Buch Unerwünschte Reisende

Der italienische Autor und Migrationskenner Gabriele del Grande legt ein vielstimmiges Buch über die Menschen vor, die er dies- und jenseits des Mittelmeers getroffen hat. Zutage treten die Umrisse einer Asylpolitik, in welcher das Individuum wenig zählt.

Flüchtlingsboot vor Teneriffa Flüchtlingsboot vor Teneriffa ©UNHCR/Rodíguez

Kamel und Boubacar suchen nach ihren vermissten Söhnen. Die beiden algerischen Väter verfolgen jede Spur, Tag für Tag. Ihre Kinder hatten die Reise der Hoffnung angetreten – die Überfahrt im kleinen Holzboot nach Italien. Eine Reise, die für viele junge Menschen mit dem Tod endet. Doch die hohe See ist nicht die einzige Bedrohung für die illegalen Migrantinnen und Migranten, und das wissen Kamel und Boubacar sehr wohl: Vielleicht wurden ihre Söhne aufgehalten und in einem tunesischen oder libyschen Gefängnis eingesperrt, oder sie wurden Opfer eines Gewaltverbrechens auf See. Und jenseits des Meeres, in Europa, werden die Reisenden von niemandem erwartet. Mehr noch: Ihre Ankunft ist unerwünscht.

Der italienische Autor und Blogger Gabriele del Grande ist den Geschichten der Menschen nachgegangen, die nie dort angekommen sind, wo sie eigentlich hinwollten – in ein besseres Leben. Seine Erkundungsreisen führten ihn in libysche Gefängnisse, wo zurückgeschaffte Bootsflüchtlinge monate- oder jahrelang unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten werden. Oder in die überfüllten Aufnahmelager von Lampedusa, der vorläufigen Endstation für diejenigen, welche die Überfahrt im Boot überlebt hatten. Der Menschenrechtsaktivist hat aber auch die tunesischen Fischer besucht, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Dutzende Menschen aus dem Meer gerettet hatten und die sich dafür vor einem italienischen Gericht verantworten mussten. Er war in den italienischen Ausschaffungsgefängnissen und auf den Feldern Kalabriens, wo sich die illegal eingewanderten Arbeiter als Tagelöhner durchschlagen.

Gefangen in Libyen

Die Menschen, die del Grande dies- und jenseits des Meeres antrifft, haben eines gemeinsam: Sie haben sich mit einer Asylpolitik angelegt, in der der einzelne Mensch wenig zählt. Sie haben die Festung Europa herausgefordert und sich in einer Zone der Rechtlosigkeit und der Gewalt wiedergefunden. «Schreib in deiner Zeitung, dass es hier im Gefängnis schlimmer ist als im Krieg», wird del Grande von einem Gefangenen in Libyen aufgefordert. «Weil wir unsere Würde verloren haben. Weil wir nicht mehr frei sind. Weil wir gefoltert werden.»

Gabriele del Grande ist mit seinem Buch ein vielstimmiges Werk gelungen über das traurige Schicksal junger Migrantinnen und Migranten. Er verwebt unzählige Geschichten zu einem Ganzen. Mit der Vermischung von Zeitebenen, dem raschen Wechsel der geografischen Schauplätze und mit geschichtlichen Einschüben fordert er von seiner Leserschaft einiges an Konzentration. Gerade durch diese Vielstimmigkeit vermittelt der Autor jedoch eine grundlegende Tatsache: Die Geschichte und die Kulturen der Länder rund um das Mittelmeer sind eng miteinander verwoben. Dasselbe gilt auch für die Menschen.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von November 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion