Verhaftung Pater Solalindes in Ciudad Ixtepec am 10. Januar 2007. © Martha Izquierdo
Verhaftung Pater Solalindes in Ciudad Ixtepec am 10. Januar 2007. © Martha Izquierdo

Todesdrohungen gegen Pater

Aufmüpfige Menschen leben in Mexiko gefährlich. So wie Pater Solalinde: Er prangert im Süden Mexikos die Verbrechen gegen Migranten und Migrantinnen an. Das hat ihm sechs Morddrohungen eingebracht.

Viel Zeit bleibt Pater Solalinde nicht für seine Pfarrgemeinde. Der bescheidene, aber sehr entschlossene katholische Priester unterhält in Ixtepec im südlichen Bundesstaat Oaxaca eine 1600 Quadratmeter grosse Unterkunft für MigrantInnen, die jährlich Tausende von Durchreisenden aufnimmt. Er verurteilt den Missbrauch dieser schutzlosen Menschen und die vielen Fälle von Verschwindenlassen scharf. «Ich informiere systematisch über alle Entführungen und Menschenrechtsverletzungen, von denen ich erfahre.

Pater Solalindes Arbeit stört das einträgliche Geschäft der kriminellen Banden.

Ich gebe den Medien Bescheid. Das ist der Grund, wieso die Kriminellen vor mir Angst haben», so der Pater. Seine Äusserungen betreffen auch die obersten Etagen der Machthabenden, und sie stören das einträgliche Geschäft der kriminellen Banden, die Hand in Hand mit Regierungsvertretern ihr Unwesen treiben. Pater Solalinde hat auch dem ehemaligen Gouverneur von Oaxaca gravierende Vorwürfe gemacht, die diesen ins Gefängnis bringen könnten. «Nach meiner Rückkehr werde ich die Taten des ehemaligen Gouverneurs erneut anprangern», erklärte Pater Solalinde bei einem Besuch in der Schweiz.

Dieses furchtlose Verhalten erregte Aufmerksamkeit, und bald folgten Todesdrohungen. Die Behörden wurden dazu verpflichtet, etwas zu tun. Seit 2011 sind vier Polizisten vor der Migrantenunterkunft postiert, und zwei Bodyguards begleiten Solalinde überall hin. Doch das reicht nicht aus. Eines Abends, als er in der Apotheke einkaufte, sagte eine Verkäuferin zu Solalinde: «Zum Glück sehe ich Sie. Es wurde jemand angeheuert, um Sie zu töten.» Nur knapp entging er einem Angriff, als er an einer Beerdigung sprach. Nach einer Serie von Drohungen lancierte Amnesty International eine Briefaktion, um Schutz für Solalinde zu fordern. Die Menge an Briefen, die daraufhin eintraf, brachte die Generalstaatsanwältin der Republik dazu, dem Pater bessere Sicherheitsmassnahmen zu versprechen.

Entschlossenheit

Trotzdem scheint nichts den katholischen Priester verunsichern zu können. «Ich bin wie ein Hirte, der seine verletzlichen Schafe vor den Angriffen der Wölfe schützen muss.» So einfach erklärt er seine Motivation. Doch Vorsteher anderer Pfarreien haben nicht das gleiche Feuer. Solalinde nimmt es ihnen nicht übel und meint nur: «Sie haben Angst davor, ermordet zu werden.» Auf Einladung von Peace Brigades International und Amnesty International besuchte der schmale Mann mit der singenden Stimme verschiedene europäische NGOs, um über die gefährliche Situation der Migranten und Migrantinnen in Mexiko zu berichten. Die Reise bedeutete für ihn einen Monat fernab der Gefahr, eine Gelegenheit, um durchzuatmen. Nach seiner Rückkehr erwarteten ihn seine Bodyguards schon am Flughafen. Anschliessend verbrachte Solalinde einige Wochen in einem Kloster, dessen Adresse geheim gehalten wurde. Die Gefahr ist noch nicht gebannt.

Erschienen in «AMNESTY - Magazin der Menschenrechte» von August 2012
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion