Daniel Bolomey an einer Solidaritätsaktion im Dezember 2009 für Max Göldi und Rachid Hamdani. © Valérie Chételat
Daniel Bolomey an einer Solidaritätsaktion im Dezember 2009 für Max Göldi und Rachid Hamdani. © Valérie Chételat

Amnesty Schweiz «Multikulturelle Erfahrung einbringen»

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Daniel Bolomey bei Amnesty International, zehn Jahre lang amtete er als Generalsekretär der Schweizer Sektion. Der Romand spricht im Interview über die hiesige Menschenrechtskultur und erzählt von einer beeindruckenden Begegnung.

AMNESTY: Fast zehn Jahre lang standen Sie an der Spitze der Schweizer Sektion. Welche Rolle spielt ein Generalsekretär für den Schutz der Menschenrechte?

Daniel Bolomey: Wenn er Visionen hat, kann er eine gewichtige Rolle spielen. Aber allein kann er nichts ausrichten. Ich konnte glücklicherweise mit einem guten Team zusammenarbeiten und eine gute Beziehung zum Vorstand pflegen. So haben wir auf Ebene der Mitgliedschaft und der Angestellten eine Struktur geschaffen, die wirksam arbeiten kann – auch wenn wir natürlich immer noch effizienter sein sollten, wenn wir uns für die Menschenrechte einsetzen.

Welche Position hat die Schweizer Sek-tion innerhalb der internationalen Bewegung? Nur jene der Geldgeberin?

Nein! Sie muss die verschiedenen Aufgaben – Information, Mobilisierung, Aktivismus und Mittelbeschaffung – in Einklang bringen. Mir schwebt vor, dass die Schweiz ihre Erfahrung als mehrsprachiges und multikulturelles Land in die globale Bewegung einbringen kann. Diese ist zwar in mancher Hinsicht vielfältig, noch ist sie aber zu anglofon und nicht genügend präsent im globalen Süden.

Was kann die Sektion in der Schweiz bewegen?

Ich hoffe, dass sie Einfluss nehmen kann auf die Entwicklung der politischen Kultur und dass sie die mangelnde Menschenrechtskultur in diesem Land verbessern kann.

Wie meinen Sie das?

Die offizielle Schweiz zeichnet sich durch viel Selbstgenügsamkeit und einen Mangel an Visionen und Kohärenz aus. Die Menschenrechte werden quasi als Exportprodukt angeschaut, aber innerhalb der Grenzen nicht zufriedenstellend berücksichtigt. Der Bundesrat erfüllt seine Aufgaben nicht, wenn er beispielsweise nicht dafür sorgt, dass es eine wirkliche Menschenrechtsinstitu-tion in unserem Land gibt. Häufig werden Menschenrechte und Demokratie miteinander verwechselt. Die Demokratie allein reicht nicht, um Diskriminierung zu verhindern, wie wir bei der Minarett- oder der Ausschaffungsinitiative gesehen haben. Aber Amnesty muss hier auch Verantwortung übernehmen. Unsere Menschenrechtsbildung und unsere Kampagnen sind noch zu schwach, zu defensiv.

Welche Kampagnen auf Schweizer Ebene waren Ihnen besonders wichtig?

Mir bedeutete die Kampagne gegen Gewalt an Frauen besonders viel. Auch wenn wir bei einem wichtigen Aspekt noch nicht genügend Resultate erzielt haben: dem Engagement von Männern – eine unabdingbare Voraussetzung für den langfristigen Erfolg der Kampagne. Ich fand es ausserdem sehr wichtig, dass die Sektion mit dem Bericht über Polizeigewalt die harte, aber lehrreiche Erfahrung der Arbeit zum eigenen Land machte. So wurde uns erst bewusst, was es heisst, Menschenrechtsverletzungen zu recherchieren.

Sie haben bei Ihrer Arbeit unzählige Menschen kennengelernt – welche Begegnung hat Sie besonders beeindruckt?

Am internationalen Amnesty-Ratstreffen 1997 in Südafrika trafen wir Desmond Tutu. Ich erinnere mich an seine unglaubliche Bescheidenheit hinsichtlich der wichtigen Rolle, die er damals beim Wiederaufbau und bei der Versöhnung Südafrikas spielte. Er stand nicht als Prediger oder offizieller Redner vor uns, sondern machte Scherze!

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion