Die Südsudanesen wollen ihre Unabhängigkeit. Doch es fehlt an Brunnen, Brücken und Bildung. Rechtsstaatliche Strukturen befinden sich erst im Aufbau. Die Polizisten sind schlecht ausgebildet und legen wenig Wert auf die Einhaltung der Menschenrechte. © UN Photo/Paul Banks
Die Südsudanesen wollen ihre Unabhängigkeit. Doch es fehlt an Brunnen, Brücken und Bildung. Rechtsstaatliche Strukturen befinden sich erst im Aufbau. Die Polizisten sind schlecht ausgebildet und legen wenig Wert auf die Einhaltung der Menschenrechte. © UN Photo/Paul Banks

Südsudan Schwere Geburt

Es war ein Wahlergebnis, wie man es sonst nur aus stalinistischen Diktaturen kennt: 99 Prozent Ja-Stimmen für die Unabhängigkeit des Südsudans. Schon lange vor dem einwöchigen Referendum war klar gewesen, dass die EinwohnerInnen des Südsudans Mitte Januar für einen eigenen Staat und damit für die Abtrennung vom verhassten Norden stimmen würden. Zu lange schon hatten sie unter dessen Herrschaft gelitten.

Seit 1956 hatten der arabisch-muslimische Norden und der afrikanisch-christliche Süden fast ununterbrochen gegeneinander Krieg geführt. Zwei Millionen Menschen starben, vier Millionen Menschen mussten fliehen. 2005 schlossen beide Seiten einen Friedensvertrag. Teil davon war die auf Anfang dieses Jahres festgelegte Volksabstimmung.

Als es dann so weit war, lagen Euphorie und Angst nah beieinander. Während die Sudanesinnen und Sudanesen im Süden zu Fuss, in Bussen und auf Eselskarren zu den Wahllokalen strömten und tanzend auf den Strassen der Unabhängigkeit entgegenjubelten, schaute der ganze Kontinent gespannt auf den Ausgang der Wahl. Zu gross war und ist im flächenmässig grössten Land Afrikas die Gefahr eines neuen Krieges, der die gesamte Region destabilisieren könnte.

Würde sich Sudans Präsident Omar al-Bashir an die Vereinbarungen halten? Im Vorfeld der Wahlen hatte er zwar gesagt: «Der Versuch, die Einheit mit Gewalt zu bewahren, ist gescheitert.» Doch zu häufig schon bewies al-Bashir, gegen den der Internationale Strafgerichtshof Anklage erhoben hat wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in der Krisenregion Darfur, wie wenig ihm internationale Verträge bedeuten. Und es ist schwer vorstellbar, dass er den Süden ohne weiteres in die Unabhängigkeit ziehen lässt, liegen dort doch über 75 Prozent der Erdölvorkommen des Landes.

Doch trotz des Reichtums an Öl und Bodenschätzen ist der Südsudan eines der am wenigsten entwickelten Gebiete der Welt. Jahrzehntelang plünderte der Norden die BewohnerInnen im Süden aus, die im eigenen Land als Menschen zweiter Klasse diskriminiert wurden. Pipelines, Raffinerien und Häfen für die Verarbeitung und den Export des Erdöls gibt es nur im Norden. Der Süden hat die Grösse Frankreichs, verfügt aber nur über 60 Kilometer asphaltierter Strasse. Es fehlt an Brunnen, Brücken und Bildung. Der Süden ist dringend auf internationale Hilfe  angewiesen. Selbst einen Namen für den neuen Staat gibt es noch nicht.

Ob der Südsudan wirklich friedlich in die Unabhängigkeit geht, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Zu viele Fragen sind noch offen. Wo wird die Grenze genau verlaufen? Wie werden die Staatsschulden aufgeteilt? Was wird aus der ölreichen Region Abyei, die beide Seiten für sich beanspruchen?

Trotz der Probleme fiebern die SüdsudanesInnen ihrem neuen Staat entgegen. Hunderttausende von Flüchtlingen kehren zurück, um beim Aufbau zu helfen. Einer von ihnen ist der Polizeirekrut Benjamin Machiek: «Es braucht uns, die junge Generation, damit wir alle Aufgaben in dem neuen Land bewältigen können.» Von diesen Aufgaben gibt es mehr als genug. Noch als die Menschen Schlange standen vor den Wahllokalen, kam es in der Region Abyei zu schweren Kämpfen. Mehrere Menschen starben.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Februar 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion