Strassenaktion in Zürich für Gewissensgefangene in der damaligen UdSSR. August 1986. © AI
Strassenaktion in Zürich für Gewissensgefangene in der damaligen UdSSR. August 1986. © AI

Amnesty Schweiz Die vielen Gesichter von Amnesty

Das wichtigste Kapital von Amnesty International sind zweifellos die ehrenamtlichen Mitglieder. Sie sorgen dafür, dass die Organisation auf der Strasse sichtbar ist.

In den Amnesty-Anfangsjahren bedeutete ehrenamtliches Engagement vor allem, sich einer Gruppe anzuschliessen oder eine neue zu gründen. In der Schweiz schossen in den Jahren nach der Sektionsgründung Gruppen wie Pilze aus dem Boden: Zählte man 1970 noch 
17 Gruppen, so waren es 1973 bereits 40, im Jahr darauf 50 und im Jahr 1977 schon 71 Gruppen. Heute sind es 87 Gruppen. Dazu gehören neben den Lokalgruppen auch die Jugend- und Unigruppen und themenorientierte wie die Frauen- oder die Juristen-Gruppen.

Die ehrenamtlichen Mitglieder verleihen Amnesty International breite Sichtbarkeit und sorgen für die basisdemokratische Legitimität. Manche Mitglieder übernehmen im Lauf ihrer Amnesty-Karriere viele unterschiedliche Ämter. Wie Marta Fotsch: Die heutige Länderexpertin für Kolumbien ist fast seit der 
Gründung dabei und leistet seit Jahrzehnten eine enorme Arbeit. Andere Mitglieder haben Menschenrechtsverletzungen am eigenen Leib erfahren. Etwa der Fribourger Anwalt Roger Macumi. Als 20-Jähriger musste er aus seinem Heimatland Burundi flüchten, weil die Diskriminierung gegen seine Ethnie der Hutu immer massiver wurde.

Vielfältiger Einsatz

Jedes einzelne Mitglied gibt Amnesty das Gesicht, das die Organisation heute hat. Über die Jahre wurde deutlicher, dass das traditionelle Engagement in der Gruppe nicht mehr für alle die richtige Form ist. Deshalb entstanden neue Einsatzformen wie zum Beispiel die Netzwerke, in denen sich einzelne Menschen für bestimmte Themen oder Länder einsetzen. Nach wie vor erfolgreich sind die Netzwerke für Briefaktionen, die in jüngerer Zeit um Aktionen im Internet erweitert wurden. Egal, auf welchem Kanal sich Menschen für Amnesty einsetzen: Zentral ist, dass so viele Menschen wie möglich jenen eine Stimme gegeben, die selber keine haben.

 

André Daguet, erster Zentralsekretär

André Daguet. © AI

André Daguet (63), SP-Nationalrat und langjähriger Gewerkschafter, zählte im Herbst 1970 zu den rund 30 Teilnehmenden der Gründungsversammlung der Schweizer Sektion von Amnesty International in Zürich. Daguet war auch von 1980 bis 1986, nach langjähriger Vorstandstätigkeit, ihr erster Zentralsekretär. Bereits 1969 trat er der Berner Amnesty-Gruppe bei und engagierte sich stark für die noch junge Organisation, deren erste Aktivitäten unter anderem auf einen «Weltwoche»-Artikel über Amnesty Deutschland zurückgehen. «Der Start war fulminant. Praktisch nach jedem Vortragsabend, an dem wir über Amnesty referiert hatten, entstand am darauffolgenden Tag einen neue lokale Gruppe», erinnert sich Daguet. Die Organisation verbreitete sich besonders in den Jahren 1970 bis 1974 wie ein Lauffeuer in der ganzen Schweiz. «Amnesty entsprach dem, was man damals unter Bürgerinitiative verstand», so Daguet.

Die damaligen Mitglieder waren bunt gemischt, sie kamen aus der 68er-Bewegung, aus katholischen und reformierten Milieus und neuen Bürgerbewegungen. «Mit dabei waren beispielsweise auch Frauen von der Zürcher Goldküste, deren Männer Top-Positionen in der Wirtschaft hatten. Sie alle wollten sich in der Welt engagieren und waren hoch motiviert. Amnesty bot damals eine der wenigen Möglichkeiten dazu.» Die unterschiedlichen Motive führten schon damals zu langen Diskussionen über das Mandat und die Ausrichtung.

Die Philosophie von Amnesty war in den Gründerjahren sehr einfach: Drei Gewissensgefangene aus West, Ost und aus der dritten Welt bildeten die Grundlage für die Unparteilichkeit und Unabhängigkeit der Organisation. Einziges Ziel: Die Freilassung dieser Gewissensgefangenen.

Rückblickend wünscht sich Daguet, dass die heutige Organisation, die durch die zunehmende internationale Anerkennung so komplex geworden ist, wieder mehr als Basisbewegung, als Bürgerinitiative, die sie einmal war, wahrgenommen wird. «Wie sich Amnesty aus den kleinen lokalen Gruppen zur grössten Menschenrechtsorganisation entwickelt hat, ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.»


Daniel Garcia, Vorstandspräsident 2001 bis 2008

Daniel Garcia. © René Worni

2001 gab es ein doppeltes Sesselrücken bei der Schweizer Sektion von Amnesty International: Mit Daniel Bolomey trat ein neuer Generalsekretär sein Amt an, und Daniel Garcia wurde zum neuen Vorstandspräsidenten gewählt. Der damals 28-Jährige konnte bereits auf eine aktive Zeit als Mitglied der Hochschulgruppe Zürich zurückblicken und wollte nun sein Engagement und sein fachliches Wissen in den Vorstand einbringen. Die Arbeit für Amnesty faszinierte ihn, weil er so sein Interesse für die Menschenrechte und sein Bedürfnis, etwas zu verändern, zusammenbringen konnte, ohne sich parteipolitisch binden zu müssen.

Seine Präsidentschaft geriet in eine Phase grosser Veränderungen. Eine zentrale Rolle spielte die Umsetzung der Mandatserweiterung auf die wirtschaftlichen, sozialen, und kulturellen Rechte, die Amnesty International 2001 beschlossen hatte. «Dies sorgte unter den Mitgliedern für etliche Diskussionen und forderte vom Vorstand viel Informations- und Überzeugungsarbeit», erinnert sich Daniel Garcia. Gleichzeitig professionalisierten sich die Strukturen der Sektion. «Der Vorstand konzentrierte sich vermehrt auf die strategische Führung und versuchte, der Position der Schweizer Sektion in internationalen Gremien ein grösseres Gewicht zu verleihen.» Wichtig war für ihn stets auch die Beziehung zu den Mitgliedern. «Es war eine grosse Motivation, mit engagierten Menschen auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. Diese emotionale Verbundenheit habe ich in der Privatwirtschaft so nicht angetroffen», sagt der bei einer Grossbank tätige Jurist. Dass dabei manchmal unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche aufeinanderprallten, gehöre eben auch dazu. Als persönliche Höhepunkte bezeichnet er die Treffen mit MenschenrechtsverteidigerInnen, die oft im Stillen und unter grossen Gefahren ihrer Arbeit nachgehen.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion