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Länderarbeit Den Dingen auf den Grund gehen

Woher weiss Amnesty International, dass im Iran ein Jugendlicher hingerichtet werden soll? Dass die USA Terrorverdächtige in Geheimgefängnisse verschleppen? Diese Ermittlungsarbeit leisten 
80 ResearcherInnen. Eine von ihnen ist die Italienerin Donatella Rovera.

Es war wahrlich keine besondere Ehre, die Donatella Rovera 1994 zuteil wurde: Die Italienerin war die erste Mitarbeiterin einer Menschenrechtsorganisation, gegen die Tunesien ein Ein-reiseverbot auf unbestimmte Zeit verhängte. «Wahrscheinlich hat ihnen nicht gefallen, was ich geschrieben habe», erzählt Rovera heute mit einem Lachen.

Dass Staaten nicht mögen, was sie veröffentlicht, damit kann sie sehr gut leben, das ist gewissermassen ihr Job. Denn Rovera ist eine von 80 sogenannten Länder-ResearcherInnen in der in-ternationalen Zentrale von Amnesty 
International in London. Jedes Jahr unternehmen sie 120 Ermittlungsreisen in 80 Länder oder Regionen der Welt, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Sie sprechen mit Betroffenen und deren Angehörigen, mit Anwälten, Ärzten und Vertretern der Regierung und der Zivilgesellschaft, manchmal auch mit den Tätern. Ihre Informationen werden in Berichten oder Pressemitteilungen veröffentlicht und dienen als Grundlage für Kampagnen und Lobbyarbeit. Sämtliche Ermittlungsreisen sind offiziell, «Undercover-Einsätze» gibt es nicht: Die Organisation informiert stets die Behörden, bevor sie einreist.

Seit Oktober 1990 arbeitet Donatella Rovera für Amnesty, von einer 18-monatigen Unterbrechung abgesehen. Auf wie vielen Ermittlungsreisen sie seither war, weiss sie gar nicht mehr. Für gewöhnlich dauern diese Missionen mehrere Wochen, manchmal aber auch drei bis vier Monate. In den 90er-Jahren war Rovera für die nordafrikanischen Staaten Marokko, Algerien und Tunesien zuständig. Bis 2009 arbeitete sie zu Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten. Seit zwei Jahren ist sie Researcherin für Krisensituationen in zahlreichen Ländern.

Wenn Rovera in ein Land fährt, dann niemals «kalt», wie sie es nennt. Alles ist genau vorbereitet. Bei einer Mission geht es ihr vor allem darum, Informationen aus erster Hand zu erhalten. Dabei steht nicht die Menge der Information im Mittelpunkt, sondern die Qualität: «Die eigentliche Ermittlungsarbeit ist nicht das Informationensammeln, sondern diese Aussagen zu verifizieren.» Das könne auch schon mal bedeuten, zwei Stunden zu fahren und ein Loch zu graben, um nach Munitionsresten zu suchen. Veröffentlicht wird später nur, was auch belegt werden kann. Bei ihrer Arbeit ist der Italienerin vor allem eines sehr wichtig: «Wir machen den Menschen, mit denen wir reden, sehr deutlich, was Amnesty tun kann und was nicht.» Es sei leicht, etwas zu versprechen, und dann zu gehen. «Aber das ist ethisch nicht zu verantworten.» Genauso wenig wie die Menschen in Gefahr zu bringen: Rovera fragt alle GesprächspartnerInnen um Erlaubnis, ob sie Namen oder Fotos veröffentlichen darf. In einigen Fällen verzichtet sie aber auch auf die Veröffentlichung, selbst wenn eine Erlaubnis vorliegt: «Wir müssen immer auch langfristig denken.» Zu schnell verändere sich häufig das politische Klima. «Drei Monate später hat es vielleicht schlimme Konsequenzen.»

Die Ereignisse und Geschichten, mit denen Rovera konfrontiert wird, sind manchmal schwer zu ertragen. Doch sie versteht ihre Arbeit auch als Privileg: «Meine Batterien werden immer wieder aufgeladen, wenn ich sehe, wie Betroffene, die erst hilflos sind, die Stärke finden, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und sich zu wehren.» Denn auch darum geht es bei den Missionen: den Opfern von Menschenrechtsverletzungen zu zeigen, wie sie selbst ihre Situation verbessern können, beispielsweise, indem sie Anzeigen erstatten oder sich vernetzen und nicht nur für sich, sondern auch für andere kämpfen.

So war es auch bei Haj Sami, der als 16-Jähriger von israelischen Soldaten in den Rücken geschossen wurde und seitdem an den Rollstuhl gefesselt ist. Der heute 51-Jährige ist der Bürgermeister des kleinen palästinensischen Dorfes Aqabah im Westjordanland. Seit Jahren schon droht den 360 BewohnerInnen die rechtswidrige Zwangsräumung durch die israelische Armee. «Als ich Sami 2004 das erste Mal traf, hatte er keinen richtigen Rollstuhl, er sprach kein Englisch und war kaum aus seinem Dorf herausgekommen», erinnert sich Rovera. Heute reist Sami unter anderem in die USA, um Mitglieder des Kongresses zu treffen. Es gelang ihm, mit Geldern der EU und ausländischer NGO einen Kindergarten und eine Klinik zu errichten und in Israel vor Gericht zu ziehen.

Viel Arbeit hält die Zukunft noch für Donatella Rovera bereit. Mit Genugtuung hat sie zur Kenntnis genommen, dass der tunesische Präsident Ben Ali im Januar 2011 das Land nach Massenprotesten verlassen musste. Donatella Rovera wird dem Land in naher Zukunft einen Besuch abstatten – und das bestimmt nicht als normale Touristin.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion