Alltägliche Gewalt: Kinder in Somalias Hauptstadt Mogadischu. © Privat
Alltägliche Gewalt: Kinder in Somalias Hauptstadt Mogadischu. © Privat

Brennpunkt Somalias Kinder im Kreuzfeuer

Somalische Kinder leiden nicht nur unter der Hungersnot, die am Horn von Afrika Millionen von Menschen trifft. Sie werden täglich Opfer von Gewalt und müssen um ihr Leben bangen. Zahlreiche Gefahren lauern: Kinder werden gezwungen, Soldaten zu sein, verlieren ihre Familien, können nicht zur Schule gehen oder kommen gar in Feuergefechten um.

Der endlose Krieg in Somalia seit dem Sturz des Diktators Siad Barre im Jahr 1991 hat dazu geführt, dass die heutigen Teenager nie ein Leben in Sicherheit führen konnten. «Mein ganzes Leben lang hatte ich Angst», heisst es in einer der 200 Zeugenaussagen, anhand derer Amnesty International in einem neuen Bericht die fortwährenden Menschenrechtsverletzungen im zentralen und südlichen Teil des Landes beschreibt.

Die Kinder geraten in die Schusslinie der Kämpfe zwischen den verschiedenen Gruppen, die im zerfallenen Staat Somalia um die Macht ringen. Insbesondere die 15 islamistischen bewaffneten Gruppierungen, darunter die Shabab-Miliz, greifen systematisch auf die Rekrutierung von Kindersoldaten zurück. «Junge Leute werden zum Kämpfen gezwungen. Die Milizen kommen und stacheln sie an. Sie sagen: ‹Das ist der Mann, der deinen Bruder getötet hat›, und sorgen so für Hass», sagte ein 15-jähriges Mädchen gegenüber Amnesty International. Die Milizen tauchen in Schulen auf und nehmen dort Heranwachsende mit. Mädchen werden eingesetzt, um für die Soldaten zu waschen und zu kochen. Auch die Truppen der 2004 in Kenia gebildeten Übergangs-regierung (Transitional Federal Government, TFG) rekrutieren Kinder – auch wenn sich die TFG offiziell dazu verpflichtet hat, die Rechte von Kindern zu schützen.

Wer nicht selber kämpft, läuft Gefahr, in Feuergefechten oder Bombardierungen ums Leben zu kommen. Weil die Milizen, die TFG-Truppen und selbst die 2007 entsendeten Truppen der African Union Mission in Somalia (AMISOM) willkürlich Zivilpersonen töten, kann der Weg zur Schule oder zum Markt für Kinder tödlich enden. Gewalt ist im Alltag von Jugendlichen allgegenwärtig. Sie sehen, wie Menschen ausgepeitscht und getötet werden. Viele haben ihre Familien verloren und müssen sich nun allein durchschlagen. Zur Schule kann eine grosse Zahl Kinder nicht gehen. Manche Schulhäuser wurden in den Feuerattacken zerstört. In der Hauptstadt Mogadischu sind Schulen wegen der Angst vor Angriffen geschlossen. Die Shabab-Milizen verbieten Mädchen den Schulbesuch und haben Fächer aus dem Unterricht verbannt.

Die Hungersnot verschärft die Situation zusätzlich. Die Uno schätzt, dass eines von vier somalischen Kindern mangelernährt ist. Die Shabab-Milizen verweigern Hilfsorganisationen den Zugang. Bei der Flucht nach Kenia werden viele Kinder von ihren Eltern getrennt. Doch die katastrophale Lage in Somalia ist nicht nur in der Dürre begründet, sondern in langjährigen und massiven Menschenrechtsverletzungen. Amnesty International fordert, dass die internationale Gemeinschaft spezifische Massnahmen zum Schutz der Kinder ergreifen muss. Werden die Kriegsverbrechen gegen somalische Kinder weiter ignoriert, drohen die Heranwachsenden zu einer verlorenen Generation zu werden.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von September 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion