Iran Aktiv im Untergrund

Das iranische Regime vermag sich an der Macht zu halten, auch wenn rundherum der Wind der Revolution weht. Für Aktivisten und Aktivistinnen ist das Klima sogar noch feindlicher geworden, wie das Beispiel von Nasrin zeigt.

Will sich Nasrin* mit ihren oppositionellen Bekannten treffen, dann muss sie vorsichtig sein: «Wir können uns nicht in einem Café treffen und offen über das Regime reden», sagt die junge Frau. Denn überall lauern Spione. Stattdessen schreibt sie unverfängliche E-Mails, in denen es lediglich heisst: «Wir treffen uns bei dir zu Hause» – die eigenen vier Wände bieten meistens genügend Privatsphäre.

Es gab eine Zeit, da traute sich Nasrin, ihren Widerstand gegen die Ahmadinejad- Regierung öffentlich zu machen: Nach den umstrittenen Wahlen im Juni 2009 ging sie wie Hunderttausende andere Iraner und Iranerinnen auf die Strasse und demonstrierte. Doch heute, nach dieser niedergeschlagenen «grünen Revolution», ist die Stimmung zu feindlich. Die Wahlen teilten Nasrins Leben in ein «Davor» und ein «Danach». Davor war sie in einer Frauenrechtsgruppe engagiert und arbeitete als Journalistin. Heute kann sie bloss noch Untergrundaktivistin sein und verdient ihr Geld mit PR-Arbeit in der Privatwirtschaft. Vor dem ominösen Juni 2009 setzte sich die Literaturwissenschaftlerin offen gegen frauenfeindliche Familiengesetze und Steinigungen ein und kämpfte dafür, dass endlich auch die iranischen Frauen Fussballspiele in den grossen Stadien besuchen dürfen. «Denn das Stadionverbot ist ein sehr symbolischer Ausdruck der Diskriminierung», erklärt sie.

Aktuell tut Nasrin im Kleinen, was ihr noch möglich ist. «Im Iran muss eine Ehefrau ihren Mann eigentlich für jeden Schritt, den sie machen will, um Erlaubnis bitten», erläutert die 26-Jährige, die selber verheiratet ist. Doch es gebe eine Möglichkeit, sich etwas Entscheidungsgewalt über das eigene Leben zu bewahren: «Ein Ehemann kann bei einem Anwalt ein Papier unterschreiben, mit dem er seiner Frau die generelle Erlaubnis gibt, aus dem Haus zu gehen, zu studieren, ins Ausland zu reisen oder sich im Falle eines Falles scheiden zu lassen», erklärt Nasrin. Wann immer sie nun an einem geselligen Anlass junge Frauen kennen lernt, erzählt sie von dieser Möglichkeit. «Viele Frauen wissen das gar nicht! Doch bei der jungen Generation wird es langsam Mode, diese Erklärung zu unterschreiben.» Die unter 30-jährigen IranerInnen, allesamt nach der Revolution von 1979 geboren, sehnen sich danach, ein «normales» Leben ohne Fremdbestimmung und Angst zu führen.

Zensurierte Zeitungen

Den Druck von oben spürte Nasrin auch bei ihrer früheren Arbeit als Journalistin bei der sogenannten Reformpresse, die für eine Neugestaltung des Gotteststaates eintritt. «Wir konnten die Regierung nicht offen kritisieren. Aber zwischen den Zeilen war es manchmal möglich, eine abweichende Meinung zu kommunizieren.» Dabei schauten ihnen die Machthabenden genau auf die Finger: Immer wieder kamen Faxe vom «Ministerium für Kultur und Islamische Anleitung», die ankündigten, was nun wie zu schreiben sei. Schien eine Reformzeitung den Überwachern zu populär, schlossen sie die Redaktion kurzerhand. Ständig musste sich Nasrin neue Arbeitergeber suchen. Trotz des Drucks gab es immer wieder Investoren, die in eine Zeitung investierten. Aber irgendwann verliess Nasrin die Energie und sie wechselte in die Öffentlichkeitsarbeit. Es ist deutlich spürbar, wie sehr sie dieser Schritt schmerzt. Eigentlich ist sie mit Leib und Seele Journalistin. Die Unterdrückung macht sie depressiv.

Ein Thema belastet sie besonders: der Schleier, den Frauen im Iran von Gesetzes wegen tragen müssen. «Der Hijab ist für mich der Kern der Diskriminierung von Frauen», betont Nasrin. «Natürlich finden die Menschen im Ausland es schlimmer, dass es im Iran Steinigungen und Massenhinrichtungen gibt. Aber der Schleier ist für mich eine täglich wiederkehrende Erniedrigung.» Bei ihrem Besuch in Europa geniesst sie es sichtlich, dass sie die Möglichkeit hat, in der Öffentlichkeit enge Hosen und ein dekolletiertes T-Shirt zu tragen. Die blauen Augen blitzen in ihrem hübschen Gesicht, die braunen Locken sind ungezähmt. Sobald sie das Flugzeug nach Teheran besteigt, ist es mit dieser Freiheit vorbei – alle Frauen müssen ihren Körper, ihre Haare und ihren Kleidergeschmack unter den vorgeschriebenen Kleidungsstücken verbergen, sobald sie das Haus verlassen.

Trainierte Unterdrücker

Wieso gelingt im Iran die Revolution nicht, so wie sie in Tunesien und Ägypten geglückt ist? «Die Polizei und die Revolutionsgarden haben einfach zu viel Übung im Niederschlagen von Aufständen! Schliesslich gab es bei uns alle zehn Jahre einen Aufstand. Das hat die Taktik der Überwacher geschärft», findet Nasrin. Zudem sei die iranische Opposition bei der «grünen Revolution» gespalten gewesen: Manche forderten lediglich eine Nachzählung der Wahlen, andere eine leichte Reform des islamischen Staates, und dann gab es jene, die wollten, dass Ahmadinejad sofort verschwindet.

Seit in der Region der Wind der Revolution weht, ist der repressive Apparat im Iran sogar noch stärker. Geht Nasrin durch die Strassen Teherans, sieht sie mehr Revolutionsgardisten und Basij-Milizionäre denn je. Die Sicherheitskräfte sperren Strassen, verhaften willkürlich Menschen und setzen, ohne zu zögern, Tränengas ein. Sie selber wurde vor fünf Jahren bei Demonstrationen einmal verhaftetm und musste drei Tage im Gefängnis bleiben. Und der Geheimdienst erkundigte sich in einem Verhör mit jemand anderem nach ihr – ein deutliches Zeichen, dass sie vorsichtig sein muss.

Einen Hoffnungsschimmer bedeuten die sozialen Netzwerke. Gemäss Nasrin finden die AktivistInnen immer einen Weg, um die offizielle Blockade von Facebook zu durchbrechen und sich auf dieser Plattform auszutauschen. Hoffnung geben auch die Querelen zwischen Präsident Ahmadinejad und dem Wächterrat – vielleicht erwächst aus der Uneinigkeit der Machthabenden eine Chance für die Zivilgesellschaft. Sicher ist im Iran aber gar nichts: «Vielleicht gestehen sie uns bald ein paar zusätzliche Rechte zu», sagt Nasrin. «Vielleicht finden sie aber auch heraus, dass Wahlen unislamisch sind, und verbieten sie. Niemand kann das vorhersagen.»

* Name von der Redaktion geändert.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von November 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion