Vor dem Bundeshaus: Übergable der Petition «Human Rights Now» 1987. © AI
Vor dem Bundeshaus: Übergable der Petition «Human Rights Now» 1987. © AI

Amnesty Schweiz Heisses Eisen

Die Verteidigung von Militärdienstverweigerern machte Amnesty nicht überall beliebt. Der Einsatz für einen zivilen Alternativdienst brauchte einen langen Atem.

«Ein Betrieb, der vorgibt, den Frieden zu sichern, kann nicht friedfertige Menschen kriminalisieren.» Das sagte Robert Unteregger, der erste Militärdienstverweigerer, der 1993 im Sekretariat der Schweizer Sektion von Amnesty International einen Arbeitsdienst leisten konnte, über die Armee. Der Arbeitsdienst war ein Vorläufer des Zivildienstes. Er wurde am 2. Juni 1991 von den Schweizer StimmbürgerInnen an-genommen. Ein Jahr später kam mit 
einem überraschend hohen Ja-Anteil von 
82,5 Prozent der Verfassungsartikel für einen Zivildienst an der Urne durch.

Damit fand ein langes Engagement von Amnesty International schliesslich ein erfolgreiches Ende. Denn schon 1974 hatte das Internationale Sekretariat inhaftierte Militärdienstverweigerer in der Schweiz zu Gewissensgefangenen erklärt. Mitten im Kalten Krieg führte diese Stellungnahme zu zahlreichen erbosten Leserbriefen und einer heftigen Kontroverse innerhalb der Schweizer Sektion. Selbst Prominente aus dem Ehrenpräsidium von Amnesty Schweiz gingen auf Distanz zur Londoner Zentrale, unter ihnen Friedrich Traugott Wahlen und Friedrich Dürrenmatt. «Es gab in den siebziger Jahren auch heftige Kritik, Amnesty sei von Moskau abhängig», sagt André Daguet. Auch auf internationaler Ebene hatte das Thema Dienstverweigerung immer wieder für Wirbel gesorgt, besonders während des Vietnamkriegs.

Die Kontroverse hinderte Amnesty nicht daran, sich weiter für Militärdienstverweigerer und eine alternative Lösung in Form des Zivildiensts einzusetzen. Die Schweizer Sektion konnte sich gemäss den damaligen Amnesty-Prinzipien nicht direkt für Einzelfälle einschalten; diese Arbeit besorgten Sektionen im Ausland. Amnesty Schweiz war dafür im Lobbying tätig – ein steiniger Weg, wie es im «Gruppenhandbuch»» von 1990 heisst: «Was international gewünscht wird, ist dem Schweizer Volk nicht genehm.» Verschiedene Vorlagen zur Schaffung eines Zivildienstes fielen an der Urne durch. Umso grösser war die Befriedigung, als die Stimmberechtigten 1992 endlich zustimmten. Robert Unteregger fand viele Nachfolger: Heute gibt die Sektion stets zwei Männern gleichzeitig die Gelegenheit, ihren Zivildienst zu leisten.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion