Interview Mexiko: Vorwärtsgehen in der Dunkelheit

Die mausarmen Völker in den Bergen des mexikanischen Bundesstaats Guerrero sind in Vergessenheit geraten. Dagegen kämpft Abel Barrera Hernández an. Im Interview erklärt er, warum die Politik der Regierung versagt hat und wie sich die Indigenen dagegen wehren können, erneut Opfer der Profitgier zu werden.

Abel Barrera Abel Barrera Hernández ©Christian Ditsch

AMNESTY: Sie sagten einmal, in der Provinz Guerrero zu leben bedeute, in die, Dunkelheit geboren zu werden. Was meinten Sie damit?
Abel Barrera Hernández:
Damit sind die Lebensbedingungen der Menschen in Guerrero gemeint. Kinder werden in eine Situation ohne jegliche Chancen geboren. Die Mütter können nicht ins Spital gehen, sie haben kein Bett. Die Menschen werden andauernd von Militärs und von der Polizei bestraft.

Warum ist Guerrero die ärmste Region in ganz Mexiko?
Bevor die Spanier kamen, gab es in den Bergen ein Königreich namens Tlachinollan. Auch unsere Organisation heisst so, denn unsere Vision ist, dass die Bergbewohner sich wieder selber regieren und autonom sein können. Als die Spanier die indigene Mittelklasse ausgelöscht hatten, flohen alle in die Berge. Das hatte zur Folge, dass sie von der weiteren politischen Entwicklung ausgeschlossen waren und sich nicht mehr in den Staat von Mexiko integrieren konnten. Sie leben seither in einer Art Enklave.

Die Spanier waren am Gold der Indigenen interessiert. Was bedroht heute die Leute in den Bergen von Guerrero?
Cochoapa el Grande ist das ärmste Dorf im ganzen Land, obwohl die Leute eigentlich Reichtum hätten. Denn nicht nur zu Zeiten der spanischen Eroberer, auch heute gibt es viele Silber- und Goldminen in den Bergen. In den letzten Jahren kamen deshalb kanadische Minenunternehmen ins Land, um den Boden zu untersuchen, allerdings ohne die Bevölkerung zu konsultieren. Wir vom Zentrum Tlachinollan haben jetzt auch mit diesen Unternehmen zu tun. Wir wollen verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt.

Die indigene Bevölkerung droht zwischen den Militärs, der Regierung und den sich bekämpfenden Drogenkartellen aufgerieben zu werden. Was unternimmt Ihre Ende?
Wir versuchen vor allem, diese Tragödie sichtbar zu machen. Wir zeigen, dass hinter der Repression ein System steht, die Politik. Die Leute wehren sich gegen diese Diskriminierung und gegen den organisierten Rassismus der Regierung.

Beschreiben Sie bitte die tägliche Arbeit von Tlachinollan.
Normalerweise empfangen wir 20 bis 30 Leute aus den indigenen Dörfern in unseren Büros in Tlapa; viele verstehen kein Spanisch. Wir sind bloss acht Rechtsanwälte. Aktuell haben wir einen Fall, wo eine Strasse durch das Kulturland der Campesinos gebaut wird. Es sind heilige Stätten, weil dort ihre Toten begraben sind.

Stecken dahinter die ausländischen Minengesellschaften?
Das ist offensichtlich. Die Indigenen haben die Baumaschinen gestoppt und so die Bauarbeiten unterbrochen. Die Regierung wirft der Bevölkerung vor, sie sei gegen die Erschliessung und damit gegen die Entwicklung der Region. Die Strassen sind jedoch genau so breit, dass die Lastwagen für die Minen passieren können. Wir haben den Bürgermeister dieser Region in unsere Büros geholt, um den Leuten zu zeigen, dass sie mit ihm in einen Dialog treten können.

Der Bürgermeister pflegte also bisher keinen Kontakt mit der Bevölkerung? Das ist doch aber sein Job.
Nein, diesen Dialog gab es nicht. Tlachinollan baut hier eine Brücke und sagt der Behörde, dass sie die Bevölkerung konsultieren muss. Dieses Problem besteht in ganz Mexiko. Sobald jemand an der Macht ist, glaubt er, niemanden mehr konsultieren zu müssen. Doch wir konnten in diesem Fall einen Dialog erreichen.

Vor vier Jahren hat der mexikanische Präsident Felipe Calderon der Drogenmafia den Krieg erklärt und damit wohl auch den Militärs den Freipass gegeben, gegen die indigene Bevölkerung vorzugehen.
Diese Politik hat die Situation tatsächlich verschlimmert. Es gibt mehr Tote, es herrschen Verhältnisse wie in einem Krieg. Durch diese Politik sind die Drogenkartelle nicht geschwächt, sondern noch stärker geworden. Und sie übernehmen Aufgaben, welche eigentlich die staatlichen Sicherheitsbehörden ausüben müssten. Sie sagen, dass sie korrupte Polizisten verhaften und dafür sorgen, dass die Bevölkerung in Sicherheit leben kann. Die Behörden haben die Kontrolle über ihre Institutionen verloren, das Justizsystem funktioniert nicht mehr. Die Menschen fühlen sich ohnmächtig. Das Gewaltpotenzial hat sich verschärft, besonders unter der armen Bevölkerung. Das ergibt einen hochexplosiven Cocktail.

Gibt es denn organisierten zivilen Widerstand seitens der Indigenen?
Die Zivilgesellschaft wurde apathisch. Sie ist fragmentiert, hat Angst und mobilisiert sich nicht. Eine grosse und wirksame Widerstandsbewegung fehlt.

Woher nehmen Sie dennoch die Kraft, immer weiterzumachen?
Die Indigenen haben eine Weisheit, die viele Jahrhunderte zurückgeht und daher kommt, dass diese Völker immer Widerstand leisten mussten. Es ist es wichtig, dass wir nahe bei den Leuten sind, um ihre Situation aufzuzeigen und öffentlich zu sagen, dass ihre Lage abnormal ist.

Woran denken Sie dabei konkret?
An Diskriminierung und Vergewaltigungen der Frauen, an die permanente Gewalt durch die Behörden. Daran, dass die Kinder ohne Frühstück in die Schule gehen müssen, dass es in ihren Häusern kein Wasser gibt. Daran, dass die Leute Schlafmohn anbauen müssen, um Schulbücher für die Kinder kaufen zu können.

Im Auftrag der Drogenmafia...
Sie sind die Sklaven des Drogenhandels. Sie profitieren rein gar nichts davon. Die Kinder wissen, wie man geschickt den Schlafmohn aufschneiden muss, sie sind darin Experten anstatt im Lesen und Schreiben. Das ist nicht normal. Aber die Leute betrachten das als Normalität. Das müssen wir aufzeigen und bekämpfen. Damit es irgendwann Gerechtigkeit gibt.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von November 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion