Menschenhandel degradiert Frauen zur Ware. Amnesty-Aktionsbild 2008. © AI
Menschenhandel degradiert Frauen zur Ware. Amnesty-Aktionsbild 2008. © AI

Frauenhandeln «Zeuginnen sind gefährdet»

Wenn Opfer von Frauenhandel in einem Prozess aussagen, setzen sie sich grossen Risiken aus. Doro Winkler von der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) fordert deshalb einen garantierten Schutz für alle betroffenen Frauen.

AMNESTY: Im vergangenen Dezember ist in Zürich der bisher grösste Menschenhandels-Strafprozess der Schweiz zu Ende gegangen. Wie schätzen Sie das Urteil ein?

Doro Winkler: Der Haupttäter erhielt zehn Jahre Gefängnis, das ist im Vergleich zu anderen Menschenhandelsprozessen ein relativ hohes Urteil. Dies und die angeordnete Verwahrung haben uns gefreut. Der verurteilte Mann ist wirklich sehr gefährlich, besitzt kein Unrechtsbewusstsein und weist sadistische Züge auf. Es hat uns aber erschüttert, dass die Mittäter zu sehr tiefen Strafen verurteilt worden sind. Doch das ist so, wie wir es uns gewohnt sind. Die Strafen sind gewöhnlich viel zu tief und das bestehende Unrecht wird zu wenig anerkannt.

Die Zusammenarbeit zwischen den betroffenen Frauen und den Behörden war von grosser Bedeutung. Welches Risiko gingen die Frauen damit ein?

Das grösste Risiko für die Frauen besteht in jenem Moment, in dem sie aussteigen. Von da an werfen sie nämlich keinen Profit mehr ab und verärgern die Täter. Frauen, die aussagen, gefährden sich natürlich nochmals anders. Sie nehmen die Repressalien, die ihnen angedroht werden, sehr ernst. Der Entscheid auszusagen, ist ganz schwierig. Es ist ein Entscheid, der das ganze Leben verändert. Er kann bedeuten, dass die Frauen nie mehr nach Hause gehen können oder den Kontakt mit der Familie abbrechen müssen.

Was bewegt die Frauen zu dieser folgenreichen Entscheidung?

Ich möchte zuerst betonen, dass wir von der FIZ keine Frauen zu einer Aussage motivieren. Wir unterstützen sie darin, Entscheidungen zu treffen, die sie tragen können und die für sie auch nachhaltig stimmen. Während dieser Betreuung erleben wir, dass Frauen, die ernst genommen werden, plötzlich das Unrecht realisieren, dem sie ausgesetzt waren. Deshalb ist ein Teil der Motivation sicher die Forderung nach Gerechtigkeit. Die Frauen erhalten dadurch auch einen Handlungsspielraum, wo vorher nur Manipulation war. Das gibt Stärke und reduziert Ohnmachtsgefühle. Und natürlich wollen sie dazu beitragen, dass solches Unrecht künftig verhindert wird.

Wie kann sichergestellt werden, dass Zeuginnen auch nach einem Prozess geschützt werden?

Dies wird eben nicht sichergestellt. Das ist ein ganz grosses Problem. Solange das Verfahren dauert, erhalten die Frauen eine vorübergehende Aufenthaltsbewilligung, danach können sie eine Härtefallbewilligung beantragen. Doch sie er--halten keinen garantierten Schutz. Die Ungewissheit dauert oft lange und stellt eine grosse psychische und physische Belastung dar. Viele Frauen wollen wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren. Es gibt aber Fälle, in denen dies absolut unverantwortbar wäre. Wir sind der Überzeugung, dass die Schweiz die Frauen schützen müsste. Die Frauen brauchen diese Sicherheit, und zwar auch dann, wenn sie nicht aussagen.

Welche Erfolge im Kampf gegen Frauenhandel konnten in den letzten Jahren erzielt werden?

Ein wichtiger Erfolg ist, dass mehr Frauen als Opfer identifiziert werden. Dabei sind wir als Spezialistinnen gefordert, aber auch die Polizei- und Justiz-behörden. Fast  die Hälfte der Opfer kommt über die Polizei mit uns in Kontakt. Dass es dort spezialisierte BeamtInnen gibt, welche die Frauen ernst nehmen und den Umgang mit Opfern gelernt haben, ist ein wichtiger Punkt. Dann gibt sicher die gute Betreuung bei der FIZ den Frauen Stabilität und führt dazu, dass sie vermehrt bereit sind, vor Gericht auszusagen. Zudem kooperieren in einigen Kantonen die betroffenen Stellen immer besser miteinander. Allerdings gibt es hier noch grosse kantonale Unterschiede.

Viele Medien haben den Zürcher Prozess aufmerksam verfolgt. Inwiefern hilft diese Aufmerksamkeit den Anliegen der FIZ, etwa der Forderung nach einem Aufenthaltsrecht für Opfer von Frauenhandel?

Zumindest von einigen Journalisten wurde die Frage aufgeworfen, was denn mit diesen Frauen danach passiere. Die Forderung nach dem Aufenthaltsrecht war also ein Thema. Es hat aber sicher keine direkten Auswirkungen auf der politischen Bühne. Gerade beim Bund besteht grosse Zurückhaltung, etwas auf dieser Ebene zu verbessern.

Auffällig ist ja, dass jetzt  alle zuständigen Stellen sagen, man müsse den Frauen, die ausgesagt haben, selbstverständlich eine Härtefallbewilligung geben. Wir sind gespannt und hoffen, dass es auch so ist. Der Prozess der Einreichung ist jetzt im Gange.

Vor einem guten Jahr sind Sie mit der Forderung nach einem Aufenthaltsrecht für die betroffenen Frauen im Parlament knapp gescheitert. Wie geht es hier weiter?

Im Moment läuft auf parlamentarischer Ebene kein direkter Vorstoss. Wir haben uns sehr dafür eingesetzt, dass das Thema im Rahmen des Zeugenschutzgesetzes nochmals angeschaut wird. Der Bund findet dies allerdings nicht nötig. Wir sind mit unserer politischen Lobbyarbeit immer präsent. Wenn man aber so haarscharf gescheitert ist, muss man überlegen, wo man erneut Druck aufbauen kann. Falls jetzt diese Härtefallgesuche nicht bewilligt werden, müssen wir ganz grundsätzlich überlegen, wie es weitergehen soll.

Die Täter im Zürcher Prozess wurden in vielen Medienberichten pauschal als «Roma-Zuhälter» abgestempelt. Wie haben Sie diese Schlagzeilen aufgenommen?

Das ist eine ganz wichtige Frage. Es ist in diesem ganzen Fall sehr problematisch, dass suggeriert wurde, Menschenhandel sei ein Ausländer- beziehungsweise Roma-Problem. Unsere Stelle gibt es seit 25 Jahren, und das sind die ersten Roma-Fälle. In den allermeisten Fällen hatten wir eine hohe Schweizerbeteiligung bei den Tätern. Es ist aber natürlich im momentanen politischen Diskurs mit dieser Ausländerhetze sehr praktisch, dass es ausländische Täter sind. Natürlich ist davon auszugehen, dass es weitere Fälle mit einer Roma-Beteiligung geben wird. Dabei kassieren aber immer auch viele Schweizer mit, etwa indem sie Wohnungen vermieten. Für uns ist es wichtig, dass man auch die Situation der Roma in Ungarn anschaut. Bis vor 15 Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, dass sich Roma-Frauen prostituieren. Was also ist in dieser Gesellschaft geschehen? Aber diese komplexen Hintergründe zu benennen, ist schwierig, das hören die Medien nicht wirklich gerne.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Februar 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion

 

Wenn Opfer von Frauenhandel in einem Prozess aussagen, setzen sie sich grossen Risiken aus. Doro Winkler von der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) fordert deshalb einen garantierten Schutz für alle betroffenen Frauen.

Interview: Matthias Möckli

amnesty: Im vergangenen Dezember ist in Zürich der bisher grösste Menschenhandels-Strafprozess der Schweiz zu Ende gegangen. Wie schätzen Sie das Urteil ein?

Doro Winkler: Der Haupttäter erhielt zehn Jahre Gefängnis, das ist im Vergleich zu anderen Menschenhandelsprozessen ein relativ hohes Urteil. Dies und die angeordnete Verwahrung haben uns gefreut. Der verurteilte Mann ist wirklich sehr gefährlich, besitzt kein Unrechtsbewusstsein und weist sadistische Züge auf. Es hat uns aber erschüttert, dass die Mittäter zu sehr tiefen Strafen verurteilt worden sind. Doch das ist so, wie wir es uns gewohnt sind. Die Strafen sind gewöhnlich viel zu tief und das bestehende Unrecht wird zu wenig anerkannt.

Die Zusammenarbeit zwischen den betroffenen Frauen und den Behörden war von grosser Bedeutung. Welches Risiko gingen die Frauen damit ein?

Das grösste Risiko für die Frauen besteht in jenem Moment, in dem sie aussteigen. Von da an werfen sie nämlich keinen Profit mehr ab und verärgern die Täter. Frauen, die aussagen, gefährden sich natürlich nochmals anders. Sie nehmen die Repressalien, die ihnen angedroht werden, sehr ernst. Der Entscheid auszusagen, ist ganz schwierig. Es ist ein Entscheid, der das ganze Leben verändert. Er kann bedeuten, dass die Frauen nie mehr nach Hause gehen können oder den Kontakt mit der Familie abbrechen müssen.

Was bewegt die Frauen zu dieser folgenreichen Entscheidung?

Ich möchte zuerst betonen, dass wir von der FIZ keine Frauen zu einer Aussage motivieren. Wir unterstützen sie darin, Entscheidungen zu treffen, die sie tragen können und die für sie auch nachhaltig stimmen. Während dieser Betreuung erleben wir, dass Frauen, die ernst genommen werden, plötzlich das Unrecht realisieren, dem sie ausgesetzt waren. Deshalb ist ein Teil der Motivation sicher die Forderung nach Gerechtigkeit. Die Frauen erhalten dadurch auch einen Handlungsspielraum, wo vorher nur Manipulation war. Das gibt Stärke und reduziert Ohnmachtsgefühle. Und natürlich wollen sie dazu beitragen, dass solches Unrecht künftig verhindert wird.

Wie kann sichergestellt werden, dass Zeuginnen auch nach einem Prozess geschützt werden?

Dies wird eben nicht sichergestellt. Das ist ein ganz grosses Problem. Solange das Verfahren dauert, erhalten die Frauen eine vorübergehende Aufenthaltsbewilligung, danach können sie eine Härtefallbewilligung beantragen. Doch sie er--halten keinen garantierten Schutz. Die Ungewissheit dauert oft lange und stellt eine grosse psychische und physische Belastung dar. Viele Frauen wollen wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren. Es gibt aber Fälle, in denen dies absolut unverantwortbar wäre. Wir sind der Überzeugung, dass die Schweiz die Frauen schützen müsste. Die Frauen brauchen diese Sicherheit, und zwar auch dann, wenn sie nicht aussagen.

Welche Erfolge im Kampf gegen Frauenhandel konnten in den letzten Jahren erzielt werden?

Ein wichtiger Erfolg ist, dass mehr Frauen als Opfer identifiziert werden. Dabei sind wir als Spezialistinnen gefordert, aber auch die Polizei- und Justiz-behörden. Fast die Hälfte der Opfer kommt über die Polizei mit uns in Kontakt. Dass es dort spezialisierte BeamtInnen gibt, welche die Frauen ernst nehmen und den Umgang mit Opfern gelernt haben, ist ein wichtiger Punkt. Dann gibt sicher die gute Betreuung bei der FIZ den Frauen Stabilität und führt dazu, dass sie vermehrt bereit sind, vor Gericht auszusagen. Zudem kooperieren in einigen Kantonen die betroffenen Stellen immer besser miteinander. Allerdings gibt es hier noch grosse kantonale Unterschiede.

Viele Medien haben den Zürcher Prozess aufmerksam verfolgt. Inwiefern hilft diese Aufmerksamkeit den Anliegen der FIZ, etwa der Forderung nach einem Aufenthaltsrecht für Opfer von Frauenhandel?

Zumindest von einigen Journalisten wurde die Frage aufgeworfen, was denn mit diesen Frauen danach passiere. Die Forderung nach dem Aufenthaltsrecht war also ein Thema. Es hat aber sicher keine direkten Auswirkungen auf der politischen Bühne. Gerade beim Bund besteht grosse Zurückhaltung, etwas auf dieser Ebene zu verbessern.

Auffällig ist ja, dass jetzt alle zuständigen Stellen sagen, man müsse den Frauen, die ausgesagt haben, selbstverständlich eine Härtefallbewilligung geben. Wir sind gespannt und hoffen, dass es auch so ist. Der Prozess der Einreichung ist jetzt im Gange.

Vor einem guten Jahr sind Sie mit der Forderung nach einem Aufenthaltsrecht für die betroffenen Frauen im Parlament knapp gescheitert. Wie geht es hier weiter?

Im Moment läuft auf parlamentarischer Ebene kein direkter Vorstoss. Wir haben uns sehr dafür eingesetzt, dass das Thema im Rahmen des Zeugenschutzgesetzes nochmals angeschaut wird. Der Bund findet dies allerdings nicht nötig. Wir sind mit unserer politischen Lobbyarbeit immer präsent. Wenn man aber so haarscharf gescheitert ist, muss man überlegen, wo man erneut Druck aufbauen kann. Falls jetzt diese Härtefallgesuche nicht bewilligt werden, müssen wir ganz grundsätzlich überlegen, wie es weitergehen soll.

Die Täter im Zürcher Prozess wurden in vielen Medienberichten pauschal als «Roma-Zuhälter» abgestempelt. Wie haben Sie diese Schlagzeilen aufgenommen?

Das ist eine ganz wichtige Frage. Es ist in diesem ganzen Fall sehr problematisch, dass suggeriert wurde, Menschenhandel sei ein Ausländer- beziehungsweise Roma-Problem. Unsere Stelle gibt es seit 25 Jahren, und das sind die ersten Roma-Fälle. In den allermeisten Fällen hatten wir eine hohe Schweizerbeteiligung bei den Tätern. Es ist aber natürlich im momentanen politischen Diskurs mit dieser Ausländerhetze sehr praktisch, dass es ausländische Täter sind. Natürlich ist davon auszugehen, dass es weitere Fälle mit einer Roma-Beteiligung geben wird. Dabei kassieren aber immer auch viele Schweizer mit, etwa indem sie Wohnungen vermieten. Für uns ist es wichtig, dass man auch die Situation der Roma in Ungarn anschaut. Bis vor 15 Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, dass sich Roma-Frauen prostituieren. Was also ist in dieser Gesellschaft geschehen? Aber diese komplexen Hintergründe zu benennen, ist schwierig, das hören die Medien nicht wirklich gerne.