Somalia Im Chaos versunken

Verfeindete Clanmilizen und islamistische Gruppen kämpfen am Horn von Afrika seit 20 Jahren um die Macht, internationale Friedensbemühungen blieben bisher erfolglos. Die radikalen Milizen verhindern, dass die Nahrungsmittelhilfe die Dürregebiete erreicht.

Die Wucht der Explosion enthauptete Menschen und schleuderte abgetrennte Gliedmassen durch die Luft. Als der somalische Selbstmordattentäter Baschar Abdullahi Nur am 4. Oktober seinen mit Sprengstoff und Benzin beladenen Lastwagen im Zentrum der Hauptstadt Mogadischu explodieren liess, waren mehr als 70 Menschen auf der Stelle tot. Über 40 meist schwer verbrannte Somalier erlagen ihren Verletzungen später unter entsetzlichen Qualen im Krankenhaus. Selbst abgebrühte BewohnerInnen Mogadischus, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr Gewalttätigkeiten miterlebt haben als irgendjemand anderes in der Welt, waren vom Ausmass des Blutbads überwältigt: «So etwas habe ich noch nie gesehen», sagte ein Krankenpfleger im Medina-Hospital, bevor er sein Gesicht in den Händen verbarg.

Immer wieder hat die islamistische al-Shabaab-Miliz in den vergangenen drei Jahren gnadenlos zugeschlagen: Mehr als 350 Menschen sind bei den zehn blutigsten Selbstmordanschlägen der sogenannten Gotteskrieger ums Leben gekommen. Doch dass den mit der Terrorgruppe al-Kaida verbündeten Extremisten ausgerechnet in einer Zeit, in der alle von ihrer militärischen Niederlage reden, mitten in Mogadischu, dem Herzen der von ihnen bekämpften Übergangsregierung, ein derartig verheerender Schlag gelingen könnte, damit hatte keiner gerechnet – genauso wenig mit dem Zynismus, den die religiösen Eiferer an den Tag legten. Hatten sie sich bereits vor zwei Jahren die Abschlussfeier der ersten Abgänger einer medizinischen Hochschule als Ziel ausgesucht und neben drei Ministern zahlreiche künftige Ärzte umgebracht, so galt der jüngste Anschlag Studenten, die die Ergebnisse ihres Tests für ein Stipendium in der Türkei in Erfahrung bringen wollten: verheissungsvolle Leistungsträger, auf die Somalia so dringend angewiesen wäre. «Ungläubige halten unsere Leute mit weltlicher Erziehung beschäftigt, um sie von religiösen Studien abzulenken», begründete Attentäter Nur seine Tat in einem vor dem Massaker aufgezeichneten Interview.

Goodwill verspielt

Die «Jungs» – was al-Shabaab auf Deutsch bedeutet – hätten sich mit dem Anschlag auch das eigene Grab geschaufelt, ist der Somalia Beauftragte der Vereinten Nationen, Matt Bryden, überzeugt: Auf diese Weise hätten die Extremisten auch noch den letzten Rest ihrer Sympathien unter der Bevölkerung verspielt. Tatsächlich folgte bislang jedem Blutbad al-Shabaabs eine entschiedene negative Reaktion: Mit einem Anschlag in Uganda während des Finales der Fussball-WM 2010, dem 76 Menschen zum Opfer fielen, handelten sie sich die Verachtung des gesamten Kontinents und den Trotz der Ugander ein: Danach kämpften die 6000 in Mogadischu stationierten Soldaten aus dem ostafrikanischen Staat nur noch verbissener. Und das Attentat auf die jungen Mediziner zog einen endgültigen Schlussstrich unter die Zuneigung der HauptstadtbewohnerInnen zu den Islamisten, deren Aufstieg zur Macht von der des Chaos und Blutvergiessens müden Bevölkerung begeistert gefeiert worden war. Mit der Herrschaft der «Union islamischer Gerichte» (ICU) im August 2006 schien in den Staat erstmals nach 16 Jahren wieder etwas Normalität einzukehren – die Strassen wurden gereinigt und Schulen geöffnet. Ausserhalb Somalias stand man der Machtübernahme der Gottesmänner skeptisch gegenüber: Vor allem die USA zeigte sich besorgt, dass sich unter den religiösen Führern auch einzelne terroristische Eiferer befänden. Die Regierung des überwiegend christlichen und prowestlichen Nachbarstaats Äthiopien wurde deshalb ermutigt, die Herrschaft der somalischen Islamisten mit einer Invasion zu beenden, was den Truppen aus Addis Abeba – unter erheblichen Opfern – im Januar 2007 auch gelang. Allerdings löste die äthiopische Besatzung selbst unter säkularen Somaliern eine Welle der Empörung aus – und führte gleichzeitig zu einer dramatischen Radikalisierung der islamistischen Gruppierungen, deren gemässigte Vertreter fortan nichts mehr zu sagen hatten. Infolge der äthiopischen Invasion zerfiel die ICU. Ihre Jugendorganisation, al-Shabaab, blieb als eigenständige Organisation übrig und verstärkte den bewaffneten Kampf gegen die Übergangsregierung und die äthiopische Armee. Bald brachten sie grosse Teile des Landes unter ihre Kontrolle, von einem kleinen Teil Mogadischus und den autonomen Provinzen Somaliland und Puntland abgesehen. Die fundamentalistischen Muslime führten in ihren Territorien eine besonders scharfe Form der Scharia ein – sie hackten Dieben die Hände ab, verboten jede Art von Musik im Radio und machten sämtliche Kinos dicht.

Häuserkampf in Mogadischu

Dass es den Milizen trotzdem nicht gelang, ihre Macht auf Dauer zu sichern, ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen. Zum einen eignen sich die Somalier nur schlecht als fügsame Untertanen: Die Repression durch die Milizen stiess in der ansonsten eher moderaten somalischen Bevölkerung zunehmend auf Widerstand. Ausserdem entsandte die besorgte Afrikanische Union (AU) ab März 2007 eine Schutztruppe nach Somalia, die al-Shabaabs Herrschaft beenden sollte. Mogadischu, die einstige Perle Ostafrikas, glich Anfang dieses Jahres einem Trümmerfeld: Ein blutiger Häuserkampf mit Scharfschützen, Mörserfeuer, Sandsackfestungen und Schützengräben zerstörte auch noch die letzte Meile unversehrter Gebäude. Die von westlichen Militärberatern im Städtekampf ausgebildeten ugandischen und burundischen Soldaten erwiesen sich als überlegen: Haus um Haus und Block um Block drängten sie die zunehmend auch von ausländischen Mudschaheddin unterstützten Islamisten zurück.
Nahrungssituation somalia © Quelle Ocha/Grafik: Müller Lütolf

Schliesslich wurde Somalia in diesem Jahr von einer Dürre wie seit Jahren nicht mehr heimgesucht: Auf den Weiden des Halbwüstenstaats wuchs kein Pflänzchen mehr. Statt ihnen die Hälfte ihrer Ernten als Steuern abzuliefern, rannte den religiösen Herrschern die hungrige Bevölkerung davon. Tausende starben, bevor sie sich auf den Weg machen konnten. Aus Angst, das Ausland könnte mit der Nahrungsmittelhilfe Einfluss in ihren Gebieten gewinnen, verwehrte al-Shabaab den meisten westlichen Hilfsorganisationen den Zugang zu ihren Territorien: Ihrem Ansehen unter der Bevölkerung hat das allerdings nicht genützt.

Auch unter den «Jungs» selbst führte der Bann der Hilfe zu erheblichen Spannungen: Mancher al-Shabaab-Kommandeur soll den Ausschluss der Retter für einen schweren Fehler halten. Offenbar zieht sich der Riss vor allem zwischen den einheimischen Gottesmännern und den ausländischen Mudschaheddin hindurch. Die Hoffnung, der interne Streit werde bald zum finalen Kollaps der extremistischen Allianz führen, erwies sich bislang allerdings als trügerisch. Dass die Amisom-Truppen die «Jungs» bald aus dem ganzen Land vertreiben könnten, halten selbst die Amisom- Kommandeure für ausgeschlossen. Auch wenn ihre Truppenstärke bald von derzeit 9000 auf 12000 Mann aufgestockt wird, sei das bei Weitem nicht genug, um das Land von der doppelten Grösse Deutschlands von den Extremisten zu befreien. Auch auf die Truppen der somalischen Übergangsregierung ist kein Verlass: Sie nehmen im Ernstfall eher Befehle von ihren Clanältesten als von Offizieren entgegen.

Unzuverlässige Übergangsregierung

«Doch die westliche Somalia-Politik hat nun mal keine klaren Ziele und Strategien», klagt Roland Marchal, Somalia-Experte beim Pariser «Centre d’études et de recherches internationales»: Ihr grösstes Problem sei ihr Verbündeter – die somalische Übergangsregierung, die alle in sie gesetzten Erwartungen mit tödlicher Sicherheit enttäuscht. Vor einem Jahr sah es noch danach aus, als ob der gemässigt islamistische Präsident Scharif Scheich Achmed ein neues Kapitel aufschlagen würde. Sein Regierungschef reduzierte das 48-köpfige Monsterkabinett auf 18 Sitze, besetzte die meisten Ministerposten mit im Westen ausgebildeten Experten und sagte der alles überschattenden Korruption den Kampf an. Mogadischus neuer Bürgermeister organisierte Konzerte, liess die ersten Strassenlaternen installieren und Parks anlegen: Das Leben in der zertrümmerten Perle Ostafrikas schien sich langsam zu erholen.
Ein Jahr danach ist vom Aufbruch allerdings nur die Erinnerung geblieben. Präsident Scharif ist in einen Machtkampf mit dem Parlamentssprecher verwickelt, dem bereits der Premierminister zum Opfer fiel: Trotz des Protests der HauptstadtbewohnerInnen wurde der populäre Regierungschef als Bauernopfer ausgewechselt. Wo Parks geplant waren, haben inzwischen Tausende in die Stadt geflohener hungriger LandbewohnerInnen Notunterkünfte aus Ästen und Plastikplanen errichtet. Und auch der Kampf gegen die Korruption ist eingeschlafen. Inzwischen drohen neue Kämpfe. Im Oktober wurden vier europäische Frauen in Kenia entführt und nach Somalia verschleppt. Die Regierung in Nairobi machte al-Shabaab für die Übergriffe verantwortlich und startete eine Militäraktion. Die Miliz droht nun mit Anschlägen in dem Nachbarstaat, sollten die kenianischen Soldaten nicht abziehen. Wie solche Konflikte enden, weiss die somalische Bevölkerung zur Genüge.

 

Machtverhältnisse in Somalia

Machtverhältnisse © Grafik: Müller Lütolf

1960 entstand Somalia als unabhängiger Staat aus den Kolonialgebieten Britisch- und Italienisch-Somaliland. 1969 übernahm die Armee unter Mohamed Siad Barre die Macht. 1977 drangen somalische Truppen im Ogadenkonflikt in den Süden Äthiopiens ein, wurden aber von Äthiopien unter Mithilfe der Sowjetunion zurückgedrängt. 1991 wurde Siad Barre gestürzt, unter den siegreichen Rebellengruppen und Clans entbrannte ein Bürgerkrieg, der bis heute anhält. Der Norden des Landes erklärte sich 1991 als Somaliland einseitig für unabhängig. 1998 erklärte sich die Region Puntland im Nordosten Somalias für autonom. 2000 wurde nach Friedensverhandlungen in Djibouti eine nationale Übergangsregierung gebildet. 2006 übernahm die Union islamischer Gerichte die Kontrolle über weite Teile Süd- und Zentralsomalias. Im Januar 2007 marschierten äthiopische Truppen in Somalia ein, entmachteten die islamischen Gerichte und unterstützten die föderale Übergangsregierung. Im März 2007 kamen die ersten Schutztruppen der Friedensmission der Afrikanischen Union (Amisom) ins Land. 2009 zogen sich die äthiopischen Truppen aus Somalia zurück. Bis Ende 2010 übernahmen die islamistischen al-Shabaab-Milizen in weiten Teilen Süd- und Zentralsomalias die Macht. Ab Februar 2011 intensivierten die Amisom-Truppen den Kampf gegen die al-Shabaab-Milizen, die sich im August 2011 aus Mogadischu zurückziehen mussten. Nach mehreren Überfällen und Entführungen durch somalische Milizen marschierten im Oktober 2011 kenianische Truppen in Somalia ein. Piraterie: Seit 1991 hat die Piraterie in somalischen Gewässern kontinuierlich zugenommen. Seit 2005 wurden in den Gewässern vor Mogadischu und im Golf von Aden Hunderte von Schiffen gekapert. 2008 hat die Uno eine Resolution verabschiedet, mit der alle Staaten in der Region dazu aufgefordert werden, militärisch gegen die Piraten vorzugehen. Clansystem: In Somalia ist das Clansystem der Somali von grosser Bedeutung für Gesellschaft und Politik. Jeder Somali gehört über seine väterliche Abstammungslinie einem Clan an. Die fünf grossen Clanfamilien sind: Hawiye, Darod, Isaaq, Rahanweyn (bzw. Digil-Mirifle) und Dir. Jede dieser Clanfamilien besteht aus einer grossen Zahl von Untergruppen, denen einige Hundert bis Tausend Männer angehören.

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von November 2011
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion