Interview In der Falle des Libyenkriegs

Sicherheitsprobleme, Sandstürme und Konflikte mit den Einheimischen: Die Situation der Libyenflüchtlinge in den Lagern um Ras Ajdir ist schwierig, wie Alain Bovard erklärt. Der Jurist von Amnesty International Schweiz war als Mitglied einer Beobachtungsdelegation in Tunesien.

Libyen Alain Bovard. © AI

amnesty: Wo genau waren Sie im Rahmen dieser Beobachtungsdelegation von Amnesty International?
Alain Bovard: Wir haben die Flüchtlingslager in der Nähe des Grenzpostens Ras Ajdir besucht, 10 Kilometer von der libyschen Grenze entfernt. Dort liegen das grosse Lager Choucha mit etwa 3500 Flüchtlingen und zwei andere Camps mit etwa 2500 Menschen. Ein viertes, informelles Lager dient als Durchgangsort. Dort treffen täglich Hunderte von Leuten ein.

Wer sind diese Flüchtlinge und wo kommen sie her?
Zum einen gibt es Arbeitsmigranten: Ausländer, die sich für die Arbeit in       Libyen aufhielten und nun ohne Gefahr heimkehren können. Daneben findet man vom Uno-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) oder einem Drittland   anerkannte Flüchtlinge. Libyen anerkennt diese Menschen nicht als Flüchtlinge,   da es die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet hat. Drittens gibt 
es Asylsuchende, die bei der Ankunft in  Tunesien ein Asylgesuch deponieren,   da sie nicht gefahrlos in ihr Land zu
rückkehren können. Die Mehrheit der  Flüchtlinge stammt aus dem Sudan, aus Somalia, aus Eritrea und der Côte d’Ivoire.

Welches sind die grössten Probleme in den Lagern?
Zuerst einmal sind die klimatischen Bedingungen schwierig, denn der Wüstenwind sorgt für Sandstürme. Dann stellt die grosse Zahl der verschiedenen nationalen Gemeinschaften, nämlich 33, das UNHCR vor bislang ungelöste Probleme und sorgt für Spannungen. Die Qualität des Wassers, das zwar trinkbar, aber sehr salzig ist, führt zu gesundheitlichen Problemen wie Dehydration. Schliesslich ergeben sich Sicherheitsprobleme aus der geografischen Lage, denn die Flüchtlingslager liegen an der einzigen noch offenen Landroute nach Tripolis. Die ganze lokale Wirtschaft ist auf die Beziehungen mit Libyen via diese Strasse ausgelegt. Bei einer Protestaktion gegen die Bedingungen im Lager haben die Flüchtlinge die Strasse blockiert. Das führte zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der lokalen Bevölkerung, die mehreren Personen das Leben kostete.

Wie arbeiten die Organisationen vor Ort, um die Lage zu verbessern?
Ein wesentlicher Kritikpunkt von Amnesty International betrifft die Langsamkeit des Verfahrens, mit dem der Status der Flüchtlinge festgestellt wird. Es dauert zu lange, sie aus den Lagern wegzubringen. Die Flüchtlinge werden vom UNHCR in drei Gesprächen befragt, bevor sie möglicherweise in ein Drittland reisen können. Das monatelange Warten wirkt sich negativ auf die Flüchtlinge aus. Manche verlassen die Lager und versuchen, nach Libyen zurückzukehren, um von dort via Italien in andere europäische Länder zu gelangen.

Was muss die internationale Gemeinschaft tun?
Die westlichen Länder müssen sich rasch dazu bereit erklären, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Das würde deren Integration beschleunigen und vereinfachen.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von September 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion