Fatimas Nähatelier in Accra: Keine Arbeit im Heimatdorf. © Samuel Burri
Fatimas Nähatelier in Accra: Keine Arbeit im Heimatdorf. © Samuel Burri

Ghana Wohnen auf wackligem Grund

Seit dreissig Jahren wächst Old Fadama, ein Slum in Ghanas Hauptstadt Accra, unaufhörlich. Aber die  Zukunft der Menschen, die hier leben und arbeiten, ist unsicher: Der «Schandfleck» soll weg.

Zwei Schafe stossen den Deckel eines Kochtopfs zur Seite und naschen von den aufgesetzten Bohnen. Die Köchin kommt angerannt und vertreibt das Vieh. Sie kocht auf Holzkohle, am Rand einer Lehmstrasse im Slum Old Fadama, in Ghanas Hauptstadt Accra.

Entlang des Strässchens stehen farbige Holzhütten und Steinhäuser. In Containern werden Handys oder Lebensmittel verkauft, kleine Handwerksbetriebe bieten ihre Dienste an. Über der Strasse kreuzen sich Kabel, wer in Old Fadama Strom benötigt, muss seine Leitung selber ziehen. In einem Unterstand sitzen Frauen und Männer auf Holzbänken im Kreis, es ist die wöchentliche Sitzung einer Spargruppe. Die Mitglieder der Gruppe zahlen regelmässig kleine Beträge ein und leihen sich das Geld dann gegenseitig aus. Mit seinem Smartphone berechnet der Vorsitzende der Spargruppe die Kontostände.

Rabis Kredit

Eine der Frauen im Kreis ist Rabi. Sie betreibt einen kleinen Laden in Old Fadama, wo sie Mehl, Öl und Konservendosen verkauft. Heute ist ihr Laden mit angrenzender Wohnung aus Stein, früher war es eine Holzhütte. Vor zwei Jahren brannte die Hütte ab – dank des Kredits ihrer Spargruppe konnten Rabi und ihre Familie alles wieder aufbauen.

Old Fadama ist 40 Hektaren gross, die Fläche des Vatikans. Vor einigen Jahren wurden 11000 Hütten gezählt, die Bevölkerungszahl liegt zwischen 30000 und 80000, offizielle Angaben gibt es nicht. Die ersten Siedler kamen um 1980, damals stellte die Regierung Ghanas einen Teil der Gegend für einen Markt zur Verfügung. Die Händler stammten vor allem aus dem ärmeren Norden Ghanas und liessen sich neben dem Markt nieder.

Rabi erzählt ihre Geschichte: «Mein Mann und sein Bruder gingen nach Accra, um auf dem Holzmarkt zu arbeiten. Später fand er hier ein Stück Land.» Der Mann baute eine Holzhütte und holte Rabi mit ihren drei Söhnen nach Accra, hier kamen noch zwei Kinder dazu. Rabi hat ihren Laden vor zwölf Jahren eröffnet, sie ist zufrieden mit dem Geschäft. «Es reicht, um den Kindern die Schulgebühren zu bezahlen. Auf dem Land würde das nicht gehen. Denn nach der Erntezeit gibts jeweils keine Arbeit mehr.» Doch Rabis Haus steht auf unsicherem Boden, die Stadtverwaltung Accras möchte das Slumquartier Old Fadama räumen.

Der Slum Old Fadama wird auch «Sodom und Gomorrha» genannt. Der Name entstand, weil der Slum als Hort von Kriminellen in Verruf geriet. Noch heute eilt Old Fadama dieser Ruf voraus – Drogenhandel, Waffenhandel, Prostitution seien an der Tagesordnung, heisst es. Junge Trägerinnen vom Markt, die im Freien übernachten, riskieren, nachts vergewaltigt zu werden.

Auch die äusseren Bedingungen sind prekär. Brände sind keine Seltenheit und schwer zu löschen. Old Fadama hat keinen Anschluss ans Wassernetz Accras. Einige BewohnerInnen haben selber Leitungen gebaut, da und dort tauchen Plastikrohre aus dem Erdboden auf und verschwinden wieder. Abwasserleitungen gibt es nicht. Der Müll von Old Fadama wird von Knaben an den Rand des Quartiers geschafft, ans Ufer der Korle-Lagune. Dort wird verwertet, was noch verwertet werden kann, der Rest landet beim nächsten Regen im Meer.

Fatimas Nähmaschine

Auch Fatima ist aus wirtschaftlichen Gründen in Old Fadama. In einer Gasse hat die 25-Jährige einen Tisch mit Nähmaschine aufgestellt. «Es gibt zu viele Näherinnen in meinem Heimatort Tamale», erzählt sie. Mit ihrer handbetriebenen Nähmaschine ist sie deshalb in die Hauptstadt Accra gereist. Fatima näht gerade ein Kaba-Kleid, einen Zweiteiler, Rock und Oberteil aus demselben Stoff, auf den Körper der Kundin geschneidert. Fatima hat in Tamale nähen gelernt, nachdem sie die Schule hatte abbrechen müssen. Sie war schwanger geworden, und der Vater des Mädchens liess sie sitzen. Heute lebt ihre Tochter bei der Mutter in Tamale. Fatima wohnt in Old Fadama mit fünf anderen Frauen in einem Raum, für den sie gemeinsam sechs Franken in der Woche bezahlen.

Die Zukunft

Der Platz ist knapp in Old Fadama. Die BewohnerInnen versuchen, Teile der Lagune mit Müll, Holzspänen und Sand zu füllen und daraus bebaubares Land zu machen. Das ist nicht ungefährlich, denn der wacklige Grund kann wieder ins Wasser abrutschen. Zudem fliesst durch die verengte Lagune in der Regenzeit das Wasser nicht gut ab – es kommt zu Überschwemmungen.

Schlechte Lebensbedingungen und die drohende Räumung des Slums – wieso bleiben die Menschen trotzdem da? «Ich könnte schon zurück in meine Heimat, den Norden, aber da würde ich bloss ohne Arbeit herumsitzen», sagt Fatima. Auch für Rabi mit ihrem Laden gibt es derzeit keine echte Alternative zum billigen Lebensraum in Old Fadama. Doch sie gibt sich zuversichtlich: «Wenn Old Fadama dereinst zerstört werden sollte, habe ich mit meiner Spargruppe Geld gesammelt, um an einem neuen Ort ein Stück Land zu erwerben.» Zurück in ihre Heimat will Rabi nicht, dann noch lieber in der oder um die Hauptstadt Accra etwas suchen. «Gott wird uns helfen, einen Platz zu finden.»

 

Die Sicht der Behörden

Die Stadtverwaltung von Accra sieht den Slum von Old Fadama als ein Sicherheitsrisiko, als Brutherd für Kriminalität, Waffenhandel und Prostitution. Seit zehn Jahren will die Stadt Old Fadama räumen lassen. Die SlumbewohnerInnen haben sich vor Gericht dagegen gewehrt, sind jedoch abgeblitzt. Die Behörden betonen, dass die Gebäude im Slum illegal errichtet worden seien. Sie wollen den BewohnerInnen von Old Fadama deshalb keine alternative Wohnmöglichkeit anbieten. «Old Fadama wird nicht verlegt, sondern geräumt», heisst es von- seiten der Stadt.

Derzeit wird für die Märkte um den Slum ein neuer Standort ausserhalb Accras fertiggestellt. Damit soll etwa das Verkehrschaos entschärft werden. «Wenn die Märkte verlegt sind, muss der Slum weg», so die Stadt. Ghanas Regierung hingegen plant derzeit keine Räumung des Slums. Vor den Wahlen 2012 will sie sich an diesem heiklen Thema kaum die Finger verbrennen.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von September 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion