Buch Der grosse Widerspruch

Der Journalist Michael Thumann erklärt, warum die westliche Sicht auf die islamisch geprägten Länder fatal verengt und die «atlantische Nahostpolitik» gescheitert ist.

der islam-irrtum

In islamisch geprägten Ländern prallen diverse Interessen aufeinander – jene von nationalistischen, linken, demokratischen Menschen, Gläubigen und Laizisten, Frauen und Männern, Jungen und Alten, Geschäftsleuten, Arbeiterschaft, Angestellten und Arbeitslosen, Eliten und Unterprivilegierten, Machthabenden und Aufständischen, Reichen und Armen, von traditionell und modern eingestellten Leuten. Doch im Westen sieht man oft nur eines: den Islam. Diese Perspektive will Michael Thumann mit seinem Buch «Der Islam-Irrtum» verändern.

Der Journalist nimmt die Umbrüche in Tunesien, Ägypten, Syrien und anderen arabischen Ländern zum Anlass, um ein differenziertes Bild der Staaten und ihrer Beziehungen untereinander zu zeichnen, in denen sich die Mehrheit der Bevölkerung zum Islam bekennt: von Marokko im Westen bis Malaysia im Osten. Der «Islam-Irrtum» des Westens und mit ihm das Scheitern westlicher Nahostpolitik beruht nach Ansicht Thumanns auf drei Fehlern: Erstens wird die Bedeutung des Islam überschätzt; zweitens ist die Annahme, der Islam sei prinzipiell gegen den Westen gerichtet, falsch – ebenso wie die daraus abgeleitete Abschottung gegen alles Islamische; und drittens werden die Stärken und Schwächen der einzelnen Länder kaum zur Kenntnis genommen. Anders als viele andere AutorInnen hat Thumann viele dieser Stärken und Schwächen aus eigener Anschauung kennengelernt. Er lebt seit 2007 in Istanbul und ist Korrespondent der Wochenzeitung «Die Zeit» für den Mittleren Osten. Seine Recherchereisen führten ihn nach Ägypten, nach Bahrain und in den Libanon, in die reichen Golfstaaten und in den verarmten Gazastreifen. Er hat mit linken ÄgypterInnen ebenso gesprochen wie mit kurdischen Nationalisten dies- und jenseits der türkischen Grenzen, mit Funktionären der radikal-islamischen schiitischen Hisbollah und der sunnitischen Hamas. Die islamische Moderne türkischer oder katarischer Prägung begegnet uns in seinem Buch gleichberechtigt neben dem saudischen und dem iranischen Fundamentalismus. Doch selbst diese Gesellschaften sind, wenn wir Thumann folgen, von Widersprüchen durchdrungen.

Thumann beendet sein Buch schliesslich mit einer Beschreibung der «sieben Kardinalfehler der atlantischen Nahostpolitik»: Diktatorenfreundschaft, Etikettenschwindel, Isolationsdiplomatie, Antiterrorkriege, Dämonisierung von Muslimen und Musliminnen, Festungsmentalität und Erweiterungsangst. Und erst hier fällt einem beim Lesen das grosse Manko dieses Buches auf. So stark Thumann bei den arabischen Staaten differenziert, so gering fallen diese Differenzierungen bei der Betrachtung des Westens aus. USA, Europa, Israel – alles erscheint aus einem Guss. Macht ein westlicher Akteur einen Fehler, machen ihn die anderen auch. Schade, ein genauerer Blick auf die unterschiedlichen Zugänge westlicher Staaten zur muslimischen Welt hätte diesem luziden Buch gut getan.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von November 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion