Côte d'Ivoire «Wir müssen weitermachen»

Armand K. Behibro ist zurück in der Côte d’Ivoire. Nachdem er im Januar 2011 vor den blutigen Unruhen nach Burkina Faso hat fliehen müssen, will der Menschenrechtsaktivist die Arbeit in seiner Heimat fortsetzen.

Armand behibro Armand Behibro © Andreas Christen

Etwas mehr als einen Monat ist Armand Kouadio Behibro nun zurück in Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Côte d’Ivoire. Seither sucht er nach einem Arbeitsplatz und einer eigenen Wohnung. Beides ist in der schwierigen Lage, in der sich das Land nach den umstrittenen Wahlen von November 2010 befindet und den blutigen Konflikten der folgenden Monate, nicht einfach. Armand K. Behibro ist deshalb fürs Erste bei einem Kollegen untergekommen. Trotz des finanziellen Engpasses ist seine Rückkehr erfreulich gut verlaufen. Seine Familie ist wohlauf und er ist glücklich, endlich wieder näher bei Frau und Kind zu sein.

Einen Tag vor seiner Abreise aus Burkina Faso zeigte sich Armand K. Behibro nachdenklich und besorgt: «Wenn ich sagen würde, dass ich nicht Angst hätte, wäre das eine Lüge. Denn niemand kann für lange Zeit im eigenen Land untertauchen.» Trotzdem wirkte der Menschenrechtsverteidiger zuversichtlich; wie jemand, der sich seiner Mission zu stellen hat. Sein Heimatland stünde vor grossen gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Herausforderungen und Amnesty Côte d’Ivoire hätte entsprechend viel Arbeit vor sich, zeigte sich der 32-Jährige kämpferisch. «Ich will einen Beitrag leisten und mich einbringen. Dafür muss ich zurückkehren. Wir müssen den Jugendlichen mit dem Mittel der Menschenrechtsbildung zeigen, dass mit Wissen mehr erreicht werden kann als mit Waffengewalt.»

Flucht vor Gewalt

Dabei haben Menschenrechtsbildung und Menschenrechtsarbeit bei Amnesty International den engagierten Ivorer im Januar dieses Jahres zur Flucht gezwungen. Nach den Neuwahlen vom November 2010 eskalierte die Gewalt im ganzen Land. Hunderte von Menschen wurden willkürlich verhaftet, verschleppt, misshandelt oder getötet. Neben gezielten Übergriffen auf bestimmte ethnische Gruppen und politisch Andersdenkende kam es auch zu Angriffen auf MenschenrechtsverteidigerInnen, die systematisch bedroht und eingeschüchtert wurden.

Als langjähriges Amnesty-Mitglied stand auch Armand K. Behibro unter enormem Druck: Nachdem er Anfang Dezember nur mit Glück einer Verhaftung im Studentenwohnheim entgangen war, erhielt er telefonische Morddrohungen und musste bei einem Freund untertauchen. Rund einen Monat später gelang ihm mit Hilfe von Amnesty und der Ivorischen Koalition zur Verteidigung der Menschenrechte (CIDDH) die Flucht. «Wir beschlossen, dass es das Beste für mich sei, für eine Weile zu verschwinden. Burkina Faso kenne ich seit meinem Engagement im Rahmen des Amnesty-Jugendnetzwerks Westafrika und ich verfüge über gute Kontakte.» Am 9. Januar landete Armand K. Behibro gemeinsam mit Gbane Hosseine, einem weiteren ivorischen Menschenrechtler, in Ouagadougou und trat wenig später ein dreimonatiges Praktikum bei Amnesty Burkina an.

Exzessiver Gewalteinsatz und systematische Menschenrechtsverletzungen gehören in der Elfenbeinküste nicht erst seit den umstrittenen Präsidentenwahlen zum Alltag. Sowohl bewaffnete oppositionelle Gruppen als auch die Sicherheitskräfte und Milizen des ehemaligen Präsidenten Laurent Gbagbo machten sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten grober Menschenrechtsverstösse schuldig.

Gewalt an der Uni

Armand K. Behibro, der sich als Gymnasiast erstmals für Menschenrechte engagierte und 1999 der ivorischen Amnesty-Sektion beitrat, war von Anfang an gezwungen, sich mit den herrschenden Kräften zu arrangieren. Auch während seiner Zeit als Koordinator von Aktionen Jugendlicher an ivorischen Hochschulen: «In einem Land wie der Elfenbeinküste ist Menschenrechtsarbeit ohne Zustimmung regierungsfreundlicher Kreise nicht möglich. Gerade was Aktionen betrifft, musste ich mit der FESCI zusammenarbeiten, und ich war es mir gewohnt, für Bewilligungen zu bezahlen.» Die Fédération estudiantine et scolaire de Côte d’Ivoire (FESCI) ist eine StudentInnengewerkschaft, die Laurent Gbagbo nahestand und von Milizen durchsetzt war. Sie kontrollierte das politische Klima an den Hochschulen mit eiserner Hand und setzte notfalls auch Gewalt ein. Sie war es, die Armand in der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember vergangenen Jahres im Studentenwohnheim einschüchtern und verhaften wollte. Nur knapp ist er der Verhaftung entgangen.

Mit den Methoden von FESCI hatte er allerdings bereits 2004 Bekanntschaft gemacht. Damals waren FESCI-Studenten gegen ein Uhr morgens in sein Zimmer eingedrungen und hatten ihn aufgefordert mitzukommen und auf dem Campus zu patrouillieren. Angesichts der Unruhen von 2004 hatte die FESCI ihre bewaffneten Patrouillen intensiviert, um gegen Überfälle von RegierungsgegnerInnen gewappnet zu sein. Doch statt auf den Campus wurde Armand ins Büro der Gewerkschaft gebracht und schwer misshandelt. Die Männer schlugen ihn und peitschten ihn mit dem verstärkten Plastikschlauch einer Gasflasche aus. Er erlitt schwere Verletzungen am Rücken, konnte sich aber mit Hilfe eines Kollegen befreien und fliehen.

Riskante Rückkehr

Rückkehr  Angesichts dieser Vorgeschichte hatte Armand 
K. Behibro nach dem erneuten Überfall und den anschliessenden Morddrohungen vom Dezember keine Wahl: Die Lage war ernst. Er wollte nicht erneut in die Fänge der FESCI geraten. Wie Tausende seiner Landsleute sah er sich zur Flucht in ein Nachbarland gezwungen. Fünf Monate später schien eine Rückkehr verantwortbar. Am 9. Juni kehrte der Menschenrechtsaktivist nach Abidjan zurück, nachdenklich, aber voller Tatendrang: «Wir müssen weitermachen, die Botschaft hinaustragen, aufs Land, und die Jugendlichen sensibilisieren.» Was sein Engagement bei Amnesty betrifft, ist vorerst allerdings noch Zurückhaltung angesagt.

None
Côte d’Ivoire: Anhaltender Konflikt zwischen Süd und Nord

Die Republik Côte d’Ivoire war nach der Unabhängigkeit von Frankreich 1960 während Jahrzehnten politisch stabil. In den Jahren nach dem Tod des ersten Präsidenten Félix Houphouët-Boigny 1993 kam es aber zunehmend zu Konflikten. Laurent Gbagbo wurde 2000 in unfairen Wahlen zum Präsidenten gewählt. Die Diskriminierung der im Norden der Côte d’Ivoire ansässigen Ethnien führte 2002 zu einem bewaffneten Aufstand von Teilen der Armee und zur faktischen Spaltung des Landes in einen regierungstreuen Süden und einen von Rebellen dominierten Norden. Auch die Stationierung von Uno-Truppen konnte die Lage nicht beruhigen. Im März 2004 kam es erneut zu Gewaltausbrüchen, im November folgten schwere antifranzösische Ausschreitungen. Erst im März 2007 einigten sich die Konfliktparteien im Vertrag von Ouagadougou auf eine Machtteilung und auf Neuwahlen.

Die Wahlen vom Herbst 2010, die eigentlich bereits 2008 hätten stattfinden sollen, gewann Oppositionskandidat Alassane Ouattara, aber auch Amtsinhaber Gbagbo erklärte sich zum Wahlsieger. Es kam erneut zu einem bewaffneten Konflikt, dem Hunderte von Menschen zum Opfer fielen und der rund eine Million Menschen zur Flucht zwang. Erst die Verhaftung von Gbagbo durch Ouattaras Truppen am 11. April 2011 – unterstützt von französischen und Uno-Truppen – führte zu einem Ende der Kämpfe.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von September 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion