Für die Beteiligung am Drei-Schluchten-Kraftwerk steckte ABB, die mittlerweile Menschenrechtsrichtlinien hat, Kritik ein. © Nowozin
Für die Beteiligung am Drei-Schluchten-Kraftwerk steckte ABB, die mittlerweile Menschenrechtsrichtlinien hat, Kritik ein. © Nowozin

Unternehmensverantwortung Firmeninterne Aufpasser

Nachhaltigkeit, Unternehmensverantwortung oder auf Neudeutsch Corporate Social Responsibility – das sind die Schlagwörter jener Firmen, die sich darum bemühen möchten, die Menschenrechte zu achten. Zwei Beispiele zeigen, wie diese freiwilligen Bemühungen in der Praxis aussehen können. Banken im Visier Nicht ausreichend

In Zeiten von Bioprodukten und Fair Trade ist es vielen Unternehmen nicht verborgen geblieben, dass ihre Kundschaft ein gerechtes und nachhaltiges Image anziehend findet. Sie realisieren, dass die Respektierung der Menschenrechte zu ihrer Verantwortung gehört. Tatsächlich gibt es Firmen, die extra Leute eingestellt haben, die dafür sorgen sollen, dass punkto Menschenrechten oder Umwelt nichts schief geht. Die Frage ist, ob Konzerne es schaffen, freiwillige Initiativen zur Unternehmensverantwortung umzusetzen, damit sie nicht nur schönes PR-Papier bleiben.

Der Zürcher Elektrotechnikkonzern ABB beispielsweise hat 2007 Menschenrechtsrichtlinien verabschiedet und unterhält eine interne Stelle für «Corporate Responsibility». Aber kann deren Leiter Ron Popper sicherstellen, dass die Richtlinien in den Geschäftsalltag einfliessen? «Wenn eine Firma die Menschenrechte wirklich ernst nehmen will, müssen entsprechende Kriterien in die Entscheidungsprozesse integriert werden», sagt Popper. Diese Kriterien sollen bei ABB in der Projektrisikoeinschätzung, bei der Zuliefererkette und auch vor allfälligen Firmenübernahmen zum Einsatz kommen.

Als zweiten wichtigen Pfeiler seiner Arbeit sieht Popper die Wissensvermittlung. «Bis Ende 2012 wollen wir die oberen Kader in den zwölf grössten Herstellungsländern zu den Menschenrechtsthemen schulen», erklärt der ehemalige Journalist. Die Schulungen dauern allerdings in der Regel bloss einen halben Tag. «Es wäre schön, wir hätten eine Woche Zeit!», meint Popper. Neben dem Management werden ebenfalls im Jahr 2012 die sogenannten Nachhaltigkeits-Controller des Elektrokonzerns in über 40 Ländern instruiert. So will Popper, dessen Team in Zürich aus drei Personen besteht, unter den weltweit 135000 ABB-Angestellten weitere Verbündete für die Achtung der Menschenrechte gewinnen. «Wir können aus der Schweiz heraus die Zehntausende von Geschäften weltweit nicht alle im Blick behalten. Deshalb müssen unsere Leute vor Ort ein Sensorium für problematische Fälle entwickeln und wissen, an wen sie sich wenden können.»

Popper prüft einzelne geplante Geschäfte und warnt, wenn er Probleme sieht. Das kann dazu führen, dass das Projekt eines Mitarbeitenden abgeschmettert wird. ABB, die immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert war, etwa wegen der Beteiligung am umstrittenen Drei-Schluchten-Kraftwerk in China oder für die mittlerweile beendete Tätigkeit im Sudan, operiert häufig in einem heiklen Umfeld: Grosse Infrastrukturprojekte in Entwicklungsländern mit schwachen staatlichen Strukturen und wenig Verteidigungsmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung bieten potentiell oft Zündstoff. «ABB hat im Menschenrechtsschutz Fortschritte gemacht, aber es ist immer noch ‹work in progress›», betont der gebürtige Brite. «Die Menschenrechte gewinnen im Geschäftsumfeld aber an Bedeutung – so wie Umweltprüfungen ein Thema geworden sind.»

Das Umfeld, in dem eine Grossbank Geschäfte macht, unterscheidet sich von jenem eines Industriekonzerns. Die in den letzten Jahren in vieler Hinsicht unter Beschuss geratenen Banken stehen vor grossen Herausforderungen. Wie diese in Sachen Menschenrechte aussehen, erläutert bei der Credit Suisse Bruno Bi-schoff, stellvertretender Leiter der Abteilung Public Policy – Sustainability Affairs. Auch bei der Credit Suisse gibt es ein zentrales Dokument, das verbindlich festlegt, inwiefern ökologische, soziale und gesellschaftliche Aspekte in das Geschäftsleben einfliessen sollten. Es nennt sich Code of Conduct und wird konkretisiert mit einer «Erklärung zur Nachhaltigkeit». Die Grundsätze umfassen den Umgang mit den derzeit rund 50000 Angestellten weltweit, den Lieferanten und den Kunden. Die Lieferanten bieten bei Banken weniger Stoff für potentielle Probleme als die Kunden. Auch die Credit Suisse stand wiederholt in der Kritik, etwa für die Geschäftsbeziehungen mit Unternehmen wie Trafigura, welches 2006 Giftmüll in der Côte d’Ivoire entsorgen liess, oder für die Begleitung beim Börsengang des Rohstoffkonzerns Glencore.

Wie entscheidet die Bank, in welche Geschäfte sie einsteigt? «Die Credit Suisse verfügt über einen Prozess, um zu prüfen, ob ihr Engagement zu Konflikten mit Menschenrechten führen könnte», sagt Bischoff. Sein Team nimmt jeweils an den firmenweiten Risikoprüfungsprozessen teil und untersucht soziale und umweltspezifische Aspekte. 2010 wurden 284 Transaktionen geprüft; davon wurden 16 Prozent abgelehnt oder nicht weiterverfolgt. Das Team Sustainability Affairs entscheidet allerdings nicht abschliessend darüber, ob ein Geschäft stattfindet oder nicht. «Am Risikoprüfungsprozess sind auch andere Spezialisten beteiligt, den Entscheid treffen Verantwortliche aus dem Risiko- oder Rechtsbereich», so Bischoff weiter. Nur vereinzelt untersuchen seine Leute vor Ort die Bedingungen für eine geplante Transaktion; in der Regel stützen sie sich auf Berichte, die von spezialisierten Beratungsfirmen erstellt werden.

Um die Kundenbetreuungsteams für menschenrechts- oder umweltspezifische Themen zu sensibilisieren, führen Bischoff und seine KollegInnen regelmässig Schulungen durch. «Das Team in Hongkong etwa schult gezielt Berater, die Firmen im Bergbau in Südostasien zu ihren Kunden zählen», sagt Bischoff. Jedoch sind nicht alle Mitarbeitenden verpflichtet, an diesen Schulungen teilzunehmen. Dagegen sei die Einhaltung des Code of Conduct sowie aller massgebenden internen Weisungen mit Umwelt- und Menschenrechtsvorgaben, beispielsweise für den Bergbau oder die Forstwirtschaft, für alle verbindlich und Teil der Leistungsbeurteilung, erläutert Bischoff weiter.

In der Schweiz haben unter anderem auch Kuoni, Holcim oder Nestlé, die letztens wegen des Dokumentarfilms «Bottled Life» in den Schlagzeilen war, Stellen für Unternehmensverantwortung. «Solche firmeninternen Initiativen sind ein Schritt in die richtige Richtung, aber sie reichen nicht aus», sagt Danièle Gosteli Hauser, Wirtschaftsexpertin bei Amnesty International. «Sie bilden keinen richtigen Schutz vor Missbrauch. Falls die Menschenrechte verletzt werden, haben die Betroffenen keine Möglichkeit, ihr Recht einzuklagen». Gosteli Hauser unterstreicht, dass Menschenrechte nicht einfach ein Mittel des Risikomanagements sein sollten: «Die Firmen müssen verstehen, dass sie wirklich eine Verantwortung tragen.»

Erschienen in «AMNESTY – Magazin der Menschenrechte» von März 2012
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion