Stadt Cherán Ein Vorbild für Mexikos Indigene

Ein kleines Städtchen in Mexiko wird zum Vorbild der indigenen Bevölkerung des Landes. Denn Cherán hat sein Geschick in die eigenen Hände genommen. Auslöser war die Korruption der früheren Gemeinderegierung durch die Drogenmafia.

Mexiko-Stadt liegt acht Stunden und eine ganze Welt zurück. Der Wald scheint unendlich, die Bundesstrasse 37 ebenfalls. Nach einer weiteren Kurve folgt der Schreck: eine Strassensperre, martialisch bewaffnete Männer und Frauen in ausgemusterten US-Uniformen. Drogengangster? Paramilitärs? Desertierte Soldaten? Alles ist möglich im Bundesstaat Michoacán, Hotspot des Drogenkrieges.

Auf dem Gemeindeplatz von Cherán herrscht bis spät nachts eine Unbeschwertheit, wie sie im gewaltgeprägten Mexiko selten ist.

Mit beruhigender Höflichkeit präsentiert sich der Chef des bunten Trupps: autonome Gemeindepolizei von Cherán. Verboten sind Waffen, Drogen und Alkohol. Andere Autos werden gnadenlos gefilzt, das AR-15-Schnellfeuergewehr im Anschlag. Europäischen Besuchern scheint man zu vertrauen: «Herzlich Willkommen in Cherán!»

Apotheke «Zur Wiederauferstehung»

Im Zentrum thront eine viel zu grosse Kolonialkirche. Dekoriert ist sie in der für indigene Gemeinden typischen Mischung aus barockem Kitsch und leuchtenden Farben. Daneben die Apotheke «Zur Wiederauferstehung». Davor auf dem Gemeindeplatz herrscht bis spät nachts eine Unbeschwertheit, wie sie im gewaltgeprägten Mexiko selten ist. Frauen in den traditionellen blau-weiss gestreiften Tüchern der Purépecha bieten gegrillte Maiskolben und Tamales feil, brutzeln Tacos und schenken das Maisgetränk Atole aus. Einige Bürger und Bürgerinnen diskutieren die Ergebnisse der letzten Gemeindeversammlung. Schüler und Studentinnen sitzen mit ihren Laptops auf der Gemeindetribüne, wo es gratis Internetzugang gibt. Die Türen vieler Häuser stehen offen, ebenso die parkierten Autos.

Auch in Cherán fasste das organisierte Verbrechen einst Fuss, so wie in 72 Prozent der 2435 Gemeinden Mexikos. Als einzige in Mexiko befreite sich Cherán wieder aus eigener Kraft davon. Damit nicht genug. Nach Jahrzehnten korrupter Gemeindepräsidenten schaffte der 18000-Seelen-Ort dieses Amt ab und ersetzte es durch einen Ältestenrat.

Banden plünderten Wald

Die Gewaltwelle begann im Jahr 2008, als Verbrecherbanden anfingen, den einzigen Reichtum des Städtchens zu plündern: den Wald. Er bedeckte damals noch den grössten Teil des 27000 Hektare umfassenden Gemeindegebiets, eine Fläche fast so gross wie der Kanton Genf. Doch ganze Brigaden sägten die Hänge kahl, bewacht von bewaffneten Trupps. Bis zu 250 Kleinlaster durchquerten täglich das Städtchen, jeder mit zwei bis drei Kubikmetern geraubtem Holz. 13000 Hektare Wald plünderten die Banden innerhalb von drei Jahren.

Ein Kahlschlag in diesem Ausmass lässt sich nur mit Hilfe eines Drogenkartells organisieren. Es erhob von jedem Kleinlaster, der Cherán durchquerte, rund 40 Franken Gebühr. Im Gegenzug stellte das Kartell Weitertransport und Vermarktung sicher. Der «geraubte Wald» wurde schliesslich als vermeintlich ordnungsgemäss geschlagenes Holz verkauft, mit allen notwendigen Papieren der Behörden von Bundesstaat und Bundesregierung.

Wer sich wehrte, wurde ermordet oder verschwand spurlos. In drei Jahren hemmungslosen Kahlschlages starben darum 20 Bürger Cheráns. In keinem der Fälle hat Mexikos Justiz bisher ermittelt, ebensowenig gegen den damaligen Bürgermeister, der die Abholzung deckte. Mit der Drogenmafia kam die Kriminalität nach Cherán. Illegale Drogen, Raub, Erpressungen und Entführungen wurden zum Alltag. «Wir liefen nur noch geduckt durch die Strassen», erinnert sich ein Bürger. Zu wehren wagte er sich nicht: «Ich fühlte Demütigung und Ohnmacht.»

Am 15. April 2011 schlug die Demütigung in einen spontanen Volksaufstand um. Denn damals begannen die Holzfäller, die Bäume rund um die Wasserquellen zu fällen. Eine aufgebrachte Menge zündete die Holztransporter an. Wenig später traf ein Killerkommando des Drogenkartells ein, ausgerüstet mit Maschinengewehren. Die damalige Gemeindepolizei gab den Killern Geleitschutz. Die Bürger und Bürgerinnen verteidigten sich nur mit Schaufeln und Macheten. Gegen deren gesammelten Zorn war selbst die Drogenmafia machtlos. Sie flüchtete mitsamt den damaligen Polizisten und wurde seither nicht mehr gesehen.

Drei Monate lang verbarrikadierte sich Cherán. Freiwillige gründeten eine eigene Bürgerwehr, Vorläufer der heutigen Gemeindepolizei. Zugleich machte Cherán den politischen Schritt, der noch keiner Ureinwohnergemeinde in Mexiko gelang. Es wählte einen Ältestenrat und setzte dessen Anerkennung durch das oberste Wahlgericht Mexikos durch.

Demokratie gegen Korruption

Zentrales Anliegen ist die Vermeidung von Korruption. Genau darum gibt es in Cherán auch keinen Finanzdirektor mehr und erst recht keinen Polizeichef. Alle Geschäfte werden vom Ältestenrat oder von den ihm untergeordneten sechs Fachräten geführt. Deren Mitglieder sind im Städtchen bekannt und müssen in monatlichen Gemeindeversammlungen alle wichtigen Geschäfte vom Volk absegnen lassen. Nach aussen hin tritt man aber nur im Kollektiv auf und gibt seine wirklichen Namen nicht bekannt. «So kann uns das organisierte Verbrechen weder korrumpieren noch erpressen», betont ein Mitglied des Ältestenrates.

Auch wenn Cheráns autonome Regierung jetzt offiziell anerkannt ist, findet ein «kalter Krieg» mit den Regierungen von Bund und Bundesstaat statt, klagt David Romero, Anwalt und juristischer Berater des Ältestenrats. «Sie behindern uns, wo sie können.» Das der Gemeinde gesetzlich zustehende Budget werde oft verspätet oder gar nicht ausgezahlt. Sozial- und Wirtschaftsprogramme wurden gestrichen.

Hinzu kommt «versteckte Repression», so Romero. Sein Telefonanschluss wird abgehört, stellte er kürzlich fest, ebenso die Linien der Ratsmitglieder. Auf Romeros Strafanzeige hin blieb die Justiz untätig. Anlass der illegalen Überwa­­chung sei Cheráns Vorbildrolle, vermutet Romero. Delegierte mehrerer Dutzend weiterer indigener Gemeinden Mexikos besuchten das Städtchen in den letzten Monaten. Sie alle interessiert das Gleiche: eine eigene, autonome Gemeinderegierung, unabhängig von den politischen Parteien. «Das beunruhigt die Bundesregierung», zeigt sich Romero überzeugt.

Der Ausgang des direktdemokratischen Experiments in Cherán bleibt damit offen. Eine Rückkehr der Drogenmafia hält man allerdings für ausgeschlossen. Die jungen Gemeindepolizisten am Checkpoint zeigen sich siegessicher: «Die kommen nicht mehr. Denn sie wissen, dass wir hier alle bereit sind, mit der Waffe in der Hand zu sterben.»

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von August 2012
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion