© René Worni
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Mit Amnesty kann man die Welt verändern

Manon Schick ist ab März die neue Geschäftsleiterin von Amnesty International Schweiz. Sie erklärt im Interview, was es für die Stärkung der internationalen Organisation braucht und welche Rolle die Schweizer Sektion dabei spielt. Und sie weiss, wie man trotz Niederlagen den Mut nicht verliert.

amnesty: Ab dem 1. März sind Sie die neue Geschäftsleiterin von Amnesty International Schweiz. Was wird anders?

Manon Schick: Bestimmte Dinge werden sich ändern, das ist sicher. Denn ich bin eine Frau, bin 36 Jahre jung und folge auf Daniel Bolomey, der sehr lange für Amnesty gearbeitet hat. Ich bringe meine eigene Art zu arbeiten mit und habe meine Vision der Menschenrechte. Doch sie unterscheidet sich nicht gross von dem, was die Schweizer Sektion heute bereits tut.

Beschreiben Sie bitte Ihren Stil etwas genauer.

Ich verstehe mich als eine Person, welche die Ideen von vielen Leuten bündelt, seien dies AktivistInnen, KollegInnen vom Sekretariat, aus der Geschäftsleitung oder dem Vorstand. Ich bin nicht die Führerin, die den Kurs des Schiffes ganz allein vorgibt, sondern lasse sehr gerne die Leute am Entscheidungsprozess teilhaben. Das ist kein Bruch, son-dern eine Fortsetzung.

Wie lautet Ihre Vision für die Schweizer Amnesty-Sektion?

Amnesty Schweiz ist eine von vielen Sektionen einer internationalen Bewegung. Ich glaube fest daran, dass wir uns in die Richtung der internationalen Bewegung von Amnesty entwickeln müssen. Unsere Sektion ist zwischen 2000 und 2010 stark gewachsen. In der nächsten Dekade werden wir die aktuelle Struk-tur konsolidieren. Selbst wenn wir Geld für weiteres Wachstum hätten, wäre es meiner Meinung nach sinnvoller, dieses in die internationale Bewegung zu investieren. Ich verstehe meine Rolle darin, die Schweizer Sektion für die Entwicklung der internationalen Organisation zur Verfügung zu stellen.

Muss die Schweizer Sektion deshalb mit einem Abbau von Ressourcen zugunsten der internationalen Bewegung rechnen?

Nein, denn wir brauchen in der Schweiz eine starke und glaubwürdige Amnesty-Sektion. Wir sind bereits sehr stark, und gemessen am Verhältnis zur Schweizer Bevölkerung sind wir sogar eine der stärksten Sektionen der Welt. Denn wir haben sehr viele Mitglieder, viele SpenderInnen und einen hohen Spendenbetrag pro Mitglied. Diese Struktur festigen heisst aber nicht, sie in Frage zu stellen. Wir müssen uns jedoch überlegen, ob möglichst viele zusätzliche Stellen in der Schweiz nötig sind oder ob diese andernorts in der Welt nicht mehr Sinn machen. Meine Idee ist, solche Ressourcen zu finden.

Blickt man auf die beiden verlorenen Abstimmungen über die Minarette und die Ausschaffungsinitiative, kann man sich fragen, ob Amnesty International genug Ressourcen hat und auch genug tun kann.

Mein Ziel in der Schweiz ist klar: Wir müssen uns stärker engagieren gegen die zunehmenden Tendenzen, das internationale Recht und die Grundrechte zu attackieren. Über die dafür nötigen Ressourcen verfügen wir bereits. Der andere Weg ist die Bildung über die Menschenrechte. Hier müssen wir zweifellos noch Schritte tun. Das Ausspielen der Volksrechte gegen die Menschenrechte ist falsch. Denn erst die Respektierung der Menschenrechte garantiert überhaupt eine funktionierende Demokratie. Ich möchte, dass diese Botschaft in der Schweiz verstanden wird. Das muss eine unserer Prioritäten sein.

Welches sind weitere zentrale Herausforderungen für Amnesty International in der Schweiz?

Die Beobachtung der Zwangsausschaffungen ist nach dem Todesfall eines Nigerianers im vergangenen Jahr von höchster Bedeutung. Ein weiteres essenzielles Ziel ist, das Nothilfesystem komplett neu zu überdenken, in welchem sich die abgewiesenen Asylsuchenden befinden.

Das Nachrichtenmagazin «L’Hebdo» hat Sie im vergangenen Mai unter die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten gewählt, welche die Romandie ausmachen. In der Deutschschweiz sind Sie jedoch kaum bekannt.

Meine bisherige Rolle als Mediensprecherin von Amnesty International für die Romandie legt das nahe. Ich hatte wenig Gelegenheit, mich in der Deutschschweiz bekannt zu machen. Es ist mir bewusst, dass mir als Westschweizerin bestimmte Türen verschlossen bleiben werden. Ich kann zum Beispiel nicht an der Arena teilnehmen, weil ich kein Schweizerdeutsch spreche, und werde mich nicht auf dieselbe Art in der Deutschschweiz exponieren können. Das ist nicht schlimm, denn das können auch andere Personen, zum Beispiel die Mediensprecher, Campaigner oder Länderexperten tun. Ziel ist allein, dass Amnesty sichtbar bleibt.

Wo werden Sie in fünf Jahren stehen und wo wird Amnesty Schweiz stehen?

Ich plane mittelfristig und hoffe, dass ich dann immer noch hier bin (lacht). Und ich hoffe, dass wir es bis in fünf Jahren geschafft haben, dass dieses bis jetzt noch etwas flaue Konzept von «One Amnesty» überall in der Welt vor Ort Re-alität ist. Das bedeutet auch die Präsenz von Amnesty in den wichtigsten strategischen Ländern, den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) darunter vor allem Brasilien und Indien. Wir werden als Sektion eine konsolidierte Struktur haben. Wir werden nicht zahlreicher sein als heute, aber unsere Aufgaben und Ziele ein bisschen neu verteilt haben, um der internationalen Bewegung zu nützen. Ich hoffe, dass auch unsere Mitglieder und AktivistInnen sich sagen: Wir gewinnen, wenn wir als echte internationale Bewegung stärker präsent und global in den Ländern des Südens vertreten sind. So können wir als eine noch stärkere Organisation grösseren Einfluss auf die Menschenrechte haben. Denn heute haben wir leider – gemessen an den Auswirkungen der Menschenrechtsverletzungen – noch nicht das erforderliche Gewicht, um Druck auszuüben, ausser für bestimmte Bereiche, Personen und Fälle. Über diese Erfolge sind wir zwar sehr glücklich, aber wir müssen noch mehr tun.

Was bedeutet Amnesty International für Sie persönlich?

Für mich ist Amnesty eine Bewegung, mit der man handeln und die Welt verändern kann. Es gibt nichts Schlimmeres, als nichts tun zu können gegen die schrecklichen Dinge, die passieren. Amnesty hat diese grossartige Eigenschaft, dass man den Leuten mindestens vorschlagen kann, etwas zu tun. Funktioniert es nicht, dann kann einen das schnell demotivieren. Die erfolgreichen Fälle muss man deshalb dafür nutzen, seine Batterien wieder aufzuladen für die Jahre, die da kommen. Sogar ein einziger Erfolg muss uns motivieren weiterzu-machen. Das ist eine der Stärken dieser Bewegung.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Februar 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion