Ägypten Langer Weg bis zur Demokratie

Weil er auf seinem Blog das ägyptische Militär kritisiert hatte, sass Maikel Nabil im Gefängnis. Nun ist der junge Aktivist wieder frei. Er nimmt noch immer kein Blatt vor den Mund, wenn es um den Militärrat und die islamistischen Parteien geht, welche die Zukunft des Landes in der Hand haben.

Maikel Nabil Maikel Nabil. © AI

Maikel Nabil. Ein junger Mann von 26 Jahren. Er steckt in einem grossen Pullover und breiten Hosen. Seine dunklen Haare sind halblang, die Augen braun. Er wirkt müde. Doch sobald er von der Demokratisierung in Ägypten spricht, kommt Leben in ihn. Er ist erst seit einigen Monaten wieder auf freiem Fuss, und es ist schwer zu glauben, dass er inhaftiert und gefoltert wurde und während 130 Tagen unterernährt war.

Alles begann im Frühling des letzten Jahres. Auf seinem Blog kritisierte er die exzessive Gewalt, mit der die Angehörigen des Militärs gegen Demonstrierende vorgingen, und berichtete von der Folter, die ihm während einer Haft im Februar 2011 angetan wurde. Er wurde erneut verhaftet und am 10. April 2011 zu drei Jahren Haft verurteilt. «Mein Gerichtsverfahren hat sich in völliger Geheimhaltung abgespielt. Ich habe den Richter nicht gesehen. Man hat mir einfach ein Papier mit dem Urteil gegeben», regt er sich auf. Er wurde von einem Militärgericht in einem Prozess verurteilt, der von Amnesty International als unfair eingestuft wurde. 2011 haben die Militärgerichte fast 12000 Zivilpersonen verurteilt – das sind mehr solche Urteile gegen Zivilisten, als in den ganzen 30 Jahren des Mubarak-Regimes ergingen.

Hungerstreik und Schläge

Während seiner zehn Monate im Gefängnis denkt Maikel Nabil viel über die Demokratie nach. Er hatte seine Meinung geäussert, seine Mitbürger und Mitbürgerinnen verteidigt und wurde dafür eingesperrt. Er wurde geschlagen und gefoltert, sechs Mal von einem Gefängnis ins nächste verlegt. Die Behörden steckten ihn sogar vier Tage lang in eine psychiatrische Klinik, «damit man erzählen konnte, ich sei verrückt. So wollten sie jene Leute entmutigen, die mich draussen unterstützten», sagt der junge Mann. Sehr ernst und emotional aufgewühlt erzählt er das Schicksal von Mohammed Gamal, der an einer Kampagne für seine Freilassung mitgearbeitet hatte und ermordet wurde. Ein anderer Landsmann, Emad Bazzi, besuchte den jungen Blogger im Gefängnis und unterstützte ihn offen. «Emad Bazzi reiste ins Ausland, und als er wieder nach Ägypten zurückkehren wollte, sagte man ihm am Flughafen, dass er nicht einreisen könne, weil er mich verteidigt hatte», berichtet Maikel Nabil. Auch sein Vater und sein Bruder wurden mehrmals bedroht. «So will sich die Armee an mir rächen», ist sein Fazit. Aber er hat nicht aufgegeben. Um gegen die Verletzung seiner Grundrechte zu protestieren, riskierte er sein eigenes Leben und war 130 Tage lang im Hungerstreik. Am 21. Januar 2012 kam er endlich frei, zusammen mit 2000 anderen Gefangenen. Auch wenn er froh ist, wieder in Freiheit zu sein: Maikel Nabil hätte für seine Meinungsäusserung gar nie verurteilt werden dürfen.

«Keine freien Wahlen»

Was hält Maikel Nabil von den Leuten, die jetzt an der Macht sind? «Es ist eine Regierung von Verrückten», sagt er rundweg. Der junge Aktivist beurteilt die Parlamentswahlen von Anfang 2012 kritisch. «Das waren keine freien Wahlen!», betont er. «Die Armee hat die Oppositionellen unter Druck gesetzt, und viele Gegner des Militärrats konnten gar nicht kandidieren. Ich selber war ja auch im Gefängnis.» Laut Maikel Nabil sei das Volk bei den Wahlen ausgebootet worden. An der Spitze dagegen hätten die Militärs und die Islamisten alles unter sich ausgemacht. «Sie sind Partner, sie haben die gleichen Interessen und sie wollen keine Demokratie», findet er. «Sie haben Hand in Hand zusammengearbeitet und die Wahlen gelenkt.» Die islamistischen Politiker hatten den Vorteil, dass sie bekannt waren, schon lange Teil der politischen Landschaft waren und die Mittel hatten, um eine Wahlkampagne zu führen. Beim Volk hätten gemäss Maikel Nabil die Angst vor der Veränderung, die Unsicherheit und die fehlende Vorbereitung der Opposition eine Rolle gespielt.

Revolution geht weiter

Maikel Nabil verbirgt seine fehlende Wertschätzung für die aktuellen Machthaber nicht. Der junge Aktivist, der in einer Familie von koptischen Christen aufgewachsen ist, bezeichnet sich heute als Atheist. Das mag einer der Gründe für seine Abneigung gegenüber den Islamisten sein. Seine Unterstützung einer Versöhnung mit Israel machte ihn in gewissen Teilen der Protestbewegung umstritten. Doch der junge Mann bekennt sich weiterhin klar zur Revolution.

Auch wenn die Machthaber die Oppositionellen zum Verstummen bringen wollen, ist der Weg zur Demokratie nicht unterbrochen. Maikel Nabil wohnt in Kairo, wo die Möglich-keiten am grössten und die Demokratiebewegung am stärksten ist. Er hat ein Studium der Rechtswissenschaften angefangen. Doch seine Hauptpriorität ist seine politische Tätigkeit. Er gehört mehreren Bewegungen an, bleibt aktiv auf Blogs und leitet die Organisation No compulsory military service, die sich gegen den obligatorischen Militärdienst stellt. In den Augen des unermüdlichen Aktivisten ist die revolutionäre Kraft immer noch da. «Wir warten auf den richtigen Moment, um uns wieder zu erheben», unterstreicht er. «Die Demokratie in Ägypten entwickelt sich langsam und braucht viel Zeit.» Es ist Maikel Nabil bewusst, dass er selber sie vielleicht nicht mehr erleben wird.

 


Grosse Herausforderungen für Ägypten

Die Parlamentswahlen in Ägypten begannen im November 2011 und endeten im Januar 2012. Die grossen Gewinner mit 47 Prozent der Sitze waren die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbruderschaft und ihre Bündnispartner in der Demokratischen Allianz. Im Mai fanden die Präsidentschaftswahlen statt.

Die grösste Herausforderung für das Land ist in jedem Fall der Übergang der Macht vom Militärrat an eine zivile und demokratische Regierung. Zahlreiche Reformen sind notwendig. Nach Ansicht von Amnesty International muss die Praxis der geheimen Haft beendet, die Todesstrafe abgeschafft, die Meinungsfreiheit garantiert und die Position der Frauen gestärkt werden.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von Juni 2012
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion