählen darf. Jeden Freitag gibt es für die dreiköpfige Familie Lebensmittel im Wert von 71 Franken, am Dienstag für etwa 55 Franken. Bargeld erhält sie keines. «Wir können uns mit Putzen ein paar Gutscheine dazuverdienen, sodass wir mit dem Zug nach Bern fahren können.» Doch der Radius der tatkräftigen Frau bleibt eingeschränkt. «Dabei wollen wir etwas tun und zum Wohl der Schweiz beitragen», sagt sie verzweifelt. Bevor sie im Mai 2009 auf Nothilfe gesetzt wurde, machte Aline eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin. Jeden Morgen fuhr sie mit dem Zug von Lützelflüh nach Moutier. Dann musste sie die Ausbildung abbrechen. «Manchmal frage ich mich, welche Art Leute die Schweiz denn will? Wir haben nie etwas Unrechtes getan, schauen Sie in unserem Dossier nach. Trotzdem müssen wir gehen. Andere Leute dürfen bleiben, auch solche, die mit Drogen dealen.» Alines Traum für die Zukunft: Die Ausbildung zu Ende bringen, Arbeit für ihren Mann, eine kleine Wohnung und eine faire Chance für die Kinder – für Sonia, für das Baby und für die beiden ältesten Kinder, die noch immer in der demokratischen Republik Kongo sind und die Aline seit vier Jahren nicht mehr gesehen hat.

Nein zur Nothilfe

Weil er sich in seinem Land, Gambia, bedroht fühlt, will Lamin die Schweiz nicht verlassen. Wie viele der abgewiesenen Asylsuchenden zog er es vor, sich den Windungen des Asylsystems zu entziehen. Als er den negativen Asylentscheid erhielt, hätte der 25-Jährige das Datum seiner Ausreise bestätigen sollen, um Nothilfe zu erhalten. «Mit der Unterschrift hätte ich mich bereit erklärt, nach Gambia zurückzukehren.» Derart in der Klemme, entschied sich Lamin, in Wahrung seiner Würde sein letztes Recht zu nutzen: Er unterschrieb seine Rückkehr nicht.

Der junge Mann kam Ende 2008 ohne Papiere nach Genf. Er wurde nach Luzern transferiert, wo er das Asylverfahren antrat. Weil er an psychischen Problemen leidet, war er zwei Mal in der Klinik. Im Februar 2010 fiel der negative Asylentscheid.

Die Folgen seiner Ablehnung der Nothilfe sind schmerzlich. Von 
einem Tag auf den anderen fand sich Lamin ohne Dach über dem Kopf und ohne Mittel wieder. «Seither lebe ich in ständiger Anspannung. Ich habe Kopfschmerzen, ich kann nicht schlafen, ich denke viel zu viel und manchmal daran, meinem Leben ein Ende zu setzen.» Er ging in die Romandie, wo ihn Landsleute, ebenfalls abgewiesene Asylsuchende, heimlich unterbrachten. «Dank meinen Freunden, die mich nicht auf der Strasse lassen wollten, halte ich durch. Aber sie nehmen grosse Risiken auf sich, wenn sie mir helfen. Das ist ein zusätzlicher Stress.» Lamin ist dabei vollkommen von der Solidarität seiner Landsleute abhängig, die selber im Nothilfesystem stecken. Die grösste Furcht hat der junge Gambier vor einer Ausweiskontrolle. Weil er jeden Kontakt mit der Polizei vermeiden muss, um nicht enttarnt zu werden, hält er sich die meiste Zeit des Tages versteckt. Manchmal nimmt er das Risiko auf sich und geht am Wochenende in die Stadt. «Ich möchte ein besseres Leben, aber mir sind die Hände gebunden.»

«Mein Leben hat keinen Sinn.»

Annick kam 2002 aus Kamerun mit einem Schweizer, der ihr die Heirat versprach, hierher. Zwei Jahre später verliess er sie. 2005 stellte Annick ein Asylgesuch, das sofort abgelehnt wurde. Seither lebt die 33-Jährige von der Nothilfe und wird wegen Depressionen behandelt. 2008 stellte sie ein zweites Asylgesuch und wartet nun auf die Antwort. Sie lebt in Lausanne in einem Studio, ihr stehen pro Tag 9,50 Franken zur Verfügung. Ihre Nachbarn im gleichen Haus befinden sich in einer ähnlichen Situation.

«Wenn ich Essen einkaufen will, muss ich drei bis vier Tage vorher zu sparen beginnen. Brauche ich zum Beispiel Winterstiefel, reicht das Geld nicht mehr. Tagsüber nehme ich an Beschäftigungsprogrammen teil und lerne Lesen und Schreiben. Wenn ich allein bin, werde ich traurig und fühle mich wertlos. Gehe ich durch die Strassen, schäme ich mich. Uns abgewiesene Asylsuchende betrachtet man als Kriminelle und in den Zentren misshandelt uns das Sicherheitspersonal.

Aber ich bin jung, ich will arbeiten. Warum lässt man uns nicht? Ich möchte selbstständig sein und will  nicht, dass man mir Geld geben muss. Ich habe so wenig Mittel, dass ich versucht war, mich zu prostituieren. Aber ich habe widerstanden. Ich würde gerne eine Ausbildung als Krankenpflegehelferin machen. Das Rote Kreuz hat mir sogar eine Schnupperlehre vorgeschlagen. Aber als man mich nach meinen Papieren fragte, war die Sache zu Ende. Viele Asylsuchende kommen nach Europa, weil sie vor der Armut flüchten. Die Behörden sollten sich in unsere Lage versetzen. Wenn ich eine Ausbildung machen könnte, dann würde ich später diesen Beruf in Kamerun ausüben können. Vor Kurzem wurde ich schwanger, aber ich habe das Kind im siebten Monat verloren. Die Ärzte sagten, ich sei zu schwach, um die Schwangerschaft zu überstehen. Ich brauche Medikamente gegen meine Depressionen und war mehrmals in einer psychiatrischen Klinik. Ich weiss nicht, wie meine Zukunft aussieht. Ich lebe voller Angst von einem Tag zum anderen. Mein Leben hat keinen Sinn. Je länger ich in der Nothilfe bleibe, desto schwieriger wird es, eines Tages wieder unabhängig zu sein. Ich kann die Schweiz nicht verlassen.»

«Es ist Gottes Plan.»

Ragendra legt ein Heft auf den Tisch, darin stehen auf einer langen Liste seine Blutdruckwerte. Nachts muss er mit einem Atemgerät schlafen. Der 64-jährige Mann aus Nepal ist gesundheitlich stark beeinträchtigt: Früher war er Polizist im Dienst des nepalesischen Königs und wurde nach dessen Ermordung Opfer von Folterungen. Ragendra floh und gelangte mit Schleppern nach Italien. Von dort kam er 2007 in die Schweiz. «Die medizinische Behandlung ist gut. Das Problem ist die Situation, in der ich lebe», sagt der zierliche Mann in seiner grünen Faserpelzjacke. Auf sein Asylgesuch trat das Bundesamt für Migration nicht ein. Die Antwort des Bundesverwaltungsgerichts auf sein Revisionsgesuch steht immer noch aus; Ragendra möchte, dass die Behörden die Arztzeugnisse berücksichtigen. «Jeden Tag warte ich darauf, dass ich endlich Bescheid bekomme», sagt er. Was, wenn der ersehnte Brief eine abschlägige Antwort bringt? «Nach Nepal kann ich nicht zurück, das ist viel zu gefährlich», sagt er, ohne dass das Lächeln aus seinem Gesicht weicht. Seine Familie, die im indisch-nepalesischen Grenzland wohnt, hat er seit 2006 nicht mehr gesehen.

Ragendra lebt seit 2008 von Nothilfe im Durchgangszentrum Aarwangen: Sechs Franken pro Tag in Form von Gutscheinen. Ab und zu kommt es zu Konflikten mit anderen BewohnerInnen. Der religiöse Nepalese erträgt seine Lage im Vertrauen auf höhere Mächte. «Ich habe Frieden. Gott hat mich hierhergebracht. Es ist sein Wille und sein Plan.» Sein winziges Zimmer in Aarwangen ist tapeziert mit Bibelsprüchen. Um sich abzulenken, schreibt er Lieder, worin er Gott auf Nepalesisch und Englisch preist. Wer sie hören will, dem singt er sie in seinem Kämmerchen vor – und scheint dabei für einen Augenblick glücklich.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Februar 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion