Standpunkt Eigentlich keine gute Nachricht

Der Slogan des internationalen Weltfussballverbandes (Fifa) mit Sitz in Zürich lautet: «For the game, for the world» – zu Deutsch «Zum Wohl des Spiels, zum Wohl der Welt». Im vergangenen Dezember hat die Fifa entschieden, die Fussball-WM 2018 und 2022 in Russland und in Katar durchzuführen. Ist dies für «das Wohl der Welt» eine gute Nachricht?

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Die Lage der Menschen- und Arbeitsrechte in Katar ist katastrophal. Die Frauen werden durch die Anwendung der Scharia von Gesetzes wegen tagtäglich diskriminiert und von fundamentalen Rechten ausgeschlossen. Das Recht auf freie Meinungsäusserung ist in Katar massiv eingeschränkt, und das Land verhängt nach wie vor die Todesstrafe. Gewerkschaftsfreiheit gibt es nicht. 80 Prozent der Bevölkerung sind ArbeitsmigrantInnen, die praktisch rechtlos sind. Berichtet wird von Schlägen, Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen durch die Arbeitgeber.

Auch in Russland muss die Menschenrechtslage als miserabel bezeichnet werden. Der russische Staat verletzt grundlegende Menschenrechte systematisch und massiv. AktivistInnen und Mitglieder von NGOs, Oppositionelle, kritische JournalistInnen und MenschenrechtsanwältInnen werden bedroht, tätlich angegriffen und ermordet. GewerkschafterInnen werden an ihrer Arbeit gehindert, diskriminiert und bedroht. Systematische und grobe Verstösse gegen die Arbeitsrechte sind nicht die Ausnahme, sondern alltägliche Realität.

In diesen beiden Ländern wird die Fifa das milliardenschwere Megaevent Fussball-WM durchführen. Eigentlich könnte dies eine gute Nachricht sein. Denn eigentlich könnte die Fifa der Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten im Vorfeld der WM oberste Priorität einräumen. Eigentlich böte die WM somit die Chance, in diesen Ländern eine positive Entwicklung in Gang zu bringen. Doch ich zweifle daran. Denn die Fifa ist bisher nicht als engagierte Kämpferin für Menschenrechte aufgefallen. Bei der WM 2010 in Südafrika hat Fifa-Präsident Sepp Blatter zwar gerne von einem Fest für ganz Afrika gesprochen, von einem Entwicklungsschub, der allen Afrikanern etwas bringe. Doch gefeiert haben am Ende nur wenige. Südafrika blieb ein Schuldenberg von 2,8 Milliarden Franken, in der Folge mussten Sozialausgaben gekürzt werden (zum Vergleich: Die Fifa hat über 3 Milliarden Franken Gewinn gemacht). Berichte über Vertreibungen, Arbeitsrechtsverletzungen und Ausbeutung wurden von der Fifa geflissentlich ignoriert. Dies falle nicht in die Verantwortung der Fifa, sagt Blatter. Mit Verlaub: In dicken Vertragswerken regelt die Fifa sämtliche Bereiche, die einen reibungslosen, gewinnbringenden Ablauf der Spiele garantieren – von der Höhe der Grashalme auf den Spielfeldern bis hin zur zulässigen Bildschirmdiagonale bei Publicviewings. Für die Einhaltung von Menschenund Arbeitsrechten fühlt sich die Fifa aber nicht zuständig.
Dabei wären die Einflussmöglichkeiten der Fifa gross: Sie hätte für alle WM-Baustellen die Einhaltung von minimalen Arbeitsrechten und existenzsichernde Löhne vorschreiben können, sie hätte die Zusammenarbeit mit Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften oder Uno-Organisationen suchen können, um Menschenrechtsverletzungen vorzubeugen, sie hätte in den Dossiers der kandidierenden Länder Angaben zur sozialen Nachhaltigkeit verlangen können.

Hätte. Könnte. Doch die absehbaren Menschenund Arbeitsrechtsverletzungen waren bei der Wahl der Gastgeberländer kein Thema. «For the game, for the world?» Mit derm Entscheid für Russland und Katar hat sich die Fifa vom zweiten Teil ihres Slogans definitiv verabschiedet.

Analyse der Menschen- und Arbeitsrechtslage in Katar und Russland: www.sah.ch/fifa

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Februar 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion