Briefmarathon in Thailand, Dezember 2010. © AI
Briefmarathon in Thailand, Dezember 2010. © AI

Folter Schreibkräfte gegen Streitkräfte

Briefe können Menschen vor Folter bewahren. Seit 1973 hilft Amnesty International mit Urgent Actions bedrohten Personen – und macht damit weltweit öffentlich Druck auf Regierungen, Militärs und 
Sicherheitsbehörden.

Die Handlanger des Regimes kamen am Abend des 15. Februar 1973. Militärpolizisten stürmten das Haus des Universitätsprofessors Luiz Rossi in der brasilianischen Metropole São Paulo, beschlagnahmten Bücher und Dokumente und nahmen ihn fest. Sein «Verbrechen»: Er war Mitglied der Kommunistischen Partei Brasiliens, das damals von einer Militärjunta regiert wurde. In der Haft wurde er immer wieder geschlagen und mit Elektroschocks gefoltert. Seine Ehefrau Maria José Rossi und seine drei Töchter standen unter Hausarrest.

In ihrer Verzweiflung warf Rossis Frau einen Zettel aus dem Fenster, der zufällig von der siebenjährigen Nachbarstochter gefunden wurde. Über einen Anwalt und einen Bischof erreichte das Papier Amnesty International in London. Am 19. März 1973 rief die Organisation Mitglieder rund um den Globus auf, in Briefen an den brasilianischen Präsidenten Medici die Freilassung Rossis zu fordern.

Überwältigende Wirkung

Dieser Aufruf war die erste Urgent Action von Amnesty International – eine dringende Aktion für Menschen in Gefahr. Dabei appelliert eine Vielzahl von Freiwilligen mit Telefaxen, E-Mails und Luftpostbriefen an die Behörden eines Staates, in dem Menschenrechte verletzt werden. Bei den AdressatInnen gehen Tausende von Appellschreiben ein. Das schnelle internationale Engagement ist eines der wirksamsten Instrumente, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern und zu beenden.

Bis heute hat dieser rasche und massive Protest Tausenden von Menschen das Leben gerettet. Auch Luiz Rossi. Zwei Wochen nach dem Aufruf wurde Rossis Ehefrau ins Hauptquartier der Geheimpolizei DOPS bestellt – sie sollte die Leiche ihres Mannes identifizieren. Doch bei ihrer Ankunft sah sie, dass ihr Mann noch lebte. Die Beamten zeigten ihr stapelweise Briefe von Amnesty-UnterstützerInnen. Der Direktor des DOPS war erstaunt: «Ihr Mann muss wichtiger sein, als wir geglaubt haben, sonst hätten wir nicht all diese Briefe aus der 
ganzen Welt erhalten.» Rossi wurde 
daraufhin nicht mehr gefoltert und am 24. Ok-tober 1973 freigelassen.

Schon 1974 startete Amnesty elf weitere Urgent Actions zugunsten von Folteropfern in Mexiko, Chile, Brasilien, Uruguay und Spanien. Diese Briefaktionen machen die Verantwortlichen darauf aufmerksam, dass sie von der internationalen Öffentlichkeit beobachtet werden.

Briefe in die Schweiz

An die Schweizer Behörden wurden bis anhin zwei Urgent Actions gerichtet: Die erste 1987, als Menschen aus aller Welt vom Bundespräsidenten Pierre Aubert, von Bundesrätin Elisabeth Kopp und dem Flüchtlingsdelegierten Peter Arbenz forderten, auf die Rückschaffung von 32 Tamilen nach Sri Lanka zu verzichten, da ihnen dort Haft oder Folter drohen könnte. Die zweite Briefaktion an die Schweizer Behörden verlangte 2008, dass ein Kameruner nicht zurückgeschafft wird, da zu befürchten war, dass der Homosexuelle wegen seiner sexuellen Orientierung in Kamerun inhaftiert worden wäre. Für einen Schweizer startete Amnesty 2010 eine Urgent Action: Damit wurde die sofortige Freilassung des in Libyen festgehaltenen Max Göldi verlangt.

Die Briefflut stellt für die Betroffenen zudem ein Zeichen der Solidarität dar. Dies gab auch Luiz Rossi neue Kraft: «Meine Peiniger wollten mich brechen und isolieren, alle Verbindungen zur Aussenwelt kappen. Doch die Urgent Action von Amnesty hat diese Isolation durchbrochen.»

 

Unrecht ohne Ende

Gegen die Folter, die man ihm und seinen Mithäftlingen antat, protestierte Walid Yunis Ahmad mit einem Hungerstreik. Der Journalist sass fast elf Jahre lang im Nordirak im Gefängnis – ohne Anklage oder Urteil. Er war am 
6. Februar 2000 in der Stadt Erbil im Nordirak festgenommen worden und blieb danach für drei Jahre verschwunden. In geheimer Haft wurde er gefoltert und von einem Gefängnis ins andere verschoben. Seine Familie wusste während dreier Jahre nicht einmal, ob er überhaupt noch lebte. Im Januar 2011 erfuhr Amnesty International, dass nun endlich Anklage gegen Walid Yunis Ahmad erhoben wurde. Am 17. März wurde er in einem unfairen Prozess zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, er habe aus dem Gefängnis heraus Anweisungen für terroristische Akte gegeben. Von der bisher abgesessenen Haftzeit wird ihm nur ein Jahr angerechnet. Amnesty ist überzeugt, dass er aufgrund fabrizierter Beweise verurteilt wurde. Walid Yunis Ahmad gehört der turkmenischen Minderheit im Irak an. Der Radio- und Fernsehsender, für den er vor seiner Verhaftung tätig war, stand einer politischen Oppositionspartei nahe.

 

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Mai 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion