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Amnesty International Die Kerze brennt weiter

Was 1961 als Gefangenenhilfsorganisation begann, ist heute eine weltweit tätige Menschenrechtsorganisation, die sich dafür stark macht, dass sämtliche Menschenrechte überall und für alle Gültigkeit haben.

«Wir haben heute eine Kerze angezündet, die nie wieder ausgehen wird», sagte Peter Benenson am 10. Dezember 1961, als in der Kirche 
St. Martin-in-the-Fields die erste Kerze der Freiheit angezündet wurde. Die mit Stacheldraht umwickelte Kerze wurde zum Symbol von Amnesty International (AI), sie symbolisierte die Hoffnung, dass das Licht auch in die dunkelsten Winkel dieser Welt dringen würde, dorthin, wo die Menschenrechte mit Füssen getreten wurden und totale Straflosigkeit herrschte.

Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens setzte sich Amnesty International für 
210 Gewissensgefangene ein, wie sie von Benenson im «Appeal for Amnesty, 1961» genannt wurden: Als Gewissensgefangene definierte er eine Person, «die physisch daran gehindert wird, (…) ihre ehrliche Ansicht zu äussern (…), ohne dass sie persönlich Gewalt angewendet oder befürwortet hat». AI setzte sich zu Beginn immer gleichzeitig für Menschen sowohl im Westen, im Ostblock als auch in der Dritten Welt ein (vgl. S. 16–18). Damit unterstrich die Organisation ihre politische Neutralität.

Erste Mission nach Ghana

Bereits 1962 führte AI die ersten Ermittlungsreisen durch. Sie führten nach Ghana, Portugal, in die Tschechoslo-wakei sowie in die DDR. Von diesen 
Anfängen bis Ende 2010 hat AI insgesamt mindestens 3341 Missionen zu Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt durchgeführt und über 17000 Berichte publiziert.

Die Arbeit von Amnesty wurde schon früh auch international anerkannt. Bereits 1964 erhielt die Organisation den Konsultativstatus bei den Vereinten Nationen, was bedeutete, dass sie offiziell ihr Urteil zu Menschenrechtsfragen in der Uno abgeben durfte.

Im ersten Jahrzehnt fanden innerhalb von AI zahlreiche Diskussionen darüber statt, wer als Gewissensgefangener angesehen werden durfte. Die Kontroverse hatte sich an der Haltung von Nelson Mandela entzündet, den AI ursprünglich als Gewissensgefangenen adoptierte. Dieser Status wurde ihm 1964 aberkannt, weil er sich nicht von gewaltsamen Aktionen gegen das Apartheid-Regime distanzierte. In der Folge wurden die Forderung nach «fairen und unverzüglichen Gerichtsverfahren für politische Gefangene» und der Kampf gegen Folter und willkürliche Festnahmen ins Mandat aufgenommen. Zudem wurden 1966 Kriegsdienstverweigerer als gewaltlose politische Gefangene anerkannt.

1968 wurde Martin Ennals der erste Generalsekretär von Amnesty International, nachdem vor ihm Peter Benenson bis 1967 als Präsident und Eric Baker von 1967–1968 als Direktor amtiert hatten. In der 12-jährigen Amtszeit von Ennals machte die Organisation ein enormes Wachstum durch. Noch 1962 hatten in London nur Freiwillige mitgearbeitet. Beim Amtsantritt von Ennals beschäftigte das Internationale Sekretariat (IS) in London 19 Angestellte, als er 1980 sein Amt an Thomas Hammarberg übergab, waren es 150. Die Zahl der Amnesty-Gruppen wuchs in diesem Zeitraum von 850 auf über 2200.

Gegen Folter und Todesstrafe

Die fundierte Arbeit von AI hatte zur Folge, dass immer neue Menschenrechtsverletzungen aufgedeckt wurden. Deshalb übernahm die Organisation im Laufe der 70er-Jahre immer neue Aufgaben. So wurden 1970 extralegale Tötungen und Verschwindenlassen zu Aufgabengebieten von AI.

Ende 1972 startete Amnesty International die erste weltweite Kampagne gegen die Folter, in deren Rahmen auch die erste Urgent Action durchgeführt wurde (vgl. S. 19). Im Herbst 1973 stimmte die Uno-Generalversammlung der von Amnesty inspirierten Resolution 3059 gegen Folter zu. Nach einer zweiten weltweiten Kampagne gegen Folter verabschiedete die Uno am 10. Dezember 1984 das Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe.

Ebenfalls 1973 beschlossen die Amnesty-Delegierten nach hitzigen Diskussionen, sich künftig für die Abschaffung der Todesstrafe einzusetzen. Dieser Entscheid führte sogar zu einzelnen Austritten von Mitgliedern. 1977, im gleichen Jahr, in dem in den USA wieder Todesurteile vollstreckt wurden, führte AI in Stockholm den ersten Kongress zur Todesstrafe durch (vgl. S. 22).

Waren Menschenrechte Anfang der 1970er-Jahre noch als unwichtige Probleme im Vergleich zu «wirklich bedeutenden» Staatsangelegenheiten angesehen worden, erhielt der Umgang mit den Menschenrechten für das Image der Staaten in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ein zunehmend höheres Gewicht.

An dieser Entwicklung hatte auch die Arbeit von Amnesty International einen nicht unwesentlichen Anteil. Das trug dazu bei, dass der Menschenrechtsorganisation 1977 – gemeinsam mit den nord-irischen Friedensfrauen Betty Williams und Mairead Corrigan – der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Ein Jahr später erhielt sie zudem den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen.

Unter Generalsekretär Thomas Hammarberg ging das Wachstum von AI 
weiter. Von 1980 bis 1985 stieg die Zahl der Mitglieder von 250000 auf über 500000, diejenige der Gruppen von 2200 auf über 3400. Auch das Aufgabengebiet wurde weiter ausgedehnt. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der zahlreichen Flüchtlinge, die vor den Diktaturen in Lateinamerika flüchteten, wurde ein besserer Schutz für politische Flüchtlinge (vgl. S. 25) ins Mandat aufgenommen.

 

Aufwühlender Appell für eine Amnestie

Am 28. Mai 1961 erschien auf der Frontseite der englischen Zeitung «The Observer» ein aufsehenerregender Aufruf: Der «Appeal for Amnesty», den der britische Anwalt Peter Benenson lancierte, markiert die Geburtsstunde von Amnesty International. Benenson forderte die LeserInnen auf, mit Appellschreiben öffentlichen Druck auf die Regierungen zu machen und von ihnen die Freilassung politischer Gefangener zu fordern. Den Anstoss hatten zwei portugiesische Studenten gegeben: Sie stiessen in einem Café in Lissabon auf die Freiheit an. Doch das Regime von Antonio Salazar duldete 1960 keine Kritik. Die Studenten wurden festgenommen und zu sieben Jahren Haft verurteilt. Diese Geschichte ging Benenson nicht mehr aus dem Kopf. Aufgewühlt ging er durch die Strassen Londons. In der Kirche St. Martin-in-the-Fields kam ihm die zündende Idee: «Wenn eine einzelne Person protestiert, bewirkt das nur wenig, aber wenn es viele Leute gleichzeitig tun würden, könnte es einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.»

Die Resonanz auf den Artikel im «Observer» war überwältigend. Allein in den ersten Wochen meldeten sich mehr als 1000 interessierte MitstreiterInnen. Im Juli 1961 wurde beschlossen, die ursprünglich für ein Jahr geplante Kampagne in eine feste Organisation umzuwandeln.

 

Der Gründer: Peter Benenson

Peter Benenson. © Miguel Arana

Gewöhnliche Menschen können Aussergewöhnliches bewirken. Davon war Peter Benenson überzeugt, als er 1961 Amnesty International (AI) gründete. Der am 31. Juli 1921 in London geborene Anwalt und Politiker der Labour-Partei kämpfte schon in jungen Jahren für die Menschenrechte. Er engagierte sich für die Adoption von Waisenkindern, die dem Spanischen Bürgerkrieg entkommen waren, und für die Rettung jüdischer Flüchtlinge, die vor dem Naziregime nach England flüchteten. Später war er für die «Society of Labour Lawyers» als Prozessbeobachter tätig und gründete die Organisation «Justice» mit. Auf die Gründung von AI angesprochen, erklärte er einmal: «Früher lagen die Konzentrationslager und Höllenlöcher der Welt in Dunkelheit. Nun sind sie von der Amnesty-Kerze erleuchtet: der Kerze im Stacheldraht. Als ich die Kerze das erste Mal anzündete, hatte ich ein altes chinesisches Sprichwort im Kopf: ‹Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.›» Peter Benenson starb am 25. Februar 2005 in Oxford. Doch die von ihm angezündete Kerze brennt heute noch.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion