Ausblick Zurück in die Zukunft

Denken wir über die Zukunft nach, zwingt sich uns die Vergangenheit in Gedanken auf und bietet uns manchmal Antworten auf die Fragen, was wir zu Beginn waren und was wir geworden sind.

Laurette von Mandach, Präsidentin des Vorstands der Schweizer Sektion von Amnesty International. © Fabrice Praz

Amnesty International feiert heuer 50 Jahre Engagement für die Menschenrechte. Zu Beginn setzten wir uns für die Befreiung von Gewissensgefangenen, gegen Folter und später auch für die Abschaffung der Todesstrafe ein.

Bereits in den 70er-Jahren wollte man bürgerliche und politische Rechte nicht mehr nur isoliert betrachten – zum Beispiel das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren. Die Freiheit des menschlichen Geistes und das Recht, unter menschenwürdigen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen zu leben, sollten untrennbar sein. Dazu gehören gleiche Chancen auf Ausbildung und Arbeit.

Diese Vorstellung hat sich durchgesetzt. An der internationalen Ratsversammlung (ICM) von 2001 entschieden die Amnesty-Delegierten, das Mandat der Organisation auf sämtliche Menschenrechte auszuweiten. Das hatten besonders die Menschen in den Ländern des Südens von uns gefordert. Ein Leben in Würde lässt sich nur führen, wenn der Zugang zu Gesundheit, Bildung und Arbeit zusammen mit den zivilen und politischen Menschenrechten gewährleistet ist.

Betrachtet man die Entwicklung der Schweizer Sektion, ein Puzzlestück in einer Bewegung mit 
51 demokratisch organisierten Sektionen, die in 
68 Ländern vertreten ist, so muss man ihr ein gutes Zeugnis ausstellen. Die Arbeit von Amnesty in der Schweiz stützt sich dabei auf die engagierte Mitgliedschaft von 49000 Personen und auf 48 kompetente Mitarbeitende sowie 11 PraktikantInnen und Zivildienstleistende. Zudem ist die Schweizer Sektion nach Jahren stetigen Wachstums finanziell stabil.

Selbstverständlich können wir uns nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen. Menschenrechtsverletzungen gehören zum Alltag vieler, allzu vieler Menschen. Unsere Solidarität mit ihnen, die in ständiger Bedrohung leben, ist nach wie vor dringend gefragt.

Nach 50 Jahren Amnesty streben wir an, unser Engagement weiter zu stärken. Wir wollen mehr Wirkung für die Menschenrechte im Süden und mehr Wirkung für die Menschenrechte in der Schweiz erreichen. Und wir wollen beides gleichzeitig.

Wir unterstützen deshalb den neuen Generalsekretär Salil Shetty. Er wird zunächst in Brasilien und in Indien eine Amnesty-Vertretung auf die Beine stellen. Auch unterstützen wir Salil bei seiner Initiative, die Organisation, die stark in London konzentriert ist, zu dezentralisieren. Um mehr Menschenrechtswirkung zu erzielen, müssen wir an den Orten präsent sein, wo Menschenrechte verletzt werden, und stärker mit lokalen Partnerorganisationen und MenschenrechtsverteidigerInnen zusammenarbeiten.

Auch wenn wir uns bewusst sind, dass der Hauptfokus unserer Organisation die internationale Solidarität ist und auch bleiben wird, möchten wir uns in Zukunft stärker für den Schutz der Grundrechte in der Schweiz einsetzen. Wir sind langsam darüber wütend, dass die Politik die Angst der Bevölkerung instrumentalisiert, um die Menschenrechte schrittweise abzubauen. Auch in der Schweiz werden wir deshalb noch stärker mit Partnerorganisationen zusammenarbeiten. Wir wollen noch mehr auf Menschenrechtsbildung setzen und versuchen, Menschenrechtsanliegen für neue Personenkreise zu öffnen. Uns allen ist dabei klar: Die Verwirklichung dieser Ziele wird uns nicht nur in diesem Jubiläumsjahr beschäftigen.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von Mai 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion